Bielefelder Mikrobiologen auf der Suche nach Mutationen des Coronavirus
„Hatte das nicht so schnell erwartet“

Bielefeld -

Erschrocken war Prof. Dr. Jörn Kalinowski nicht, als er durch Sequenzierung bestätigte, was man am Evangelischen Klinikum Bethel vermutete: In Bielefeld gibt es die südafrikanische Variante des Coronavirus. Erstaunt, sagt der Biologe, sei er gleichwohl gewesen: „Ich hatte das nicht so schnell erwartet.“

Samstag, 06.02.2021, 10:00 Uhr
Auch am Centrum für Biotechnologie der Uni Bielefeld wird nach Mutationen des Coronavirus gesucht.
Auch am Centrum für Biotechnologie der Uni Bielefeld wird nach Mutationen des Coronavirus gesucht. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Seit fast einem Jahr arbeitet Kalinowski, Leiter der Arbeitsgruppe Mikrobielle Genomik und Biotechnologie am Centrum für Biotechnologie der Uni Bielefeld, mit Dr. Christiane Scherer zusammen: Die Leiterin des mikrobiologischen Labors des Klinikums stellt Kalinowski Proben von positiv auf das Coronavirus getesteten Bielefeldern zur Verfügung. Bei diesen Proben schaut Kalinowski sich das Erbgut genau an, er „sequenziert“ es. Scherer und er haben ein gemeinsames Interesse: Sie wollen Mutationen erkennen und Infektionswege verfolgen.

Aktuell ist Scherers vordringliche Aufgabe, alle Mitarbeiter und Patienten des EvKB erneut zu testen: Die so genannte südafrikanische Coronamutante, bei einem Routineabstrich entdeckt, gilt wie die britische als deutlich ansteckender als das ursprüngliche Sars-CoV2 und soll zwingend eingedämmt werden. Deshalb werden jetzt alle neu-positiven Fälle einem zweiten PCR-Test unterzogen, bei dem gezielt nach den typischen Veränderungen am Spike-Protein, dem Stachel des Virus, gesucht wird. Dem Labor des EvKB verlangt das viel ab: „Vor Corona“ waren täglich im Schnitt 50, in Grippezeiten maximal 100 Proben zu analysieren, aktuell sind es 800 bis 1000, erzählt Christiane Scherer.

Obgleich die Doppel-Testung die britische und südafrikanische Mutante entlarvt, plädieren Scherer und Kalinowski für weitere Sequenzierungen: „Denn nur so können wir auch weitere Mutanten finden“, sagt Kalinowski. Mit gezielter PCR-Analytik könne man die britische oder südafrikanische Variante finden, „aber ich bin blind für alles andere“.

Der Biologe will zunächst ältere Proben, die er gut gekühlt aufbewahrt, deren Erbgut aber noch nicht bestimmt ist, in Augenschein nehmen. „Dann sehen wir, wie lange die Variante tatsächlich schon da ist.“ Und dann gilt es, aktuelle Proben aus dem EvKB und dem Klinikum Bielefeld analysieren.

Dass ein Virus mutiert, ist normal und Teil der Evolution. Und nicht immer werden Mutationen dem Menschen gefährlich. „Unter bestimmten Bedingungen allerdings werden bestimmte Dinge selektiert – etwa ein ‘immun escape‘“, erklärt Kalinowski. Das meint Strategien von Krankheitserregern, das Immunsystem zu umgehen.

Die britische und südafrikanische Coronavariante haben aus Sicht des Virus den Vorteil, sich schneller zu verbreiten, schon in geringerer „Dosis“, also bei geringerer Viruslast den Menschen zu infizieren. Ebenso gibt es ein „Impf escape“: Dann lernen Erreger, sich in einer durchseuchten und vielleicht durch Impfungen teilimmunisierten Bevölkerung durchzusetzen. „Das ist gefährlicher.“

Ausdrücklich betont Kalinowski, dass dies weder für die britisch noch für die südafrikanische Mutante gilt. Aber es könnte auch Neues auf den Markt kommen. „In Kent gibt es bereits eine englische Untermutante mit südafrikanischen Anteilen.“ Weiteren Veränderungen und Neu-Kombinationen des Coronavirus will er mittels Sequenzierung auf die Spur kommen.

Um die nötigen Mittel für vermehrte Sequenzierungen zu haben, hat Kalinowski eine Forschungsantrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft gestellt. „In einer massiv durchgeimpften Umgebung erwarte ich, dass sich in Zukunft eine andere Virussignatur durchsetzt“, erklärt er.

Etwa 1000 Proben können im Cebitec der Uni binnen 24 Stunden entschlüsselt werden. Das kann neben der Entdeckung weiterer Mutanten durchaus zu Erkenntnissen führen. „Wir hatten jüngst einen Fall, dass in einer Altenpflegeeinrichtung 20 Menschen infiziert waren“, erzählt Kalinwoski. Die Sequenzierung zeigte: Dort waren drei Virus-Varianten unterwegs, die sich einzelnen Fluren zuordnen ließen. „Eine Ausbreitung über verschiedene Bereiche des Hauses gab es nicht.“ Der genaue Blick auf das Genom verrät mithin Infektionsketten und auch, welche Sicherheitsmaßnahmen greifen.

Mittelfristig erwartet der Biologe, dass Sars-CoV2 „endemisch“ werde, wir also damit leben werden wie bereits mit vier anderen Coronavarianten auch. Und ganz wehrlos sei der Körper nicht, sagt Kalinowski: Er bildet nicht nur Antikörper, sondern kann auch mittels der T-Zellen eine Immunantwort geben. „Und das Schöne am mRNA-Impfstoff ist: Ich kann von heute auf morgen einen Impfschutz gegen mutierte Varianten entwickeln.“

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