Fr., 15.11.2019

Autobahn-Lückenschluss lässt die Regionen OWL und Osnabrücker Land zusammenrücken – ein Überblick Wie sich die A33 wirtschaftlich auswirkt

Der Verlauf der A33 zwischen Belm bei Osnabrück im Norden und dem Kreuz Wünnenberg-Haaren im Süden. Die Lücke zwischen Halle und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh wird mit der Freigabe des 7,6 Kilometer langen Teilstücks am Montag geschlossen. Im Norden ist noch die Verlängerung zur A1 geplant. Grafik: Patrick Sönel

Der Verlauf der A33 zwischen Belm bei Osnabrück im Norden und dem Kreuz Wünnenberg-Haaren im Süden. Die Lücke zwischen Halle und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh wird mit der Freigabe des 7,6 Kilometer langen Teilstücks am Montag geschlossen. Im Norden ist noch die Verlängerung zur A1 geplant. Grafik: Patrick Sönel

Von Oliver Horst

Halle/Borgholzhausen (WB). Mit dem Lückenschluss der Autobahn 33 zwischen Halle und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh rücken ab Montag die beiden Wirtschaftsräume OWL und ­Osnabrücker Land zusammen. Experten rechnen mit Effekten auf den Handel, den Arbeitsmarkt und damit auch auf viele Unternehmen entlang der Strecke. Ein Überblick.

Die Freigabe der 7,6 neuen Autobahn-Kilometer lässt die Fahrtzeit zwischen den Oberzentren Bielefeld und Osnabrück von zuletzt rund einer Stunde auf noch etwa 40 Autominuten zusammenschmelzen. Logistiker rechnen mit einer Verringerung der Lkw-Fahrtzeit um 15 Minuten.

Plötzlich reduziert sich damit auch für viele Menschen entlang der A33 die Distanz zu Geschäften, Restaurants, Ausflugszielen und potentiellen Arbeitgebern auf ein Maß, das sie als Kunde, Besucher oder Arbeitnehmer interessant werden lässt. Firmen rücken zudem näher an Absatzmärkte, Lieferanten oder Auftraggeber heran.

All das in zwei Wirtschaftsräumen, die im Vergleich zum jeweiligen Landesschnitt dynamisch wachsen, steigende Beschäftigtenzahlen und niedrige Arbeitslosenquoten aufweisen. Auf beiden Seiten wird nun auch mit wirtschaftlichen Auswirkungen in verschiedenen Bereichen gerechnet.

Sowohl in OWL – hier vorrangig im Kreis Gütersloh und in Bielefeld – als auch im Osnabrücker Land soll der Lückenschluss auf dann 106,1 ununterbrochenen Autobahnkilometern zwischen dem Kreuz Wünnenberg-Haaren mit der Verbindung zur A44 im Süden und Belm bei Osnabrück im Norden positive wirtschaftliche Impulse bringen. Dabei ist die Autobahn mit dem jetzigen Lückenschluss noch gar nicht an ihrem Ende angekommen. Denn weitere 9,3 Kilometer sollen im Norden bei Osnabrück noch die Verbindung zur A1 Richtung Hamburg, Bremen und Lübeck herstellen. Die Planung für diesen letzten Abschnitt ist abgeschlossen. Die wesentlichen wirtschaftlichen Effekte soll die Autobahn 33 aber schon jetzt entfalten.

Das sagt die Wirtschaft in Ostwestfalen

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld als Sprachrohr der hiesigen Firmen stuft die A33 als »wichtigen Meilenstein für die wirtschaftliche Zukunft Ostwestfalens« ein, wie Präsident Wolf D. Meier-Scheuven erklärt. Die Autobahn sei »eine Verbindung von europäischer Bedeutung«. Sie verbinde die Seehäfen in den Niederlanden und die nordwestdeutsche Region mit Süddeutschland und Südosteuropa. »Wir hoffen, dass auch Bielefeld und Osnabrück als Wirtschaftsräume noch enger zusammenwachsen – so wie dies mit dem Bau der A33 in Richtung Süden auch zwischen Paderborn und Bielefeld zu beobachten war und ist«, sagt Meier-Scheuven.

Eine leistungsfähige Straßenin­frastruktur sei wesentliche Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg im Handel, für Dienstleistungsunternehmen und vor allem in der Industrie. Das gelte besonders für OWL mit seinem starken produzierenden Gewerbe. Gerade diese Unternehmen brauchten die Anbindung. »Logistik ist eine Schlüsseldisziplin für unsere international vernetzte Wirtschaft«, sagt Meier-Scheuven. Und je effizienter die Logistik sei, desto besser sei die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen. Für den Wirtschaftsstandort Ostwestfalen sei dies »überlebenswichtig«. Mit dem Lückenschluss verbessere sich »die Erreichbarkeit unserer Region deutlich«.

Zur Kritik von Naturschützern sagt der IHK-Präsident, dass »insbesondere für den Lärm- und Umweltschutz viele Maßnahmen ergriffen wurden, um die Folgen möglichst gering zu halten. Die Dichte an Grünbrücken und Amphibientunneln ist einmalig in Deutschland.«

Vize-Hauptgeschäftsführer Harald Grefe ergänzt: »Die ostwestfälische Wirtschaft verfügt jetzt über sehr gute Autobahnanbindungen in alle Richtungen«. Zudem werde die A33 das nachgelagerte Straßennetz entlasten. Im Wettbewerb um Arbeitskräfte dürfte Ostwestfalen durch den Lückenschluss auch besser aufgestellt sein als zuvor, sagt Grefe. »Straßen ermöglichen und beschleunigen nicht nur den Transport von Gütern, sie verbinden auch Menschen und Regionen. Für viele Mitarbeiter beschleunigt sich die Anreise zu ihrem Arbeitsplatz. Das ist eindeutig ein Vorteil bei der Wahl einer Arbeitsstelle.« Auch wenn das natürlich ebenso in Richtung Osnabrück gilt. Grundsätzlich profitierten aber alle Firmen vom Lückenschluss – vor allem die Transportbranche.

Das sagt der Handel in OWL

Auch wenn die künftigen Kundenströme schwierig zu prognostizieren seien, rechnet der Handelsverband OWL für seine Betriebe nicht mit deutlichen Umsatzverschiebungen zwischen den zwei Wirtschaftsräumen. »Wir gehen davon aus, dass sich die Effekte auf beiden Seiten ausgleichen«, sagt Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands. Die sich nun von der Fahrtzeit deutlich annähernden Großstädte Bielefeld und Osnabrück seien jeweils »attraktive und interessante Handelsstandorte«. Er gehe aber davon aus, dass in erster Linie nur sehr zielgerichtet am anderen Ende der Autobahn eingekauft werde und nicht der große Shopping-Tourismus einsetze.

»Herausragend« und ein »Leuchtturm« in der Handelslandschaft ist aber auch für Kunz das Osnabrücker Mode- und Sportkaufhaus »L+T«, das mit 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche als größtes inhabergeführtes in Nordwestdeutschland gilt. »Alle Marken, die dort unter einem Dach verkauft werden, finden sich aber auch auf mehrere Fachgeschäfte verteilt in Bielefeld.«

Das sagt der Arbeitsmarktexperte

Positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in OWL durch den Lückenschluss erwartet Thomas Richter, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Bielefeld. Gerade der auch in seiner Zuständigkeit liegende Kreis Gütersloh mit einem bundesweit fast einmalig hohen Arbeitnehmeranteil im produzierenden Gewerbe von 46,9 Prozent werde von einem verbesserten Gütertransport profitieren. Die Bedeutung der produzierenden Industrie in OWL zeige sich auch an der hohen Dichte von Logistikern in der Region und daran, dass die A2 zwischen Bielefeld und dem Kreuz Bad Oeynhausen den meisten Schwerlastverkehr bundesweit aufweise.

Richter setzt mit Blick auf den Arbeitsmarkt neben messbaren wirtschaftlichen Zahlen auch auf einen weiteren Effekt der A33: »Der Lückenschluss ist ein gutes Signal gerade in einer Phase, in der rezessive Tendenzen wahrzunehmen sind. Die Firmen bekommen einen positiven psychologischen Moment. Die Hoffnung auf neue Absatzchancen durch bessere Transportwege erhöht die Neigung, Beschäftigte zu halten und bei gesunkener Auslastung nicht vorschnell zu handeln.« Dabei sieht Richter neue Chancen für OWL-Firmen vor allem auf dem niederländischen Markt »durch günstigere Transportkosten und -zeiten«. Vitale Beziehungen ins nahe Nachbarland seien ein wesentlicher Grund für die auffallende Prosperität des Osnabrücker Lands und des Münsterlands.

Sowohl für Arbeitgeber als vor allem auch für Arbeitnehmer eröffne die A33 neue Perspektiven. »Die Autobahn kann helfen, zusätzliches Arbeitskräftepotential nach OWL zu locken – aber natürlich auch zu Abwanderung in die Gegenrichtung.« Bundesweit nur ein Viertel der Berufstätigen nehme mehr als 60 bis 90 Minuten Fahrtzeit zur Arbeitsstätte in Kauf. Dieser Wert werde nun entlang der A33 vielfach unterschritten. Richter rechnet aber nicht mit Verwerfungen beim Tauziehen um Arbeitskräfte zwischen beiden Wirtschaftsräumen. »Die Bewegungen dürften sich weitgehend ausgleichen. Vor allem für Arbeitnehmer aber ergeben sich mehr Chancen und verstärkt sich der auch durch die demographische Entwicklung zunehmende Trend zu einem Arbeitnehmermarkt«, sagt Richter. »Für die Unternehmen nimmt der ohnehin schon starke Wettbewerb um Fachkräfte dagegen weiter zu.«

Das sagt die Wirtschaft im Osnabrücker Land

Die IHK Osnabrück sieht im Lückenschluss als Standortfaktor »einen Gewinn für beide Regionen«, sagt Anke Schweda, Geschäftsbereichsleiterin Standortentwicklung. »Die Konkurrenz um Kaufkraft und Fachkräfte sehen wir sportlich.« Sowohl das Osnabrücker Land als auch OWL seien prosperierende Regionen.

Niedersächsische Anliegerstädte wie Dissen und Hilter hätten schon in den vergangenen Jahren von der A33 profitiert. Viele Firmenansiedlungen und -erweiterungen seien mit Blick auf den Lückenschluss und die damit bessere Verkehrsanbindung erfolgt. Dies habe in beiden Städten zu einer überdurchschnittlichen Steuereinnahmekraft und einem unterdurchschnittlichen Schuldenstand geführt. Auch die Bevölkerungszahlen hätten sich besser als der regionale und landesweite Trend entwickelt. Und in Dissen gebe es seit 2005 relativ viele Gewerbeanmeldungen. Dabei könne die A33 »erst mit dem Lückenschluss ihre verkehrliche Funktion wirklich erfüllen und somit auch weitere Impulse für die regionale Entwicklung setzen«, sagt Schweda.

Die bessere Verkehrsanbindung erleichtere und beschleunige den Personen- und Güterverkehr. »Ortskerne werden vom Durchgangsverkehr befreit und die Verkehrssicherheit erhöht.« Für die arbeitsteilige Wirtschaft sei ein guter Verkehrsfluss von großer Bedeutung. »Zwischen Osnabrück und Bielefeld bestehen schon heute enge Verflechtungen.« Ein Beleg seien auch die 11.500 Pendler zwischen dem Osnabrücker Land, Bielefeld und dem Kreis Gütersloh. Auch in den Wertschöpfungsketten gebe es vielfältige Kooperationen, die von der A33 profitieren sollten. Schweda verweist auf Beispiele bei in beiden Regionen stark vertretenen Branchen wie Landtechnik oder Möbelindustrie.

Schweda erwartet dank der A33 zudem einen verbesserten Austausch zwischen den Hochschulen. »Gerade der Wissenstransfer ist für die Zukunft unserer Unternehmen von großer Bedeutung.«

Der Lückenschluss in Richtung Bielefeld und Paderborn sei ein weiterer Standortfaktor – nicht nur mit Blick auf die Wirtschaft, sondern auch als attraktive Wohnregion. Die alte Strecke mit der B68 sei ein echter Engpass gewesen. In Verbindung mit der nahe gelegenen A30 verbessere sich die gute Anbindung des Wirtschaftsraumes »in alle Himmelsrichtungen«.

Der Weiterbau der A33 bis zur A1 in Wallenhorst bleibe aber von größter Bedeutung. Das Vorhaben werde im Bundesverkehrswegeplan im vordringlichen Bedarf geführt und sei somit politisch beschlossen. Aus Sicht der IHK Osnabrück gebe es keine Alternative zu dem Projekt. »Denn die A30 ist schon heute stark überlastet.«

Kritik der Umweltschützer vor der Freigabe

Der Bau der Autobahn 33 habe große Schaden für die Natur gebracht, kritisiert die Bezirkskonferenz Naturschutz in Ostwestfalen-Lippe. »Die Planung der A33 ist eine Dinosaurierplanung aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts (einer Zeit des ungebremsten Autowahns) – angesichts der Klimakatastrophe passt so etwas nicht mehr in unsere Zeit: mit Vollgas nach Rückwärts«, sagt Bezirkskonferenz-Sprecher Karsten Otte. Er mahnt hinsichtlich des Verlusts von Lebensraum störempfindlicher Tierarten. Zugleich fordert er die Politik auf, den seiner Meinung nach dringend erforderlichen Mobilitätswandel anzugehen und mehr für die Verkehrswende vor Ort zu tun. Otte kritisiert unter anderem, dass nach wie vor intelligente Mobilitätskonzepte auf der Grundlage eines nachhaltigen ÖPNV für OWL fehlten.

Kommentare

Hurra, mehr Verkehr!

Die Jubelmeldungen sagen es ja selbst: Dank der neuen Strecke wird der Verkehr zunehmen. Bielefelder kaufen in Osnabrück. Dafür Osnabrücker in Bielefeld. Wow. Paderborner arbeiten in Georgsmarienhütte, der Kollege von dort verdient sein Geld in Paderborn. Pendler pendeln weiter, die Bahnverbindung bleibt schlecht und Käufer kaufen vermutlich nicht zwei Fernseher - einen in Bielefeld und einen in Osnabrück. Klasse, was für ein Vorteil! Immerhin kein Tempolimit. So kann ich auf dem Weg von Oldenburg nach Oerlinghausen hier in Zukunft weithin hörbar Lärm bei 210 machen, ob es für die Anwohner westlich der alten Bundesstraßen-Strecke wirklich leiser wird... abwarten. Ist aber politisch so gewollt - mit dem ICE bis Bielefeld fahre ich nicht mehr, dauert viel länger und für die neuen ICE4 sind extra unbequeme Sitze entworfen worden, damit wir alle häufiger das Auto nehmen oder fliegen. Verkehrswende? Würde ich ja gerne mitmachen, aber auf der Strecke gibt es noch keine Airline, die das günstig anbietet.

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