Universität Bielefeld beteiligt sich an Studie zu Lebenszufriedenheit: Wie geht es uns in der Pandemie?
Von „mentaler Stärke“ der Deutschen beeindruckt

Bielefeld/Berlin (WB/dpa) -

Ohne Sorgen an einem Strand in der Sonne liegen oder sich mit Freunden zum Plausch treffen: Je länger die Corona-Pandemie dauert, umso sehnlicher wünscht man sich ein Stück Normalität. Forscher der Universität Bielefeld machen Mut: Die Lebenszufriedenheit soll bald wieder steigen.

Freitag, 16.04.2021, 08:26 Uhr aktualisiert: 16.04.2021, 08:46 Uhr
Wie blicken die Deutschen in die Zukunft? Das hat die Uni Bielefeld mit Partnern untersucht.
Wie blicken die Deutschen in die Zukunft? Das hat die Uni Bielefeld mit Partnern untersucht. Foto: dpa

Trotz Impfverzögerungen und politischen Machtspielen ist die Laune Umfragen zufolge gar nicht so schlecht. Mehr noch: Die Deutschen blicken nach Angaben von Experten positiv in die Zukunft.

Die Pandemie hat die Lebenszufriedenheit vieler Menschen in Deutschland einer Umfrage zufolge in einigen Bereichen sogar verbessert. So schätzen zahlreiche Erwachsene sowohl ihre Gesundheit als auch ihren Schlaf deutlich besser ein als früher, wie neueste Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ (SOEP) zeigen. Die jährliche Befragung von Privathaushalten ist die größte Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Mehr als 6500 Teilnehmende der Studie wurden im April und Juni 2020 sowie im Januar 2021 zusätzlich zu ihrer Lebenssituation in der Pandemie befragt.

Mehr Zufriedenheit durch mehr Schlaf

„Im Angesicht der Bedrohungen durch die Pandemie sind die Zipperlein, die man am Rücken spürt, wohl zu vernachlässigen“, erklärte Stefan Liebig, Direktor des Panels und wissenschaftliches Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), den teils positiven Trend. Das DIW und die Uni Bielefeld arbeiten bei der Zusatzstudie zusammen. Auch für die größer gewordene Zufriedenheit mit dem Schlaf gibt es eine Erklärung: „Durch das Homeoffice entfallen zum Beispiel lange Anfahrtswege zur Arbeitsstelle.“

Nicht mehr ganz so zufrieden wie vor der Pandemie sind die Befragten mit dem Familienleben - man denke nur an das oft nervenaufreibende Homeschooling. Am meisten ärgert sie aber der Umfrage zufolge, dass die Corona-Krise so stark ihr Freizeitverhalten einschränkt.

Mit Optimismus in die Zukunft

Zukunftsforscher Horst Opaschowski ist von der „mentalen Stärke“ der Menschen in Deutschland beeindruckt. Sie blickten, so ergaben seine Umfragen, trotz der nun mehr als einjährigen Pandemie optimistisch in die Zukunft. Das Opaschowski Institut für Zukunftsfragen hatte hierfür zu drei Zeitpunkten der Pandemie jeweils 1000 Personen ab 14 Jahren befragt. „Bei einem Großteil der Bevölkerung überwiegt nach wie vor die positive Einstellung zum Leben“, sagte Opaschowski dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Mit der Dauer der Pandemie werden eher neue Kräfte freigesetzt: Statt Angst und Pessimismus herrschen Ausdauer, Zuversicht und Hoffnung vor.“

Doch ist wirklich alles so positiv? Der Soziologe Martin Schröder von der Universität Marburg warnt, dass die Lebenszufriedenheit in Deutschland derzeit „unfassbar niedrig“ sei. „Das ist ungefähr mit dem Rückgang an Lebenszufriedenheit vergleichbar, den Menschen durchmachen, wenn Sie ihren Job verlieren oder ihre Partnerschaft ungewollt endet - nur dass der Effekt eben nicht einige Pechvögel betrifft, sondern uns alle.“

Dennoch werden mehr Depressionen erwartet

Die Folge seien mehr psychische Erkrankungen, so Schröder, der auch ein Buch über Lebenszufriedenheit geschrieben hat. Für seine jüngsten Analysen mit Blick auf die Pandemie wertete er Daten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf aus. „Die sind zwar nicht repräsentativ, aber sie spiegeln die tatsächliche Lage klar wider“, ist sich der Forscher sicher.

Auch die Psychologin Isabella Heuser-Collier von der Berliner Charité rechnet mit mehr Depressionen und Angststörungen: „Wir wappnen uns vor einer Flut solcher Erkrankungen“, sagte die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie. Und sie sorgt sich um den deutschen Generationenvertrag. „Junge Leute sehen ihre Existenz bedroht.“ Vielen Senioren werde vorgeworfen, als erste geimpft worden zu sein, sagte sie. Könnten die Erfahrungen aus der Pandemie die Gesellschaft auch positiv beeinflussen? Mehr Fürsorge, Achtsamkeit, Empathie? Heuser-Collier hält das für Wunschdenken. „Der Mensch vergisst nichts so schnell und gern wie Katastrophen. Denken Sie nur an die Spanische Grippe und den Ersten Weltkrieg.“

Impfung befreit viele

Soziologe Schröder blickt trotz allem zuversichtlich in die Zukunft: „Sobald die (Pandemie-)Situation sich normalisiert hat, wird auch die Lebenszufriedenheit wieder auf ihren normalen Wert klettern“, so der Soziologe. „Vielleicht gibt es sogar einen „Overshoot“, vielleicht traut man der Sache aber auch erst mal nicht und die Erholung ist zaghaft.“ Für Schröder gibt es an der Erholung der Zufriedenheit „irgendwann zwischen Mai und August“ keinen Zweifel: „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Corona die einzige Ausnahme von allen wäre.“

Dass die Fortschritte in der Pandemie-Bekämpfung Zuversicht und gute Laune fördern, zeigen auch Reaktionen von Prominenten - vor allem bei den Impfungen. „Man fühlt sich besonders nach der zweiten Impfung so richtig frei“, schwärmte der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen (80), dem in Los Angeles das Vakzin verabreicht wurde. Euphorisch äußerte sich Arnold Schwarzenegger: „Ich war noch nie so glücklich, in einer Schlange zu warten“, schrieb der 73-jährige Hollywood-Star auf Twitter. Und der Berliner Sänger und Entertainer Frank Zander (79) verriet nach seiner Impfung, nach der man laut Experten eigentlich erst mal keinen Alkohol trinken soll, auf Facebook. „Bin erleichtert und mir geht‘s bestens - jetzt n Bierchen!“

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