Bielefelds Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic blickt auf das Corona-Jahr 2020 zurück
„Wir festangestellten Musiker sind privilegiert“

Bielefeld -

Für die Bielefelder Philharmoniker und ihren Chefdirigenten Alexander Kalajdzic war 2020 ein ganz besonderes Jahr. Mehrfach mussten Pläne und Programme überarbeitet oder verworfen werden. Im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT blickt Bielefelds Generalmusikdirektor zurück auf das Corona-Jahr und zieht eine persönliche Bilanz.

Donnerstag, 31.12.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 31.12.2020, 10:28 Uhr
Der Chefdirigent der Bielefelder Philharmoniker, Alexander Kalajdzic, feiert am Neujahrstag seinen 60. Geburtstag – wegen Corona im engsten Familienkreis.
Der Chefdirigent der Bielefelder Philharmoniker, Alexander Kalajdzic, feiert am Neujahrstag seinen 60. Geburtstag – wegen Corona im engsten Familienkreis. Foto: Thomas F. Starke

Herr Kalajdzic, dieses Jahr fing für Sie und die Bielefelder Philharmoniker arbeitsreich und vielversprechend an. Sie haben im Januar und Februar innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen sämtliche neun Beethoven-Symphonien in der Oetkerhalle aufgeführt. Damals ein Kraftakt, aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Viele Orchester haben ihren geplanten Beitrag zum Beethoven-Jahr nicht mehr verwirklichen können.

Alexander Kalajdzic: Das waren enorme Anstrengungen im Frühjahr und vielleicht würde ich zukünftig das ein oder andere anders machen. Aber im Nachhinein hat es sich tatsächlich gelohnt. Darüber hinaus ist durch diesen Beethoven-Zyklus das ohnehin hohe Ansehen des Orchesters in dieser Stadt noch einmal um manches gestiegen. Alle Konzerte waren übrigens ausverkauft. Das heißt, wir hatten 8000 Besucher.

Danach überschlugen sich die Ereignisse. Die Oper Faust kam noch heraus. Aber für das sechste Symphoniekonzert mit dem Verdi-Requiem konnte nur noch die Generalprobe durchgeführt werden. Das Konzert am 13. März wurde ganz kurzfristig abgesagt. Was haben Sie in dieser Situation gedacht und gefühlt?

Alexander Kalajdzic: Das ist ohne Worte. Ich war richtige frustriert. Traurig gemacht hat mich, dass die unglaublich gute Einstudierung des Oratorienchores und unseres Hauschores sowie die vielen Details, die unser Orchester herausgespielt hat, um diese Italianità hörbar zu machen, vergeblich waren.

Dann kam ein ewiges Hin und Her. Sie haben Ihr ursprüngliches Konzertprogramm für die Saison 2020/2021 komplett überarbeiten und coronatauglich machen müssen. Kaum war dies geschehen, kam der zweite Lockdown.

Alexander Kalajdzic: Ja, das ist richtig. Aber ich werde mich dafür einsetzen, dass große Künstler wie Martin Helmchen, Frank Peter Zimmermann oder Christoph Poppen auf jeden Fall wiederkommen, auch wenn ihre Konzerte hier abgesagt werden mussten oder noch immer in der Schwebe sind.

Wie stehen denn die Aussichten, dass Sie im März mit dem Estnischen Kammerchor doch noch die Matthäuspassion aufführen werden?

Alexander Kalajdzic: Das sehe ich derzeit nicht. Sie wird auf jeden Fall nachgeholt.

Als Dirigent sind Sie daran gewöhnt, ständig im Rampenlicht zu stehen. Fehlt Ihnen das jetzt nicht und wenn ja, gibt es einen Weg, das zu kompensieren?

Alexander Kalajdzic: Ja, diese Adrenalinstöße auf der Bühne sind vergleichbar mit dem Gefühl, high zu sein. Wirklich kompensieren lässt sich das nicht. Ich gehe viel spazieren und versuche, mich gesund zu ernähren.

Und Sie werden auch nicht von einem fürchterlichen Lampenfieber erfasst, wenn es endlich wieder losgeht?

Alexander Kalajdzic: Das glaube ich nicht. Das ist wie Schwimmen, das verlernt man auch nicht. Aber ich lasse mich diesbezüglich überraschen. Andererseits sind wir auch wirklich bemüht, einige Programme ohne Publikum zu spielen. Unsere Streichersolisten haben zum Beispiel eine Mendelssohn-Symphonie aufgenommen. Das ist jetzt auf Facebook zu hören. Unsere Blechbläser haben etwas gemacht, ebenso die Kontrabässe und ich habe auch eine Kleinigkeit aufgenommen, die ab 1. Januar im Internet zu sehen ist. Wir tun schon etwas.

Ein Musiker kann und muss sein Instrument täglich spielen, um geschmeidig zu bleiben. Aber was macht ein Dirigent, der über weite Strecken mit seinem Orchester nicht proben und schon gar nicht auftreten kann. Halten Sie sich mit dirigentischen Trockenübungen fit?

Alexander Kalajdzic: Ich bin seit 1985 als Dirigent tätig. Dieses Routine hilft natürlich, aber trotzdem brauche ich immer wieder ein bisschen Zeit, um reinzukommen. Als Dirigent ist es wichtig, die Partitur zu kennen und zu wissen, wo man hinmöchte. Und so habe ich zum Beispiel den ersten Band mit Preludes von Claude Debussy am Klavier studiert. Für die körperliche Fitness mache ich andere Sachen. Jetzt, wo auch die Fitness-Studios geschlossen sind, arbeite ich zuhause mit Bändern, um die Nackenmuskulatur zu stärken.

Wie wirkt sich der Mangel am gemeinsamen Musizieren langfristig auf die Qualität des Orchesterklangs aus?

Alexander Kalajdzic: Bei den Musikern ist es ähnlich. Man kann zu Hause so viel üben wie man möchte. Aber die Aufführungs- und Spielpraxis kann man durch nichts ersetzen. Dennoch ist dieses Gefühl, jetzt zwei oder drei Stunden miteinander zu musizieren, sofort wieder da. Wenn wir irgendwann wieder starten dürfen, dann werden wir es langsam angehen. Denn die Pausen zwischendurch waren schon sehr lang. Ich hoffe allerdings, dass wir es relativ schnell wieder hinbekommen. Das Orchester ist gut besetzt, und unsere Stärke liegt darin, dass wir alle an einem Strang ziehen wie im Frühjahr beim Beethoven-Zyklus.

Da scheint ein großes Gemeinschaftsgefühl zu bestehen zwischen diesen 67 Musikerinnen und Musikern, die alle zusammen die Bielefelder Philharmoniker darstellen. Wie halten Sie während des Lockdowns Kontakt, um den Zusammenhalt weiterhin zu gewähren?

Alexander Kalajdzic: Was die Kollegen unter sich machen, kriege ich nur am Rande mit. Aber was in den sozialen Medien an Nachrichten so alles ankommt, das ist schon erstaunlich und auch schön. Mit dem Orchestervorstand halte ich Kontakt, einfach um zu eruieren, wie wir taktisch vorgehen oder wie die Stimmung ist. Des Weiteren habe ich einen Weihnachts- und einen Neujahrsgruß aufgenommen und an meine Leute geschickt. Kontakt ist schon vorhanden, aber es ist doch eine ganz andere Sache, ob man zusammen eine Mendelssohn-Symphonie spielt oder sich nur zuhause mit der Familie oder maximal fünf Leuten aus zwei Haushalten treffen darf.

Wie haben Sie die durch Ausfälle und Absagen gewonnene Zeit genutzt?

Alexander Kalajdzic: Ich habe Stücke gelesen und mich mit den Opern beschäftigt, die ich bis zum Jahr 2025 unbedingt hier noch dirigieren möchte. Dann habe ich die Gelegenheit genutzt und viel gelesen, zum Beispiel von Fred Hersch. Das ist ein New Yorker Jazzpianist und -komponist. Er hat ein Buch mit dem Titel ‚Good things happen slowly‘ geschrieben. Und ich habe mir wieder einmal das Gesprächsbuch meines Vaters vorgenommen. Das sind literarisch gestaltete Dialoge nach platonischem Vorbild, die mein Vater mit verschiedenen Persönlichkeiten wie zum Beispiel einem befreundeten Priester oder einem großen Schachspieler geführt und aufgeschrieben hat.Und dann gibt es da noch eine Reihe von Musikpartituren, die ich immer wieder lese. Zur Zeit habe ich es mit der neunten Symphonie von Mahler, die ich hier irgendwann ganz bestimmt auch noch mal aufführen werde.In letzter Zeit habe ich auch viel mit meinem Sous-Vide-Garer gekocht. Damit kann man Fisch und Fleisch bei niedrigen Temperaturen schonend garen, so dass es ganz zart wird.

Ein ganz besonderer Termin ist für Sie stets das Neujahrskonzert, das diesmal ja weder live noch als Stream stattfinden kann, weil das gemeinsame Musizieren in voller Orchesterstärke für die Musiker zu gefährlich wäre.

Alexander Kalajdzic: Ja, da war ich wirklich enttäuscht, zumal die Auswahl der richtigen Stücke viel Arbeit bereitet. Dennoch finde ich diese Entscheidung richtig.

Nun haben Sie ausgerechnet auch am 1. Januar Geburtstag. Normalerweise gratulieren Ihnen die 1500 Besucher des Neujahrskonzerts. Dieses Mal müssen Sie darauf wohl oder übel verzichten. Und dabei ist es noch ein besonderer Geburtstag: Sie werden 60 Jahre alt. Wie werden Sie dieses Ereignis nun feiern?

Alexander Kalajdzic: Ich werde mit meinem ältesten Sohn und mit meinem Nachbarn in den Geburtstag hineinfeiern. Am 1. Januar kommt mein zweiter Sohn und dann machen wir es uns zu dritt bei mir zuhause gemütlich. Dann werden wir mit diesem prickelnden französischen Getränk anstoßen, gemeinsam etwas Schönes kochen und Musik hören.

Können Sie ein kurzes persönliches Fazit über das vergangene Jahr ziehen? Gibt es etwas, das wir aus der Corona-Krise lernen können?

Alexander Kalajdzic: Wir festangestellten Musiker sind privilegiert, auch wenn wir zeitweilig von Kurzarbeit betroffen sind. Woanders weht ein ganz anderer Wind. Wir hier klagen auf einem sehr hohen Niveau, verglichen mit den Menschen, die wirklich Existenzängste haben.Und ich habe festgestellt, dass es eine sehr große Sehnsucht nach Kultur und klassischer Musik in der Bevölkerung gibt. Ich hoffe sehr, dass die Menschen verstanden haben, was für eine enorme Bedeutung die Musik und die Kunst darstellen. Und dass das, was wir machen, keine Freizeitbeschäftigung ist. Darin liegt eine Chance dieser Krise.

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