Grünhelme errichten provisorische Tischlerwerkstatt
Gütersloher (33) hilft in Beirut

Gütersloh (WB). Vor einem Monat, am 4. August, zerstörte eine gewaltige Explosion Teile Beiruts. Zwei Tage nach dem Unglück war der Tischler Simon Bethlehem (33) aus Gütersloh vor Ort, und seitdem haben er und seine Mitstreiter 320 Fenster und 80 Haustüren hergestellt und eingebaut. „Wir versuchen, so viele Wohnungen wie möglich winterfest zu machen“, sagt er.

Freitag, 04.09.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 04.09.2020, 08:16 Uhr
Seit fast vier Wochen ist Tischler Simon Bethlehem in Beirut, um zerstörte Fenster und Türen zu ersetzen. Foto: Grünhelme e.V.
Seit fast vier Wochen ist Tischler Simon Bethlehem in Beirut, um zerstörte Fenster und Türen zu ersetzen. Foto: Grünhelme e.V.

Simon Bethlehem ist einer von drei hauptberuflichen Mitarbeitern der Grünhelme. Die deutsche Hilfsorganisation wurde 2003 von Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck ins Leben gerufen und baut in armen Ländern Schulen und andere Gemeinschaftsstrukturen – weil es sie da noch nie gab oder sie durch Naturkatastrophen oder Kriege zerstört wurden. Dabei binden die Grünhelme die Bevölkerung in die Projekte ein.

Seit drei Jahren helfen die Grünhelme in Arsal, einer kleinen Stadt im Nordosten des Libanon. Simon Bethlehem: „Der Ort hat eigentlich 30.000 Einwohner, aber seit Jahren leben dort außerdem 60.000 bis 80.000 geflüchtete Syrer.“ Die Grünhelme sorgen dort beispielsweise für die Elektrifizierung der Flüchtlingszelte, die ansonsten von den notleidenden Syrern selbst hergestellt wird – aus kurzen, miteinander verzwirbelten Kabelresten, deren Verbindungsstellen mit Isolierband umwickelt werden. Immer wieder kommt es durch diese Provisorien zu Bränden, bei denen die Syrer Hab und Gut verlieren.

Und die Grünhelme betreiben in Arsal eine Tischlerwerkstatt, in der sie junge Syrer ausbilden. Simon Bethlehem war gerade dort, als sich die Explosion in Beirut ereignete. „Wir haben Werkzeuge und Baumaterial auf einen Lastwagen gepackt und sind losgefahren.“ Das Unglück habe vor allem Karantina getroffen, einen sehr armen Stadtteil Beiruts. „Die meisten Menschen leben in drei- oder vierstöckigen Betonblöcken.“ Kaum ein Gebäude sei verschont geblieben. „Trapezblechdächer haben sich um Stahlträger gewickelt, Außenwände sind zusammengebrochen, Fenster und Türen hat es mitunter samt Rahmen aus den Wänden gerissen.“

Zusammen mit Martin Mikat aus Engelkirchen, dem Chef der Grünhelme, und sechs als Tischler angelernten Syrern seien sie sofort an die Arbeit gegangen. „Wir haben unsere Werkstatt unter einem Zeltdach eingerichtet und vier Tage nach der Explosion die ersten Fenster eingebaut. Streichen müssen die Beirutis die Holzrahmen selbst.“

Glas und importiertes Fichtenholz für den Fensterbau könne man im Libanon kaufen, sagt Simon Bethlehem. „Das Geld dafür hat uns die slowakische Hilfsorganisation People in Need gespendet.“ Der schnelle Austausch zerstörter Fenster und Türen sei wichtig gewesen, weil es schon kurz nach der Katastrophe zu Plünderungen gekommen sei. „Sogar Menschen, die ihre Möbel nur vor die Tür gestellt hatten, um ihre Wohnung von dem Explosionsstaub zu reinigen, wurden Opfer von Dieben.“

Mitten in Karantina gebe es einen freien Platz, erzählt Simon Bethlehem. „Da haben sich kurz nach der Explosion Libanesen zusammengefunden und ein Komitee gebildet, das die Aufräumarbeiten koordinieren wollte. Das waren Leute aus dem Viertel, die sich auf die Hilfe der Regierung nicht verlassen wollten. Sie haben selbst angepackt. Freiwillige aus der ganzen Stadt haben ihnen geholfen, Schutt und Scherben von den Straßen zu bekommen.“ Vor allem junge Menschen seien in Gruppen mit Besen und Schaufeln unterwegs gewesen. Mit diesem Komitee hätten die Grünhelme ihre Arbeit abgesprochen.

Was in Beirut fehle, sei eine Koordination der Hilfsangebote. „Es mangelt an einer Strategie, es geht viel durcheinander.“ Inzwischen häufe sich Essen in Müllcontainern, weil große Hilfsorganisationen viel mehr Fertigmahlzeiten nach Beirut gebracht hätten als notwendig gewesen seien. „Und manche Menschen lehnen jetzt unsere Fenster ab, weil ihnen andere Organisationen Alufenster versprochen haben.“ Er fürchte, dass es mancher Hilfsorganisation darum gehe, sich möglichst öffentlichkeitswirksam darzustellen. „Wir wollen deshalb am Wochenende nach Arsal zurückkehren. Da werden wir dringender gebraucht.“

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