Die große Beckerath-Orgel der Altstädter Nicolaikirche in Bielefeld wird technisch und klanglich generalüberholt – mit Video
Königin erhält neuen Glanz und Antrieb

Bielefeld (WB) -

Bohrmaschinen statt Noten, Werkbank statt Spieltisch – auf der Orgeltribüne der Altstädter Nicolaikirche sieht es derzeit aus wie in der Werkstatt eines Schreiners. Seit vergangenem Montag hat die Borgentreicher Orgelbaufirma Simon rund um den freiberuflichen Orgelbaumeister Hans-Ulrich Erbslöh dort das Regiment übernommen. Bedarf die Hauptorgel der Kirche, die mit 48 Registern zu den größten Konzertorgeln einer reichen Bielefelder Orgellandschaft gehört, doch einer turnusmäßigen Generalüberholung.

Samstag, 16.01.2021, 05:00 Uhr aktualisiert: 16.01.2021, 16:20 Uhr
Organist Martin Rieker packt beim Ausbau der 3200 Pfeifen mit an. Hier überprüft er Pfeifen vor dem bereits ausgeräumten Rückpositiv der Beckerath-Orgel.
Organist Martin Rieker packt beim Ausbau der 3200 Pfeifen mit an. Hier überprüft er Pfeifen vor dem bereits ausgeräumten Rückpositiv der Beckerath-Orgel. Foto: Bernhard Pierel

Vornehmlich die elektro-pneumatischen Motoren, mittels derer die Schleifladen beim Öffnen eines Registers bewegt werden, waren hinüber. „Die sind eigentlich auf eine Haltbarkeit von 40 Jahren ausgelegt und haben jetzt schon mehr als 50 Jahre gehalten – nicht zuletzt aufgrund der angenehmen Temperatur von 17,3 Grad Celsius, die auf der Orgeltribüne herrschen. Die alten Motoren werden nun durch viel kleinere, elektro-magnetische ersetzt“, verdeutlicht Martin Rieker.

Orgel-Wartung in der Nicolaikirche

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Der Organist und gelernte Orgelbauer betreut und bespielt die bekannte Beckerath-Orgel seit eineinhalb Jahren und scheut sich nicht, bei der umfassenden Renovierungsmaßnahme selbst mit Hand an zu legen. So werden fast sämtliche der 3200 Orgelpfeifen ausgebaut und einer Reinigung unterzogen. Das ist reinste Drecksarbeit. „Nach einer Stunde sieht man aus wie ein Schornsteinfeger“, sagt Rieker.

Staub, Heizungsluft und zunehmend belastete Luft von draußen haben sich im Laufe von 30 Jahren – 1991 erfolgte die letzte Ausreinigung – im Inneren der Orgel abgelagert. Somit ist eine umfassende Reinigung notwendig. Dazu werden die Pfeifen mit lauwarmem Wasser innen und außen schonend gewaschen.

Anschließend werden sie in den entsprechenden Werken wieder eingesetzt und neu intoniert. Diese hochsensible Arbeit übernimmt Hans-Ulrich Erbslöh, der mit seinen 78 Jahren immer noch ein gefragter Intonateur ist. „Er muss mir den Originalklang erhalten“, verdeutlicht Rieker.

Als Orgelsachverständiger liegt ihm viel am Denkmalschutz. Und dennoch hat sich der 68-Jährige für den Austausch eines Registers stark gemacht: So wird im Zuge der Renovierung die 16-Fuß-Quintade durch ein Prinzipal-Register in 16‘ (Fuß) ersetzt.

Ich brauche, um zum Beispiel ein Bach-Präludium spielen zu können, eine grundtönige Fülle.

Martin Rieker

„Die Quintade wurde schon zur Zeit des Orgelbaus 1965 kontrovers diskutiert. Sowohl der Organist als auch der Orgelsachverständige waren dagegen. Doch der Orgelbauer konnte sich mit seinem Wunsch nach einer Quintade durchsetzen“, erzählt Martin Rieker.

Die Quintade ist ein obertonreiches Register, das bei starker Windzufuhr sehr schnell eine Quinte ausbildet. Rieker: „So etwas brauche ich nicht. Ich brauche, um zum Beispiel ein Bach-Präludium spielen zu können, eine grundtönige Fülle.“

Damit gleichwohl nichts verloren geht, hat der Organist die Quintade digital aufgenommen. Die Pfeifen werden auch nicht weggeworfen, sondern eingelagert, für den Fall, dass spätere Generationen die Entscheidung wieder rückgängig machen möchten. Denn: Klangideale und -vorlieben sind wechselnden Moden unterworfen.

Die große Beckerath-Orgel zeichnet sich durch einen feinen und farbenreichen Klang aus. „Sie ist ein Instrument, dass die einzelnen Register liebevoll erklingen lässt und das uns nicht mit einem bombastischen Klang in den Arm nimmt“, fasst Rieker zusammen. Schon im März soll die Orgel wieder in Konzert und Gottesdienst erklingen.

Finanziert wird die etwa 80.000 Euro umfassende Generalüberholung durch Spenden und Orgelrücklagen, die über Jahrzehnte gebildet wurden. „Man könnte meinen, dass diese Maßnahme in Corona-Zeiten auf Kritik stößt. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall“, sagt Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher. Die Entscheidung, das kostbare Instrument einer gründlichen Revision zu unterziehen und somit zu einer Wertsteigerung beizutragen, fiel darüber hinaus schon Ende 2019, gut ein halbes Jahr vor der Corona-Pandemie.

Noch nicht abschließend geklärt ist, ob die Orgel im Zuge der Renovierungsmaßnahme auch eine neue Setzeranlage erhält. Bislang ist eine elektronisch programmierbare Registrierung für 240 Stücke möglich. Wünschenswert wäre es, eine Setzeranlage für 10.000 Kombinationen einzubauen. „Es entstünden Mehrkosten von etwa 20.000 Euro, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das Geld noch durch Spenden aufbringen“, verdeutlicht Piepenbrink-Rademacher und verweist auf das Spendenkonto unter IBAN DE 82 4726 0121 8302 1236 00. Verwendungszweck: Orgel 2021

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