Die Krise als Chance – wie in Bielefeld aus Einschränkungen neue Ideen und Formate entstehen
Das Alarmtheater erfindet sich neu

Bielefeld -

Leere Konzertsäle, ausgestorbene Museen, geschlossene Bühnen: Kaum ein Wirtschaftszweig ist von den Corona-Maßnahmen so hart betroffen wie die Kulturbranche. Die versprochene finanzielle Unterstützung fließt zum Teil nur langsam, und viele Kulturschaffende fürchten um ihre Existenz. Gerade private Unternehmen wie etwa freie Theater müssen jetzt noch mehr kämpfen. Und sich immer wieder neu erfinden.

Mittwoch, 03.02.2021, 07:00 Uhr aktualisiert: 03.02.2021, 08:30 Uhr
„Alles Alle“ ist ein Stück über Clowns. Im Zirkuszelt logiert ein Paketdienst.
„Alles Alle“ ist ein Stück über Clowns. Im Zirkuszelt logiert ein Paketdienst. Foto: Rebecca Budde de Cancino

Das erlebt auch das Team des Alarmtheaters Bielefeld. Drei Tage vor einer Premiere mussten die Theatermacher beim ersten Lockdown alles stoppen. Im Herbst konnte es dann endlich wieder ein Programm mit Zuschauern geben, natürlich mit Hygienekonzept: Eine Buchpräsentation inklusive Film und Gespräch, die alle sehr genossen haben. „Das war das erste Mal, dass wieder Leute hier ‘rein durften. Da standen halt alle auf Abstand, und ich dachte: ‘Total spannend‘. Es hatte etwas von einem Experiment.“ erzählt Rebecca Budde de Cancino, im Alarmtheater für Bühne und Atelier zuständig.

Dann der erneute Lockdown mit wiederum erschwerten Arbeitsbedingungen. Normalerweise produziert das 1993 von Dietlind Budde und Harald Otto Schmid gegründete Alarmtheater Stücke mit relativ vielen, vor allem jugendlichen Akteuren, darunter Geflüchtete, Suchtkranke oder Inhaftierte. Dabei geht es um aktuelle zentrale und wichtige Themen unserer Gesellschaft. Den Ansatz wollten sie nicht verändern, also mussten neuen Formen der Umsetzung gefunden werden. Doch das Team des Alarmtheaters sieht in dem durch den Lockdown erzwungenen „Innehalten“ auch eine Chance.

Gewohnt, am Rande der Krise zu arbeiten

Wie andere freie Theatermacher sind sie es gewohnt, immer irgendwie am Rande der Krise zu arbeiten. Das stärkt die Fähigkeit, die positiven Aspekte zu sehen - und die Möglichkeiten, die gerade die Einschränkung bietet. Wie etwa immer wieder verschrobene Ideen und Vorhaben umzusetzen.

So führte Harald Otto Schmid auf Spaziergängen mit jeweils einer oder einem Jugendlichen Gespräche zu Fragen wie „Wie funktioniert Beziehung in Zeiten von Kontaktsperre?“ oder „Was bleibt, wenn alles weg ist?“ Im Rahmen dieses Projektes „Kontaktstation“ entstand dann eine Broschüre mit berührenden Bildern und Zitaten.

Und daraus erwuchs auch die Grundlage für ein neues Stück: „Alles Alle“, ein Stück über Clowns. Für Harald Otto Schmid war der Clown eine natürliche Entwicklung: „Denn der hat für mein Empfinden eine Art Überlebensstrategie oder eine Art von Weltauffassung, die man haben kann in einer Zeit, in der alles nicht mehr sicher ist, in der man mit dem Tod konfrontiert wird. Denn was ist diese Pandemie denn anderes als das Gefühl: Ich krieg‘ irgendwann keine Luft mehr, ich sterbe.“

Improvisation unter Corona-Bedingungen

Ohne vorgegebenes Konzept wurde viel improvisiert – alles unter strengen Corona-Bedingungen. Das hieß: Abstand halten und immer nur ein Protagonist auf der Bühne. Und das bedeutete weniger choreographische, dafür viel Einzelarbeit und keine direkte Interaktion auf der Bühne – schwierig in einem Schauspiel. Die Bühne wurde zum Zirkuszelt mit unzähligen Paketen – ein Spiegel der aktuellen Situation, erklärt Dietlind Budde. „Die Idee war, dass es hier einen Kunstort gibt: nicht das Alarmtheater, sondern einen Zirkus. Darin ist niemand mehr, nur der Paketdienst. Das ist das, was gerade passiert, eine Spiegelung dessen, was in der Gesellschaft passiert.“

Mitgespielt haben neben Harald Otto Schmid letztlich nur sechs Geflüchtete, die sich allerdings längst nicht mehr als solche sehen; sie alle sind langjährige Mitglieder des internationalen Jugendensembles des Alarmtheaters. Der Premierentermin steht in den Sternen, aber es gibt dokumentarisches Filmmaterial von der Probenarbeit. Für das Alarmtheater bieten das digitale Schaffen und die Online-Arbeit neue künstlerische Möglichkeiten: Neben den Existenz sichernden Corona-Hilfen von Bund und Land ermöglichten private Spenden insbesondere die Fortführung der digitalen Projekte.

Es entstehen neue Netzwerke

Für Rebecca Budde de Cancino ist das, was momentan geschieht, einerseits verrückt und fatal: Wenn eine Krise normalerweise die Gemeinschaft stärkt und man zusammenrückt, ist in dieser Pandemie Distanz angesagt. Aber es entsteht auch eine neue Nähe, etwa durch die Online-Arbeit mit Menschen am anderen Ende der Welt. Und auch vor Ort wächst die Szene zusammen, findet Schmid: „Es entstehen neue Netzwerke, gerade hier in Bielefeld; der „Kulturpact“ macht unglaublich viel, ein neues Festival wird angedacht. Die Leute sind sehr aktiv, man ist nicht mehr nur mit sich beschäftigt, sondern schaut, wie andere reagieren.“

So gibt es auch in der Krise Positives, das Hoffnung macht. Und wenn die Pandemie ‘mal wieder an den Nerven zerrt, kann man sich vielleicht etwas von Künstlern abschauen, die schon immer trotz aller Widrigkeiten einfach weiter gemacht haben. Womöglich weil sie nicht anders können, wie es Dietlind Budde auf den Punkt bringt: „Es passiert Kunst, egal, auch wenn sieuns den Mund verbieten. Es passiert trotzdem!“

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