Prozess gegen Rumänen: Landgericht Bielefeld ordnet Unterbringung in Psychiatrie an
Vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen

Borgholzhausen (WB). Die 10. Strafkammer des Bielefelder Landgerichts unter Vorsitz des Richters Christoph Meiring hat im Tötungsprozess gegen Nicolae I. ihr Urteil verkündet. Der Angeklagte habe den Tod seiner Lebensgefährtin Florentina P. dadurch herbeigeführt, dass er mit schwerster Gewalt zielgerichtet auf ihren Kopf einwirkte. Infolge einer bestehenden paranoiden Schizophrenie fehle es ihm aber an Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Insofern sei er vom Vorwurf des Totschlags freizusprechen, müsse aber zum Schutz der Allgemeinheit in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden.

Mittwoch, 23.09.2020, 20:54 Uhr aktualisiert: 23.09.2020, 20:58 Uhr
In diesem Mehrfamilienhaus am Uphof in Borgholzhausen kam es zu dem tödlichen Gewaltakt gegen eine Frau, für die der Täter nicht wegen Totschlags verurteilt werden konnte. Foto: Küppers
In diesem Mehrfamilienhaus am Uphof in Borgholzhausen kam es zu dem tödlichen Gewaltakt gegen eine Frau, für die der Täter nicht wegen Totschlags verurteilt werden konnte. Foto: Küppers

»Wir können, wollen und dürfen Ihnen keinen Vorwurf machen, das Gesetz verbietet eine Strafe«

»Wir können, wollen und dürfen Ihnen keinen Vorwurf machen, das Gesetz verbietet eine Strafe«, erklärt der Vorsitzende Richter bei der Urteilsbegründung und fügt hinzu: »Sie sind krank und müssen behandelt werden«. Zuvor hatte Staatsanwalt Veith Walter in seinem Plädoyer die Verhandlungsergebnisse und Prozesseindrücke zusammen gefasst. Der 36-Jährige in Bukarest geborene Nicolae I. war verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits in Rumänien habe es Anzeichen psychischer Probleme gegeben, die dazu führten, dass Sozialkontakte und familiäre Beziehungen zerstört wurden.

Seit Oktober 2019 wohnte er bei Florentina P. in Borgholzhausen, die von der Erkrankung keine Kenntnis hatte, sich des öfteren einer derberen Ausdrucksweise bediente und dem Alkohol nicht abgeneigt war. In der Nacht vom 7. auf den 8. Januar sei der Angeklagte im Verlaufe eines Streits ausgerastet und habe seinem Opfer schwerste Gesichtsfrakturen und Schädelverletzungen beigebracht. Staatsanwalt Walter zieht inzwischen die Möglichkeit des Vorspielens einer psychischen Erkrankung, um einer Strafe zu entgehen, nicht mehr in Betracht und macht die Psychose für den Tathergang verantwortlich. Der Angeklagte habe strafrechtlich nicht schuldhaft gehandelt und sei deswegen im Maßregelvollzug unterzubringen.

Rechtsanwalt hält seinen Mandanten für »unstreitig psychotisch«

Rechtsanwalt Jerrit Schöll teilt in weiten Teilen die Ansicht des Staatsanwaltes und hält seinen Mandanten für »unstreitig psychotisch«. Er plädiert dafür, den bestehenden Haftbefehl in einen Unterbringungsbefehl umzuwandeln und geht davon aus, dass eine medikamentöse Therapie im Maßregelvollzug trotz vorhandener Sprachbarrieren möglich ist. Damit bezieht sich Schöll auch auf das psychiatrische Gutachten von Dr. Oliver Dollase, der Chancen für entsprechende Behandlungserfolge in Aussicht gestellt hatte.

In seinen letzten Worten wiederholt der Beschuldigte jedoch seine bisherigen Behauptungen vom »System, das ihm die Seele geraubt habe und ihn umbringen wolle«. Auch seine Kinder würden benutzt, um ihn zu zerstören. Die Uneinsichtigkeit in die eigene Erkrankung lässt Richter Meiring die Vermutung aussprechen, dass der Angeklagte womöglich ziemlich lange in einer psychiatrischen Einrichtung bleiben müsse.

Angeklagter ist für das Gericht weder krankheitseinsichtig noch absprachefähig

»Obwohl sie großes Unrecht begangen haben, haben Sie die Aussicht weiter zu leben und behandelt zu werden, das setzt aber ihre Bereitschaft voraus«, betont Christoph Meiring. Eine Bewährungsstrafe könne er auch deswegen nicht aussprechen, weil Nicolae I. nicht krankheitseinsichtig und absprachefähig sei. Ein anderer Täter kommt nach Überzeugung des Gerichts nicht in Frage. Der wirre wahnbedingte Zustand des nicht erst seit gestern psychisch erkrankten Angeklagten sei verantwortlich für die schlimme ausufernde Gewaltexplosion in diesem besonders traurigen Fall.

Gegen das Urteil können Rechtsmittel eingelegt werden, damit ein höheres Gericht eine Überprüfung vornehmen kann, teilt der Vorsitzende Richter dem Angeklagten noch mit, wenngleich er bedauere, dass im Laufe des Verfahrens offensichtlich keine Verständigung möglich war.

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