Der Bielefelder Gastronom Andreas Stahlberg über den Lockdown, die Situation in der Branche, wirtschaftliche Hilfen und die Zulieferbetriebe
„Die Gastronomie muss uns wichtig sein“

Staatshilfe in Milliardenhöhe. So möchte die Politik der Gastronomie helfen. Aber wie sieht es vor Ort bei den Betroffenen aus? Der Lockdown und die Folgen für Restaurants und Gaststätten und ihre Zulieferbetriebe: Ein Interview mit Andreas Stahlberg, Inhaber des gleichnamigen Restaurants am Alten Markt in Bielefeld.

Freitag, 20.11.2020, 06:02 Uhr aktualisiert: 20.11.2020, 12:16 Uhr
Das Restaurant Stahlberg am Alten Markt in Bielefeld: Betriebsleiterin Mareike Bleeke (31) und Inhaber Andreas Stahlberg (55)machen auf die schwierige Situation der Gastronomie und deren Zulieferer aufmerksam.
Das Restaurant Stahlberg am Alten Markt in Bielefeld: Betriebsleiterin Mareike Bleeke (31) und Inhaber Andreas Stahlberg (55)machen auf die schwierige Situation der Gastronomie und deren Zulieferer aufmerksam. Foto: André Best

Der Bund macht für die Gastronomie bis zu 25 Milliarden Euro locker. Kleinere Betriebe sollen bis zu 75 Prozent, größere bis zu 70 Prozent erhalten. Das dürfte allemal mehr sein als der Umsatz, den die Betriebe erzielt hätten, wenn sie unter Coronabedingungen hätten öffnen dürfen. Somit ist doch alles prima, oder?

Andreas Stahlberg: Wir sollen bis zu 75 Prozent des Novemberumsatzes 2019 erstattet bekommen. Das hört sich auf den ersten Blick ganz fabelhaft an. Aber wer sich damit auseinander gesetzt hat, weiß, dass das komplette Kurzarbeitergeld davon abgezogen wird. Außerdem ist unklar, ob die Hilfe auch im Dezember bezahlt wird, wenn die Betriebe weiter geschlossen bleiben müssen. Anfangs war uns zudem gar nicht bekannt, ob uns die Umsätze des Außer-Haus-Verkaufs davon abgezogen werden. Das ist zum Glück nicht der Fall. Aber insgesamt ist die Situation alles andere als einfach.

 

Sie beziehen wie viele andere Restaurants Ihre Waren von Lieferanten. In welcher Situation befinden sich diese Betriebe?

Stahlberg: Der Lockdown mit Schließung der Restaurants hat zur Folge, dass wir viel weniger Ware benötigen. Unser Lieferant Höllmann aus Sassenberg beispielsweise braucht uns die nächsten Wochen keine Kartoffeln und Eier mehr zu liefern, genauso wie unsere Getränke- und Weinlieferanten uns keine Waren bringen müssen. Unser Getränkefachgroßhandel Zumdiek aus Harsewinkel mit mehr als 100 Festangestellten ist ebenso hart betroffen. Von deren 26 Lkw, darunter 18 Gastro-Lkw, stehen derzeit 15 still. Bis einschließlich Oktober 2020 hat der Betrieb einen Umsatzverlust von acht Millionen Euro. Von März bis Mai sowie ab November befinden sich dort drei Viertel aller Mitarbeiter in Kurzarbeit. Das zeigt die Dimension. Die Liste der Betroffenen ist lang. Auch um diese Betriebe müssen wir uns Sorgen machen. Und ebenso um die Mitarbeiter der Gastronomiebranche. Manche erhalten Kurzarbeitergeld, aber deren persönlichen Kosten bleiben ja. Alle Festangestellten mussten auf knapp 40 Prozent ihres Gehalts verzichten. Und das teilweise seit Monaten, bei gleichbleibenden Verpflichtungen. Außerdem fällt deren Trinkgeld komplett weg. Was viele vergessen oder nicht wissen: Auch wir sind Wirtschaftsbetriebe und kalkulieren entsprechend. Viele sagen: Die Gastronomie bekommt ja Hilfe. Das ist bei weitem zu kurz gedacht. Denn die Hilfe bedeutet ja nicht, dass es uns gut geht. Nein, viele Betriebe fürchten um ihre Existenz.

 

Stahlberg auf einen Blick: Die Übersicht zeigt die Dimension eines Restaurantbetriebes und alles, was dazugehört. Zulieferer, das Personal, Lieferanten, Dienstleister und vieles mehr werden aufgrund der Schließung aktuell nicht benötigt. Auch sie leiden unter dem Lockdown. Grafik: Heinz Stelte

Stahlberg auf einen Blick: Die Übersicht zeigt die Dimension eines Restaurantbetriebes und alles, was dazugehört. Zulieferer, das Personal, Lieferanten, Dienstleister und vieles mehr werden aufgrund der Schließung aktuell nicht benötigt. Auch sie leiden unter dem Lockdown. Grafik: Heinz Stelte

Wieviel Umsatzeinbußen haben Sie seit Pandemiebeginn?

Stahlberg: Viele Betriebe haben bislang Umsatzeinbußen von etwa 30 Prozent unverschuldet erlitten. Das bringt sie zwangsläufig in eine schwierige Situation. Falsch ist auch, dass sämtliche unserer Kosten weggefallen wären. Denn ein Außer-Haus-Service muss nicht nur organisiert werden, sondern ist auch mit zusätzlichen Ausgaben verbunden.

Können Sie das bitte konkretisieren?

Stahlberg: Also zunächst haben wir als Restaurant aus dem Nichts mit dem Lieferservice ein neues Geschäftsfeld aufgebaut. Das ist mit Ausgaben verbunden. Erschwerend hinzu kommt, dass wir als Lieferservice zuvor nicht tätig waren. Mit den Internet-Lieferdiensten zusammenzuarbeiten, kommt für uns nicht in Frage, weil es zu teuer ist. Für unsere Gäste ist es ebenfalls neu, dass wir liefern. Aber so ein Geschäftsbereich läuft nicht auf Knopfdruck. Das braucht Zeit. Aber die haben wir nicht, denn wir müssen unsere Umsatzeinbußen sofort versuchen zu kompensieren. Das klappt aber bei weitem nicht.

Was war so schwierig am Außer-Haus-Service?

Stahlberg: Die größte Schwierigkeit war, dass es keine genauen Vorgaben, Anweisungen, Beispiele für die Datenerfassung, rechtliche Hinweise bezüglich Datenschutzverordnung etc. gab. In den vergangenen Monaten mussten wir weder Daten von Gästen zur Nachverfolgung bereitstellen noch wurden wir darüber informiert, dass jemand, der positiv auf Corona getestet wurde, bei uns zu Gast gewesen ist. Nachdem für uns relativ schnell klar wurde, dass wir die Abstands- und Hygienemaßnahmen über einen ungewissen Zeitraum hinaus beibehalten werden müssen, haben auch wir uns dazu entschlossen, den Außenbereich am Haus mit Heizstrahlern auszustatten und eine neue Konstruktion als Wetterschutz bauen zu lassen. Dann wurde uns das untersagt. Durch die kurzfristigen Beschlüsse, denen wir Folge leisten müssen, ist es uns nicht möglich, langfristig richtige Entscheidungen zu treffen. Aber die Investitionen sind ja dadurch nicht verschwunden. Ähnlich ist es mit dem Verpackungsmaterialien. Im ersten Lockdown haben wir umweltgerechte Verpackungen gekauft. Die waren aber schnell ausverkauft. So kurzfristig wie wir schließen mussten, wurde dann auch mit dreitägiger Vorlaufzeit verkündet, dass wir wieder öffnen durften. Unsere Lieferanten waren darauf genauso wenig vorbereitet. Fehlende Produkte oder Ersatzartikel führten dann auch noch zum Unverständnis einiger Gäste. Ein Restaurant mit frischer Küche kann nicht von heute auf morgen zu und wieder aufgemacht werden, Personal wird weggeschickt beziehungsweise entlassen und muss dann wieder angeheuert, angemeldet, eingearbeitet und geschult werden.

Sie mussten Hygienekonzepte entwickeln und auf die Einhaltung der Maskenpflicht achten. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Zusammenhang gemacht?

Stahlberg: Im Zusammenhang mit den Hygienekonzepten war uns klar, was wir zu tun hatten. Aber für manche Maßnahme haben wir einfach kein Verständnis. Es leuchtet uns nicht ein, warum wir beispielsweise Sitzkissen und Decken für unsere Gäste nach jeder einzelnen Benutzung waschen mussten, während es im Handel, beispielsweise in einem Bekleidungsgeschäft, keinerlei solcher Hygienemaßnahmen gibt. Salz- und Gewürzstreuer sowie Teelichter durften nicht auf den Tischen stehen. Das wurde strengstens kontrolliert. Während die Gastronomie massiv Regeln einzuhalten hatte, saßen und sitzen in den Bussen und Bahnen Menschen dicht an dicht zusammen. Die Polster, auf denen die Menschen sitzen, müssen nicht gereinigt werden. Wir sehen darin eine Ungleichberechtigung und halten das Procedere für unfair.

Die Coronazahlen steigen, die medizinische Versorgung muss sichergestellt sein. Halten Sie denn die Schließungsmaßnahmen – bezogen auf die Gastronomie – für angemessen?

Stahlberg: Nein. Gastronomie in den Städten und der Einzelhandel gehören zusammen. Gastro leer, Stadt leer. Wenn die Menschen nicht einmal mehr einen Kaffee trinken können, eine kleine Stärkung oder einfach nur kurz eine Pause machen, geschweige denn die Toilette aufsuchen können, warum sollen sie dann in die Stadt gehen? Warum müssen wir schließen und der Handel darf weiter öffnen? Wir sehen uns als Bauernopfer.

Wie wichtig ist denn die Gastronomie in einer Stadt wie Bielefeld?

Stahlberg: Wie gesagt: sehr wichtig. Mehr Licht, mehr Leben, mehr Freundlichkeit. Vor 30 Jahren war der Einzelhandel das Wichtigste. Neue Studien belegen, dass die Gastronomie immer wichtiger geworden ist und sie die Menschen in die Städte bringt. Denn Shoppen geht mittlerweile auch online, aber Essen und Trinken – selbst wenn man es sich liefern lässt – kann nicht so einfach ersetzt werden. Die Gastronomie muss uns wichtig sein.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Stahlberg: Dass die Gastronomie, Kultur und Kunstbranche als wichtiger Bestandteil der Wirtschaft angesehen wird und man mit uns spricht, anstatt über unsere Köpfe hinweg Entscheidungen trifft.

Hat denn die Bielefelder Politik den Gastronomiebetrieben wenigstens den Rücken gestärkt?

Stahlberg: Es war fast unmöglich, überhaupt nur telefonisch einen Termin zu vereinbaren. Als es dann nach mehreren Anläufen geklappt hat, wurden wir von einer Person in Empfang genommen, die es noch nicht einmal für nötig gehalten hat, sich über unsere Branche zu informieren, geschweige denn irgendwelche hilfreichen Informationen gegeben hat.

Gastronomiebetriebe sind ja in der Regel abgesichert gegen Betriebsausfälle. Sie auch?

Stahlberg: Ja, wir haben eine Betriebsausfallversicherung. Beim Abschluss war der Gedanke an eine Pandemie weit entfernt und trotzdem hatten wir ein gutes Gefühl bei der Beratung und dem Versicherungsumfang. Aber wie es dann meistens so ist, will die Versicherung nicht zahlen. Wir selbst sind sogar auch gegen Pandemien geschützt. Aber Corona ist nicht in den AGB aufgeführt. Ein Anwalt nimmt unsere Interessen wahr, weil uns nur eine geringe Schadensumme angeboten wurde.

 

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