Reaktionen auf den Corona-Ausbruch bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Schulen und Kitas geschockt – Politiker appellieren an Bundesregierung
„Langsam reicht’s!”

Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh (dpa/WB/hir/as). Schulen und Kindertagesstätten im Kreis Gütersloh sind geschockt über die geplanten Schließungen nach einem Corona-Ausbruch beim Schlachtereibetrieb Tönnies. Und auch Politiker melden sich zu Wort.

Mittwoch, 17.06.2020, 16:21 Uhr aktualisiert: 17.06.2020, 22:26 Uhr
Auf den Corona-Ausbruch bei Tönnies gibt es viele Reaktionen – insbesondere von Politikern. Foto: dpa (5), Wolfgang Wotke (1)
Auf den Corona-Ausbruch bei Tönnies gibt es viele Reaktionen – insbesondere von Politikern. Foto: dpa (5), Wolfgang Wotke (1)

„Die Nachricht kam eben zur Abholzeit, wir konnten es den Kindern gar nicht mehr richtig erklären“, sagt Marina Pielsticker, Leiterin einer Kindertagesstätte in Borgholzhausen. „Mit einigen Eltern konnte ich wenigstens noch über den Zaun hinweg sprechen.“ Sie wisse noch nicht, wie es die nächsten Tage weitergehe. „Endlich hatten wir mal wieder Kinderlachen in den Räumen und nun ist alles wieder zu“, so Pielsticker. „Es ist hart, das den Kindern zu erklären.“

Auch Schulleiter Martin Bauer zeigte sich entsetzt über den Corona-Ausbruch bei Tönnies. „Wir sind alle geschockt“, so der Schulleiter einer Grundschule im Kreis Gütersloh. „Der Punkt, der uns am meisten Bauchschmerzen bereitet, ist die Notbetreuung.“ Er wisse noch nicht in welcher Form diese stattfinden könne.

Der Verband Bildung und Erziehung bemängelt in einer Mitteilung die Vorbereitung der Schulen auf lokale Ausbrüche: „Leider sind wir als Verband nicht gehört worden, die letzten zwei verbleibenden Schulwochen zu nutzen, um sich konzeptionell auf lokale Corona-Ausbrüche und auf das kommende Schuljahr vorzubereiten“, so Florian Sandmann vom Bezirksverband Detmold.

Sandmann nennt Beispiele, wie die Vorbereitung hätte aussehen sollen: „Wir hätten uns zum Beispiel die Erweiterung des bewährten Notfallordners um den Umgang mit Corona-Ausbrüchen und Schulschließungen gewünscht, bevor der Regelbetrieb hochgefahren wird.“

Politiker äußern sich bei Twitter

Auch bei Twitter gab es zahlreiche Reaktionen auf die hohe Zahl der positiven Testergebnisse bei Tönnies.

Elvan Korkmaz Emre, Bundestagsabgeordnete für den Kreis Gütersloh (SPD), twitterte: „Die unfassbar hohe Zahl an positiven Corna-Tests bei Tönnies ist dramatisch. jetzt muss entschlossen gehandelt werden. Landrat Adenauer muss sich mit Landes- und Bundesregierung verständigen und die nötigen Konsequenzen ziehen.“

Friedrich Straetmanns, Bundestagsabgeordneter für Bielefeld (Die Linke) reagierte im Hinblick auf die Betriebsschließung von Tönnies: „Richtig so. Bleibt zu hoffen, dass Tönnies solange es nötig ist geschlossen bleibt, und sich die Zustände im Betrieb deutlich gebessert haben, wenn er wieder aufmacht.“

Sahra Wagenknecht (Die Linke): „Langsam reicht’s! Wer sich wie Tönnies um den Schutz seiner Beschäftigten einen Dreck schert, sollte für entstehende Schäden haften. Die Bundesregierung muss nicht nur Werkverträge in der Fleischindustrie verbieten, sondern für mehr Kontrollen und harte Strafen sorgen!”

Haßelmann fordert „konsequente Quarantäne“

Britta Haßelmann, Sprecherin für Kommunalpolitik und Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, hat am Mittwoch in einer Mitteilung Position zu den Corona-Infektionszahlen im Fleischbetrieb Tönnies bezogen: „Die bisher vorliegenden Infektionszahlen der Firma Tönnies sind alarmierend. Ich bin entsetzt über die Lage im Schlachtbetrieb.“ Sie fordert, dass Beschäftigte und Menschen in der Region geschützt werden und „eine konsequente Quarantäne angeordnet“ werde.

Haßelmann forderte auch, der „Ausbeutung in der Schlachtbranche“ ein Ende zu setzen. „Es braucht besseren Arbeitsschutz und einen raschen Strukturwandel in der Fleischindustrie. Es muss bessere und häufigere Kontrollen der Betriebe geben und Unternehmensverantwortliche müssen zur Rechenschaft gezogen werden können. Auch braucht es eine bessere Ausstattung der Finanzkontrolle Schwarzarbeit.“

Wichtig sei ihr auch, so Haßelmann, dass ausländische Arbeitskräfte über ihre Rechte als Arbeitnehmer informiert und beraten werden. „Das ist zu lange von der Bundesregierung ignoriert worden. Wir brauchen wirksame Kontrollen und gesetzliche Regelungen, damit es nicht zu weiteren Fällen dieser Art kommt.“

Brinkhaus will Ursachen geklärt wissen

Auch der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus (CDU) kritisiert das Verhalten des Fleischkonzerns Tönnies in der Corona-Krise . „Das Hygienekonzept der Tönnies-Gruppe hat, so wie es aussieht, die Ausbreitung des Coronavirus nicht eindämmen können. Ich erwarte von den Eigentümern und dem Management der Tönnies-Gruppe, dass sie dafür die Verantwortung übernehmen“, sagte Brinkhaus dem WESTFALEN-BLATT.

Brinkhaus lobt das „vorbildliche Verhalten der Menschen im Kreis Gütersloh“ und betont deshalb: „Ich werde mich deswegen dafür einsetzen, dass die Ursachen für das Infektionsgeschehen vollständig aufgeklärt und transparent gemacht werden. Ein ‚Weiter so‘ mit dem Versprechen, ‚Wir werden in Zukunft alles besser machen‘, kann es bei Tönnies im Interesse der Beschäftigten, aber auch aller Menschen im Kreis Gütersloh nicht geben“, so Brinkhaus weiter.

Der Tönnies-Konzern hat seinen Sitz in Bundestags-Wahlkreis des Unions-Fraktionsvorsitzenden. Brinkhaus: „Der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung sowie der Beschäftigten muss absolute Priorität insbesondere vor wirtschaftlichen Interessen haben. Auch das Argument einer etwaigen Gefahr für die Versorgungssicherheit rechtfertigt diese Gesundheitsgefährdung in keiner Weise.“

Laumann ordnet Quarantäne an

Nach Bekanntwerden der neuen Coronafälle bei Tönnies hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) für alle rund 7000 Mitarbeiter des Unternehmens Quarantäne angeordnet. Sie solle mindestens so lange gelten, bis das Ergebnis eines verpflichtenden Corona-Tests vorliegt, sagte der Minister am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtags.

Als Reaktion auf die hohe Zahl werden in den kommenden Tagen erneut die Mitarbeiter aller NRW-Schlachthöfe getestet. Ziel sei es, „ein Bild zu kriegen, wie die Situation ist“. Einen solchen flächendeckenden Test hatte Laumann bereits nach den bei Westfleisch in Coesfeld aufgetauchten Infektionen angeordnet.

In der vergangenen Woche hat es nach seiner Darstellung erneut Kontrollen in den Unterkünften von Leiharbeitern gegeben. Bei den Saisonarbeitern in der Landwirtschaft habe man von Ausnahmen abgesehen „alles in allem vernünftige Verhältnisse“ vorgefunden. Dagegen hätten die Kontrolleure in der Schlachtindustrie „äußerst schwierige Verhältnisse angetroffen“. Das zeige eine besondere Problematik in der Branche. Laumann betonte, Sammelunterkünfte rückten nun in allen Bereichen in den Fokus.

Kutschaty zieht Rückschlüsse

SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty sagt: „Ganz offensichtlich war Westfleisch in Coesfeld kein Einzelfall. Wir wissen inzwischen, dass Arbeitsbedingungen und Wohnbedingungen Einfluss auf die Infektionszahlen haben. Das gilt für Leiharbeiter, die eng zusammengerottet wohnen müssen. Das ist ein wichtiger Beleg dafür, wie wichtig es ist, da zu handeln. Aber wir müssen uns nicht nur die Fleischindustrie vornehmen. Das gilt für alle anderen Bereiche auch, wo solche Arbeitszustände herrschen.“

Der Kreis Gütersloh hatte am Mittwochmittag mitgeteilt, dass alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen werden müssen. Durch diesen Schritt solle eine Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung vermieden werden. Unter den Tönnies-Beschäftigten seien zahlreiche Mütter und Väter mit schulpflichtigen Kindern.

Laschet mahnt zu Wachsamkeit

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mahnt angesichts des Corona-Ausbruchs zu Wachsamkeit. Das Beispiel zeige, «wie schnell» sich ein Virus verbreite, «wenn Abstände nicht eingehalten werden, wenn Unterkünfte nicht in Ordnung sind, und es warnt uns, immer nochmal ein zweites Mal hinzuschauen», sagte Laschet am Mittwoch nach dem Ende der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin.

Mit getroffenen Lockerungen von coronabedingten Maßnahmen habe der Fall nichts zu tun, «weil in der gesamten Zeit des Shutdowns, als alles geschlossen war, natürlich die Lebensmittelindustrie – auch die Fleischindustrie – gearbeitet hat».

Bei einem großangelegten Corona-Reihentest durch die Gesundheitsbehörden nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. «Und jetzt haben wir wenige Wochen später diesen großen Ausbruch. Das heißt: Man muss wachsam bleiben», sagte Laschet.

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