Streit um Trasse in Borgholzhausen
Was bedeuten 380.000-Volt-Kabel für die Ernte?

Borgholzhausen (WB) -

Werden in Borgholzhausen gegen den Willen von Bauern Äcker kilometerweit aufgerissen, um Höchstspannungsleitungen zu vergraben? Oder wird es stattdessen mindestens 70 Meter hohe Stahlgittermasten in der Landschaft geben, gegen die sich eine Bürgerinitiative zur Wehr setzt?

Donnerstag, 19.11.2020, 18:48 Uhr aktualisiert: 20.11.2020, 22:52 Uhr
Mais auf einem normalen Feld (hinten) und über einer Stromtrasse. Das Foto entstand in Schleswig Holstein
Mais auf einem normalen Feld (hinten) und über einer Stromtrasse. Das Foto entstand in Schleswig Holstein Foto: LLUR

Der Netzbetreiber Amprion aus Dortmund wird voraussichtlich heute bekanntgeben, welche Alternative er bevorzugt und dann einen entsprechenden Antrag bei der Bezirksregierung in Detmold einreichen. Der Streit um die Art der Kabelverlegung – er wird in den kommenden Jahren mit dem weiteren Ausbau der Netze noch viele Menschen beschäftigen.

Amprion möchte die Stromtrasse zwischen Gütersloh und Bad Essen-Wehrendorf erneuern. Hier sollen künftig 380.000 Volt verfügbar sein, um, so sagt es das Unternehmen, die Versorgung der Räume Osnabrück und Ostwestfalen zu verbessern. Die Leitung wird als Freilandleitung mit mindestens 70 Meter hohen Masten ausgeführt, die etwa doppelt so hoch sind wie die bisherigen. Nur in Borgholzhausen steht eine Alternative zur Debatte. Denn eine Bürgerinitiative und ein Ratsbeschluss haben dafür gesorgt, dass auf 4,2 Kilometern die Erdverkabelung geprüft wird.

Würden die Kabel vergraben, wären etwa ein Dutzend Grundstücksbesitzer betroffen, die im Ernstfall enteignet werden könnten. Landwirt Georg von Kerssenbrock ist einer von ihnen. „Ich höre immer: Was willst du denn, du wirst doch entschädigt. Aber darum geht es mir gar nicht.“ Die zwei Meter tiefen und etwa 20 Meter breiten Gräben, die ausgehoben werden müssten, würden seine fruchtbaren Äcker auf Dauer zerstören, meint von Kerssenbrock. „Das ist ein schwerer Eingriff in den Boden und seinen Wasserhaushalt.“ Als Alternative zum Graben kann man Kabel mit horizontalen Bohrungen verlegen. Weil solche Bohrungen aber nicht exakt verlaufen und deshalb mehr Abstand brauchen, würde die Trasse breiter. Diesem Kompromiss würde Georg von Kerssenbrock als kleinerem Übel zustimmen. Doch ob der Untergrund in Borgholzhausen Bohrungen zulässt, ist noch unklar.

Amprion will den Eingriff in den Boden bei der offenen Bauweise so gering wie möglich halten. Deshalb werden die ausgehobenen Bodenschichten separat gelagert, um den Graben später in der natürlichen Reihenfolge zu verfüllen. Überwacht werden die Arbeiten von einem Bodensachverständigen. Allerdings werden die Kabel zur besseren Wärmeableitung mit einem Flüssigboden abgedeckt, der mit der Zeit aushärtet. Und über den Kabeln dürfen keine Bäume gepflanzt werden.

Die Auswirkungen der Kabel auf die über ihnen wachsende Pflanzen sind noch nicht abschließend erforscht. Sie hängen von der Legetiefe, den Kabelabständen, der Bodenbeschaffenheit, der Stromstärke und dem Wetter ab. Die Technische Universität Berlin erzeugte 2015 in einem Versuch eine Kabeltemperatur von maximal 90 Grad. Mitte Juni maßen die Forscher dann über dem 80 Zentimeter tief vergrabenen Kabel in 50 Zentimetern Bodentiefe 28 Grad – elf Grad mehr als in der Nachbarfläche ohne Kabel.

Aber: Laut Amprion werden die Kabel im Regelbetrieb nicht wärmer als 50 Grad, und sie liegen etwa 1,80 Meter tief. Trotzdem scheint die Wärme der Kabel nicht folgenlos: Bei einem Versuch der Uni Freiburg im Auftrag des Netzbetreibers kamen die Wissenschaftler 2012 zu dem Ergebnis, dass die Ernte über den Kabeln höher ausfiel – bei Kartoffeln 19 Prozent, bei Winterweizen 18 Prozent und bei Mais neun Prozent. Die Feldfrüchte seien etwa zehn Tage früher reif gewesen gewesen, hätten aber zusammen mit den anderen Pflanzen geerntet werden können. Eine gemeinsame Ernte könne allerdings bei Gemüse und Erdbeeren möglicherweise nicht praktikabel sein, so die Studie.

Bessere Ernte über warmen Kabeln? Verallgemeinern lässt sich das Gutachten nicht, weil die örtlichen Gegebenheiten vielerorts sehr unterschiedlich sind. So sehen andere Gutachten auf Dauer keinen Einfluss auf die Feldfrüchte, aber es werden auch Einschnitte befürchtet: Ein Versuchsfeld, das die Landwirtschaftskammer NRW im Auftrag von Amprion seit 2018 im münsterländischen Raesfeld auf und neben einer Kabeltrasse betreibt, macht Bauern dort Sorgen. Landwirt Bernd Niehaus: „Man sieht, dass sich die Pflanzen schlechter entwickeln.“ Die Bauern in Raesfeld haben mit Amprion vereinbart, dass sich Gutachter jedes Jahr die Feldfrüchte vor der Ernte mit einer Drohne ansehen und bei Einbußen über der Trasse Entschädigungen gezahlt werden.

Auskunft zu den ermittelten Werten auf dem Testfeld gibt Amprion bisher nicht. Sprecherin Katrin Schirrmacher: „Es gab Startschwierigkeiten, weil wir auf Anraten von Experten eine Bodenüberhöhung über der Trasse angelegt hatten, die aber nicht nachsackte und im Jahr darauf beseitigt werden musste.“ Drohnenflüge über der gesamten Trasse in Raesfeld zeigten allerdings, dass auf 75 Prozent der Flächen über der Trasse die Erträge über denen der Vergleichfelder lägen.

So, wie sich einige Landwirte Sorgen um ihre Äcker machen, so sorgt sich die Bürgerinitiative „Keine 380-KV-Leitung am Teuto“ um das Landschaftsbild, sollten die 70 Meter hohen Masten aufgestellt werden. Sprecher Hartmut Halden sagt außerdem: „Die Traversen der Masten sind 35 Meter breit und ragen an Grundstücke heran. Wir befürchten gesundheitliche Schäden durch magnetische Felder.“ Zudem sei der Flächenverbrauch sehr hoch: „Die bisherigen Masten beanspruchen insgesamt 500 Qua­dratmeter Boden, die neuen etwa 5000.“ Man befürworte deshalb die Erdverkabelung und habe von Anfang an das Gespräch mit der Landwirtschaft gesucht – allerdings ohne Erfolg.

Die Hoffnung, magnetische Felder der Erdkabel würden durch den Boden wirksam abgeschirmt, trügt allerdings: Das Bundesamt für Strahlenschutz ermittelte 2009 unter einer 380-KV-Freileitung einen Meter über dem Boden eine Magnetfeldstärke von 4,8 Mikrotesla. Das vergrabene Kabel kam einen Meter über der Erde auf 3,5 Mikrotesla.

Für die Höhe der Entschädigungen, die Bauern fordern können, nennt die Bundesnetzagentur ein Beispiel: Bei einer 500 Meter langen unterirdischen Trasse, die auf 55 Meter Breite Schutz (vor Bäumen etc.) genießt, bekommt ein Bauer laut Bundesnetzagentur bei einem Bodenrichtwert von einem Euro pro Quadratmeter insgesamt 7357 Euro für den Eintrag ins Grundbuch. Klappt das innerhalb von acht Wochen, gibt es weitere 13.750 Euro für die schnelle Einigung. Zusätzlich soll jährlich Schadensersatz für mögliche Ernteausfälle gezahlt werden.

 

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