Bielefelder Plasmid Factory beliefert Impfstoff-Hersteller
Die „Gussform“ für die mRNA

Bielefeld (WB) -

Niemals würde Dr. Martin Schleef Namen nennen. Und doch ist klar: Ohne die Bielefelder Plasmid Factory, die er vor 20 Jahren und einem Monat mitgegründet hat und deren Chef er bis heute ist, wären die Hersteller von Impfstoffen gegen das Coronavirus, auf die die Welt seit Monaten gebannt schaut und hofft, nicht so schnell zum Ziel gelangt.

Dienstag, 02.02.2021, 06:33 Uhr aktualisiert: 02.02.2021, 19:20 Uhr
Kontrollblick: Dr. Martin Schleef im Labor. Er ist zwar Firmenchef, aber eben auch nach wie vor begeisterter Wissenschaftler
Kontrollblick: Dr. Martin Schleef im Labor. Er ist zwar Firmenchef, aber eben auch nach wie vor begeisterter Wissenschaftler Foto: Bernhard Pierel

Schleef und sein Team von 27 Mitarbeitern produzieren zwar weder Impfstoff noch dessen Komponenten. Aber die Plasmid Factory liefert die Matrize, die „Gussform“ für die Vakzine, welche von den Impfstoff-Produzenten zur mRNA-Herstellung genutzt werden kann:

Das Biotechnologieunternehmen ist der Spezialist für kleine DNA-Plasmidringe. Sie fungieren als Gen-Taxi, dessen Information von Enzymen „abgelesen“ wird und den Bauplan für die RNA liefert. Eine Information ist etwa, wie die Stacheln, mit denen das Coronavirus an menschliche Zellen andockt, beschaffen sind. Das Immunsystem lernt so den Feind kennen und attackiert und blockiert ihn im Falle einer Infektion.

Hundert- oder tausendfach wird diese Vorlage etwa für die Herstellung eines Impfstoffes kopiert, dann ist ein Plasmidring quasi abgenutzt und muss erneuert werden. „Die Ausbeute hängt von der Produktionstechnologie unserer Kunden ab“, erklärt Schleef.

Wir arbeiten weder mit toxischen noch mit gefährlichen Stoffen.

Dr. Martin Schleef

Produziert – aufbereitet, in Bakterien zigtausendfach vermehrt und dann aufgereinigt – werden die ringförmigen DNA-Moleküle in Bielefeld, im Technologiezentrum an der Meisenstraße. Dort wurde die Plasmid Factory auch vor gut 20 Jahren gegründet. „Angefangen hat alles mit einem Büro“, erzählt Martin Schleef. Denn die Laborkapazitäten wurden damals in der Universität angemietet. Mittlerweile hat sich das Unternehmen im Technologiezentrum breit gemacht und unterhält dort auch eine gentechnische Anlage. „Wir arbeiten weder mit toxischen noch mit gefährlichen Stoffen“, betont Schleef. Aber eben unter extrem reinen Bedingungen, so dass ein sehr reines Produkt geliefert werden kann.

Blick in eines der Labore der Plasmid Factory. Das Unternehmen kann große Mengen Plasmid-DNA in höchster Qualität herstellen – unabdingbar für die Herstellung von (m)RNA.

Blick in eines der Labore der Plasmid Factory. Das Unternehmen kann große Mengen Plasmid-DNA in höchster Qualität herstellen – unabdingbar für die Herstellung von (m)RNA. Foto: Bernhard Pierel

Die Produktion wird in wenigen Monaten ausgeweitet – mit Unterstützung des Landes: 4,1 Millionen Euro stellt das NRW-Wirtschaftsministerium in Aussicht, um die Expansionspläne möglichst rasch Realität werden zu lassen (wir berichteten). Denn für die pharmazeutische Herstellung des Covid 19-Impfstoffes sind enorme Mengen an Plasmid-DNA nötig. „Wir wollen, so gut wir können, helfen, dass die Impfstoffproduktion läuft.“ Andere Pläne sind dafür zunächst zurückgestellt worden. Weil es sie aber gab, hatte Schleef längst direkt gegenüber dem Unternehmensstandort ein Grundstück gekauft; das steht nun kurzfristig zur Verfügung, um in modularer Bauweise ein Hochleistungslabor zu errichten.

Wir haben 20 Jahre Vorsprung, wir haben das Know How.

Dr. Martin Schleef

Zu „seinem“ Forschungsthema ist Schleef schon während der Diplomarbeit und Dissertation an der Universität Bielefeld gekommen. „Ich musste dafür Plasmide isolieren und fing an, über ihre Reinheit nachzudenken“, erzählt er. Am Pariser Pasteur-Institut befasste er sich weiter mit der besseren Aufreinigung für analytische Zwecke, wurde abgeworben von dem Düsseldorfer Biotechnologieunternehmen Qiagen und und gründete sechs Jahre später mit Prof. Dr. Erwin Flaschel und zwei weiteren Mitstreitern die Plasmid Factory – in Bielefeld, denn hier war und ist man Zuhause. Von hier werden Plasmide nach ganz Europa, in die USA und auch nach Asien verschickt: im Milliliter-Bereich in kleinen Röhrchen oder in Flaschen.

Lange Zeit war die Plasmid-Produktion wenig spektakulär und stieß nicht auf sehr breites Interesse. Das hat sich mit „Corona“ geändert. Der stark gestiegene Bedarf dürfte daher bald mehr Konkurrenz auf den Plan rufen. Schleef bleibt gelassen: „Wir haben 20 Jahre Vorsprung, wir haben das Know How“, sagt er. Und niemand kann sogar literweise super-reine Plasmide liefern – außer den Bielefeldern, deren Verfahren teilweise patentiert sind. Darauf ruhen sie sich keineswegs aus: Aktuell arbeiten sie an einer neune Form von Plasmiden, die noch kleiner und effizienter sind. „Wir sind schließlich Wissenschaftler, die eine Firma betreiben und nicht Unternehmer, die auch forschen“, sagt der Firmenchef. Und Wissenschaft macht ihm noch immer Spaß.

Es gibt noch so viele andere Krankheiten, die derzeit wenig Beachtung finden.

Dr. Martin Schleef

Schleef ist wichtig zu betonen, dass Plasmide in Forschung und Pharmazie breitgefächert eingesetzt werden: „Sie werden längst nicht nur benötigt, um einen mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus herzustellen, es gibt noch so viele andere Krankheiten, die derzeit wenig Beachtung finden.“

Die internationalen Kunden der Bielefelder arbeiten in der Krebsforschung, in der Gentherapie, forschen auf dem Gebiet der Gewebeneubildung und an der Herstellung weiterer Vakzine, die gegen Viren und andere Krankheitserreger immunisieren. Hepatitis-Impfstoffe können mittels Plasmid-DNA ebenso hergestellt werden wie ein Impfstoff gegen bösartige Tumore oder Immunzellen, die bei neurodegenerativen Erkrankungen Antikörper neutralisieren und so helfen, schwere Autoimmunerkrankungen zu therapieren.

Im Spätsommer, hofft Schleef, werde das neue Labor der Plasmid Factory an den Start gehen. „Dann braucht man uns immer noch“, ist er sicher. Denn der jetzige Impfstoff oder ein ähnlicher, der etwa Mutanten attackiert, werde weiter benötigt. „Außerdem gibt es so viele Viren, von denen wir noch nichts wissen...“ Nicht alle seien gefährlich, viele werden unbemerkt bleiben und wieder verschwinden. „Aber wehe, es kommt ein bösartiges. Darauf müssen wir vorbereitet sein.“

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