Prozess um versuchten Totschlag an Sicherheitsmann im Hauptbahnhof Bielefeld: Gütersloherin (39) bestreitet die Tat
Was ist an Bahngleis 2 geschehen?

Bielefeld -

Nun also doch: Mit 48 Stunden Verspätung hat am Landgericht Bielefeld der Prozess um den versuchten Totschlag an einem Sicherheitsmann (49) der Deutschen Bahn begonnen. Nachdem die aus Gütersloh stammende Angeklagte (39) am Dienstag zum Auftakt unentschuldigt fehlte, wurde die Philosophie- und Geschichtsstudentin der Uni Bielefeld am Donnerstag von Polizisten dem Gericht vorgeführt.

Freitag, 05.03.2021, 09:36 Uhr aktualisiert: 05.03.2021, 09:50 Uhr
Die Angeklagte trägt nach einer Schulter-OP ihren linken Arm in einer Schlinge. Rechts ihr Verteidiger Tim Gruner.
Die Angeklagte trägt nach einer Schulter-OP ihren linken Arm in einer Schlinge. Rechts ihr Verteidiger Tim Gruner. Foto: Bernhard Pierel

Staatsanwalt Frederik Meeth verlas vor dem Schwurgericht insgesamt acht Anklagen gegen die im Bielefelder Bahnhofsviertel als aggressive Bettlerin und Flaschensammlerin bekannte Frau. Der schlimmste Vorwurf gegen die 39-Jährige ist der versuchte Totschlag im Hauptbahnhof – sie soll etwa einen Meter vor der Bahnsteigkante an Gleis 2 versucht haben, einen ihr verhassten Sicherheitsmann mit einem Stoß gegen die Brust auf die Schienen vor einen einfahrenden IC zu schubsen.

Der 49-Jährige konnte dem Angriff, begleitet von Rufen wie „Ich bringe dich um!“ und „Ich schmeiße dich ins Gleis!“, im letzten Moment ausweichen. „Ich war so erschrocken, dass so etwas überhaupt möglich ist“, sagte der Sicherheitsmann im Zeugenstand vor Gericht. „Ich hätte stürzen oder stolpern können“, erinnerte sich der 49-Jährige an den Moment, als er sich von der Angreiferin weg drehte und direkt hinter sich den IC am Bahnsteig einfahren sah.

Das soll am Abend des 2. November 2019 um kurz nach 19 Uhr passiert sein. Zuvor hatte eine Doppelstreife der Deutschen Bahn (DB) Sicherheit an Bahngleis 2 die 39-Jährige beim Betteln gestellt. Sie hätte sich dort nicht aufhalten dürfen.

Die wegen extrem beleidigender Verbalattacken, gewalttätiger Übergriffe und wiederholten Schwarzfahrens beim Personal von Hauptbahnhof und Westfalenbahn bekannte Frau hat wegen zahlreicher Verstöße bis Ende Oktober 2021 gleich vierfaches Hausverbot. Das gilt seit September 2018.

In den anderen sieben Anklagen geht es um etwa ein Dutzend Verstöße gegen das Hausverbot im Hauptbahnhof, Schwarzfahren im Zug und damit verbundene Attacken auf Bahnmitarbeiter. Diese sollen von der Studentin unter anderem als „Fettsack“ oder „Spasti, dem man den Hals umdrehen sollte“ beleidigt worden sein. Zudem soll die Frau dem vorm Gleis attackierten DB-Sicherheitsmann bei anderer Gelegenheit vor das Schienbein getreten haben.

Die Aussage der 39-Jährigen nach Anklageverlesung lässt sich so zusammen fassen: Den Versuch, den Sicherheitsmann ins Gleis zu schubsen, hat es nicht gegeben. Vielmehr habe die Doppelstreife der DB-Sicherheit sie angegriffen, als sie in einen Zug nach Bad Oeynhausen steigen wollte. Auch will die Angeklagte nicht gewusst haben, dass insgesamt vier Mal Hausverbot gegen sie verhängt worden ist. Sie habe einen DB-Mitarbeiter beleidigt, weil der sie „hasse und schikaniere“, gab die Studentin immerhin eine Tat zu.

Sich selbst beschrieb die Frau als „freundlich“. Sie habe trotz Verbotes in Bahnhöfen und Zügen Flaschen gesammelt, um ihre Unfallrente von 640 Euro aufzubessern. Die Gütersloherin hatte im Alter von neun Jahren einen schweren Schulwegunfall, ist seitdem gehbehindert, erwerbsgemindert, hat inzwischen zwei künstliche Schultergelenke und befindet sich in psychologischer Behandlung.

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