Warum der Schutz von Bewohnern und Beschäftigten trotz Hygienekonzepten, Schnelltests und FFP2-Masken so schwierig ist
Corona-Hotspot Pflegeheim

Bielefeld (WB) -

Bei vielen Corona-Fällen lässt sich längst nicht mehr aufklären, wo die Menschen sich angesteckt haben. Es gibt aber auch bekannte Hotspots: vor allem Alten- und Pflegeheime zählen dazu. Dort gibt es immer wieder Ausbrüche mit mehreren Betroffenen.

Donnerstag, 14.01.2021, 04:46 Uhr aktualisiert: 14.01.2021, 06:18 Uhr
Ehrenamtlicher Einsatz: Gudula Ackfeld führt alle drei Tage im AWO-Seniorenzentrum Wilhelm-Augusta-Stift in Bielefeld Corona-Schnelltests durch.
Ehrenamtlicher Einsatz: Gudula Ackfeld führt alle drei Tage im AWO-Seniorenzentrum Wilhelm-Augusta-Stift in Bielefeld Corona-Schnelltests durch. Foto: Bernhard Pierel

Das zeigt auch das Beispiel Bielefeld. Jeder 117. Bürger der Ostwestfalen-Metropole lebt in einem Pflegeheim. Der Anteil an den aktiven Corona-Infektionen aber lag zuletzt bei jedem siebten Fall. 15 Prozent – das entspricht in etwa der bundesweiten Situation mit Bewohnern und auch Beschäftigten in Pflegeheimen, wie Daten des Robert-Koch-Instituts belegen. Auch eine hohe Zahl der ­Todesopfer in der Corona-Statistik geht auf Infektionen in diesen Einrichtungen zurück.

„Kommt es zu einem Eintrag des Virus in ein Heim, besteht eine große Gefahr, dass es sich dort verbreitet“, sagt Thorsten Klute. Er ist Vorstandsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) OWL, die acht offene Alten- und Pflegeheime in der Region mit 702 stationären Plätzen und rund 700 Beschäftigten betreibt. Ein besonders hohes Ausbreitungsrisiko bestehe vor allem bei Demenzkranken, weil diese großen Bewegungsdrang hätten. Hygienekonzepte mit regelmäßigen Tests, Einschränkungen von Gruppenaktivitäten und insbesondere im Falle konkreter Coronafälle der Trennung der Wohnbereiche sollen seit dem Frühjahr große Ausbrüche verhindern. Das sei in einigen Heimen komplett gelungen, in anderen nicht, sagt Klute.

„Einige Besucher setzen in den Privaträumen ihrer Angehörigen die Schutzmaske ab“

Mit Schnelltests und FFP2-Masken – insbesondere auch für Besucher – sollen Bewohner und Beschäftigte der Einrichtungen inzwischen zusätzlich geschützt und soll das Infektionsrisiko minimiert werden. In der Praxis aber sei das nicht so leicht umzusetzen. Klute: „Es gibt immer wieder Fälle, in denen die Besucher in den Privaträumen der Bewohner, also ihren engsten Angehörigen wie dem Ehemann, die Schutzmaske absetzen. Das tun sie nicht in böser Absicht, aber das bedeutet ein großes Risiko für das gesamte Heim.“ Klute appelliert deshalb an die Verantwortung jedes Einzelnen. Aus der Politik kommen sogar Forderungen nach konsequenten Kontrollen durch das Heimpersonal.

Auch bei den seit dem Frühjahr am Markt verfügbaren Schnelltests lief nicht alles reibungslos. Mitte Oktober hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Kostenübernahme beim Einsatz in Pflegeheimen angekündigt. Bis die Tests flächendeckend in den Heimen waren, dauerte es bis Dezember. Vielerorts wurden aber dennoch nicht alle Besucher getestet. Das größte Problem dabei sei „der chronische Personalmangel in der Pflege. Die Einrichtungen sind mit den Testungen von Besuchern überfordert. Dies ist vom Stammpersonal nicht zu leisten“, erklärt Klute. An Wochenenden oder Feiertagen kämen bis zu 100 Besucher in ein Heim. Eine Testpflicht beziehungsweise das Recht, Verweigerern den Zutritt zu verwehren, gebe es erst seit Heiligabend.

Ehrenamtliche Helfer schließen Personallücke bei der Schnelltest-Durchführung

Die AWO und andere Träger seien froh, dass Ehrenamtliche jetzt die personelle Lücke schlössen. Eine von ihnen ist die Bielefelderin Gudula Ackfeld. Die 60-Jährige ist Krankenschwester und inzwischen im Hauptberuf Pflegeberaterin bei der AOK. Jeden dritten Tag führt sie nun im Wilhelm-Augusta-Stift der AWO in Bielefeld Schnelltests durch – aktuell nur bei den Beschäftigten, da die Einrichtung nach einem massiven Corona-Ausbruch für Besucher derzeit geschlossen ist. Erfolgt der Einsatz während ihrer eigentlichen Arbeitszeit, stellt die AOK sie frei.

Panne bei Vermittlung Ehrenamtlicher

In der Corona-Krise ehrenamtlich helfen zu wollen, ist manchmal nicht so einfach wie gedacht. Das berichtet Gudula Ackfeld. Die Bielefelderin registrierte sich Mitte Dezember im Internet bei der NRW-Ehrenamtsbörse (www.engagiert-in-nrw.de). „Ich habe dann sehr schnell einen Dankesbrief von Gesundheitsminister Laumann erhalten und musste noch der Weitergabe meiner Daten zustimmen“, sagt Ackfeld. Danach herrschte Funkstille.„Als ich Weihnachten im WESTFALEN-BLATT gelesen habe, dass den Pflegeheimen weiter Helfer für die Schnelltests fehlen, habe ich selbst Kontakt mit dem Wilhelm-Augusta-Stift aufgenommen.“ Seit 5. Januar ist sie dort nun im Einsatz. „Am Freitag bin ich von der Kassenärztlichen Vereinigung angerufen und ist mir gesagt worden, dass die Bielefelder Heime keinen Bedarf hätten“, sagt Ackfeld fassungslos. Und das, während die Bundesregierung angekündigt hat, 30.000 Helfer für die bundesweit 15.000 Heime einstellen zu wollen, um die Durchführung von Schnelltests sicherzustellen. Auch AWO-Vorstand Thorsten Klute bekräftigt, dass Helfer dringend benötigt werden.

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„Ich will in dieser Krise helfen, etwas Sinnvolles machen“, sagt Gudula Ackfeld. Mit Kittel, Schutzbrille, Kopfhaube und zwei paar Handschuhen nimmt sie nun alle drei Tage für fünfeinhalb Stunden Abstriche für den Schnelltest. „Da kommen den Männern schon mal die Tränen, wenn das Wattestäbchen in die Nase eingeführt wird“, sagt die 60-Jährige. Der Abstrich wird dann in eine Substanz eingetaucht, die auf den Schnelltest getröpfelt wird – der wie ein Schwangerschaftstest nach 15 Minuten das Resultat anzeigt.

Rund 15.000 Schnelltests pro Monat in den acht AWO-Heimen in OWL

Beschäftigte werden alle drei Tage getestet, Bewohner einmal pro Woche und nach Abwesenheiten, zudem die Besucher. Rund 15.000 Schnelltests kommen so pro Monat in den acht AWO-Heimen zusammen. Mehrere Positivtests bei Bewohnern und Mitarbeitern haben Klute zufolge Ausbrüche frühzeitig aufgedeckt. Zudem habe es einen positiven Befund bei einem Besucher gegeben.

Neben Gudula Ackfeld sind derzeit sechs weitere Ehrenamtliche in den acht AWO-Heimen in der Region im Einsatz. Darunter ist auch die Landtagsabgeordnete Angela Lück (SPD), ebenfalls ausgebildete Krankenschwester. „Auch ein pensionierter Arzt in Extertal und eine Angehörige eines Bewohners, eine Krankenschwester in Rente helfen bei den Schnelltests“, sagt Klute. Unterstützung erhalte die AWO in ihren Heimen zudem von Helfern des Deutschen Roten Kreuzes und der Johanniter.

Hoffnung auf Entspannung der Lage durch die Impfaktionen

Mit den laufenden Impfaktionen verbindet Klute die Hoffnung, „dass sich die Lage in den kommenden Wochen entspannt“. In vier der AWO-Heime sei mit hohen Impfquoten bei Bewohner und schwankender Bereitschaft bei der Belegschaft der erste Impfdurchgang absolviert. In der Debatte um eine Impfpflicht für Pflegepersonal hält Klute zum jetzigen Zeitpunkt „gesunde Aufklärung für besser als eine Impfpflicht“.

Forscher: Schnelltests mit Fehlerquote

Corona-Schnelltests sind Studien zufolge häufig unzuverlässig. Das betonen Wissenschaftler des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin. Sie warnen davor, Hygieneregeln und Maskenpflicht in Alten- und Pflegeheimen zu lockern, nur weil Schnelltests eingesetzt werden.Zwei Münchner Unikliniken erforschten die Zuverlässigkeit von Antigen-Schnelltests an 859 Abstrichen. Dabei seien nur 60 Prozent der Covid-Infektionen erkannt worden. Anderseits erhielten zwei von hundert nicht-infizierten Personen ein falsch-positives Ergebnis.Antigen-Schnelltests könnten zumeist „hochinfektiöse Menschen mit hohen Viruslasten“ erkennen, heißt es. Eine Infektion könne durch einen negativen Schnelltest aber nicht zuverlässig ausgeschlossen werden.

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