Seit dem Schneechaos klappt die Briefzustellung in Bielefeld noch immer nicht lückenlos
Keine Post: Trauerkarten kommen erst nach Beisetzung

Bielefeld -

Null Verständnis haben etliche Bielefelder dafür, dass sie nun schon seit zwei Wochen keine Post mehr erhalten. Dass die gewohnten Zustellungsmechanismen im Schneechaos nicht greifen, leuchtet ein. Aber dieses Chaos liegt jetzt eine Woche zurück, und noch immer bleiben viele Briefkästen leer. Besonders hart traf dieser Umstand eine Familie aus Bielefeld-Quelle, die Trauerkarten eines Bestatters erwartete.

Dienstag, 23.02.2021, 05:35 Uhr aktualisiert: 23.02.2021, 17:28 Uhr
Betriebsamkeit sieht anders aus: der Zustellstützpunkt der Post in Hillegossen, Reichenberger Straße, Montagmittag.
Betriebsamkeit sieht anders aus: der Zustellstützpunkt der Post in Hillegossen, Reichenberger Straße, Montagmittag. Foto: Thomas F. Starke

Im Alter von 92 Jahren war Anfang Februar das Familienoberhaupt gestorben. Der Senior lebte in Werl, Kreis Soest, und sollte auch dort beigesetzt werden. Sein Sohn, ein 59-jähriger Akademiker, der mit Familie in Bielefeld wohnt, wollte die Trauerkarten des Bestatters rechtzeitig an 50 Verwandte und Freunde weiterleiten. Doch die wichtige Post aus Werl ist bis heute nicht bei ihm in der Queller Freibadsiedlung eingetroffen. Er konnte auf diesem Wege niemanden informieren.

Inzwischen hat die Trauerfeier in kleinem Kreise stattgefunden. „Leider ist es uns nicht gelungen, alle Freunde meines Vaters zur Beerdigung zu zitieren“, gesteht der Bielefelder. „Jetzt kommen die ersten Kondolenzschreiben, bevor wir überhaupt die Trauerkarten verschicken konnten – eine Peinlichkeit gegenüber Verwandten und Freunden.“

Seine Recherchen, wo die Sendung aus Werl bleibt, verliefen im Sande beziehungsweise im Schneematsch. „Da müsste man ja stundenlang suchen!“, sagte man ihm am Zustellstützpunkt Brackwede, wo er verzweifelt angefragt hatte. Auch unter der Hotline der Deutschen Post konnte man ihm nicht helfen.

Große Verärgerung löste die Unzuverlässigkeit der Deutschen Post während der vergangenen Tage auch im Queller Breedenviertel aus. Manche Anwohner warten dort seit 14 Tagen auf den Besuch des Briefträger, der ihnen inzwischen schon drei Ausgaben des für viel Geld abonnierten „Spiegel“ schuldet, dazu andere Fachzeitschriften, Büchersendungen und manche Bestellung aus dem Internet.

Wer Post erwartet und sie nicht bekommt, auch am nächsten Tag nicht, auch am dritten nicht, der wird sauer. Ausbaden müssen das oft die Zusteller, die gar nichts für die Umstände können. Mit den Worten „Ich wünsche mir, dass die scheiß Post endlich Pleite geht“, musste sich jüngst ein Bote in der Siekbreede anbrüllen lassen. Was entnervte Kunden zusätzlich auf die Palme treibt, ist die Tatsache, dass sie bei der Post telefonisch grundsätzlich niemanden erreichen und nach dem Stand der Dinge vor Ort fragen können.

Wenn Briefe mit Widerspruchsfristen an mich unterwegs sind, wird es gefährlich.

Karl-Heinz Müller, Rentner

Auf Briefe von mindestens acht Tagen wartet indes Karl-Heinz Müller aus Hillegossen. Überall im Umkreis hat er gelbe Autos fahren sehen, doch in die Colmarer Straße wollte offenbar keines abbiegen. „Wenn Briefe mit Widerspruchsfristen an mich unterwegs sind, wird es gefährlich“, klagt der Rentner. „Denn so langsam komme ich in einen Bereich, in dem ich Fristen nicht mehr einhalten kann.“

Dass es bei der Post nach Wintereinbrüchen zu Sendungsstaus kommen könne, sei nachvollziehbar. Dann erwarte er aber wenigstens, dass die Zustelldefizite am bekanntlich postschwachen Montag aufgearbeitet würden. Doch auch am Montag verirrte sich keinerlei Sendung in Müllers Briefkasten.

„Leider leiden noch immer einige unserer Kunden“, bestätigte Postsprecher Rainer Ernzer am Montag auf Anfrage. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die letzten verzögerten Sendungen zuzustellen. Das braucht aber noch ein bis zwei Tage.“ Es seien „Extrembedingungen“ gewesen, die der Post personell ihre Grenzen aufgezeigt hätten.

Dazu ein Kommentar von Markus Poch

Dass die Deutsche Post DHL, der nach eigenen Angaben größte Logistik-Anbieter der Welt, punktuell Logistik-Probleme bekommt, weil es schneit, ist kaum vorstellbar. Aber gut: Es war viel Schnee in kurzer Zeit in einer Gegend, die Schneemassen nicht gewohnt ist. Trotzdem ist es ein Unding, manche Menschen 14 Tage auf ihre Post warten zu lassen, wenn das Thermometer frühlingshafte 18 Grad anzeigt und andere Lieferdienste längst unterwegs sind. „Das hätte es bei der Deutschen Bundespost als einstigem Staatsbetrieb nicht gegeben“, würden alte Postkunden sagen. Da wären Sonderschichten gefahren worden – ganz zu schweigen davon, dass zweimal täglich zugestellt wurde. Heute versteckt sich die Post hinter schlecht erreichbaren „Servicenummern“. Nach langer Wartezeit kann der Kunde seine Beschwerde dort loswerden und sicher sein, dass er eines niemals bekommt: einen rettenden Rückruf.

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