Der medizinische Leiter des Kreis-Impfzentrums, Dr. Michael Hanraths, gibt Einblicke in laufende Impfaktion
„Für den Riesenaufwand läuft es gut“

Kreis Gütersloh -

Mit 65 Jahren ist der im Ruhestand befindliche ehemalige Chefarzt des Klinikums Halle, Dr. Michael Hanraths, durch die Corona-Krise noch einmal zu einem Vollzeitjob gekommen. Der medizinische Leiter des Impfzentrums für den Kreis Gütersloh bewertet den bisherigen Verlauf der Impfungen in den Pflege- und Altenheimen positiv und erläutert, weshalb die eingeschlagenen Priorisierungen sinnvoll sind. Kritisch äußert er sich über Impfskeptiker, insbesondere in Pflegeheimen oder Krankenhäusern.

Sonntag, 10.01.2021, 14:54 Uhr
Der ehemalige Chefarzt und Ärztliche Direktor am Klinikum Halle, Dr. Michael Hanraths (hier bei einem seiner früheren Vorträge vor Patienten), ist aus seinem Ruhestand heraus zum medizinischen Leiter des Impfzentrums des Kreises Gütersloh berufen worden. Hanraths erläutert unter anderem Hintergründe zu dem enormen Aufwand, der derzeit für die Impfungen in Pflegeheimen erbracht werden muss.
Der ehemalige Chefarzt und Ärztliche Direktor am Klinikum Halle, Dr. Michael Hanraths (hier bei einem seiner früheren Vorträge vor Patienten), ist aus seinem Ruhestand heraus zum medizinischen Leiter des Impfzentrums des Kreises Gütersloh berufen worden. Hanraths erläutert unter anderem Hintergründe zu dem enormen Aufwand, der derzeit für die Impfungen in Pflegeheimen erbracht werden muss. Foto: Archivfoto: Johannes Gerhards

Ein normales Weihnachtsfest oder ein ruhiger Jahreswechsel war Dr. Michael Hanraths diesmal nicht vergönnt. Statt besinnlicher Ruhe erlebte der eigentlich im Ruhestand lebende ehemalige Ärztliche Direktor des Klinikums Halle (siehe Kasten) und 65-jährige Versmolder als medizinischer Leiter des Impfzentrums für den Kreis Gütersloh jede Menge Stress, den er im WB-Gespräch unter dem Stichwort „Telefongewitter“ zusammenfasst. Denn in Hanraths Verantwortung lag und liegt es, dass in den vergangenen zwei Wochen die Verabreichung der Corona-Schutzimpfungen in Alten- und Pflegeheimen des Kreises Gütersloh bisher reibungslos über die Bühne gegangen ist beziehungsweise noch weiter geht.

Bisher in Pflegeheimen rund 4000 Impfdosen verabreicht

Bisher sind Hanraths zufolge seit dem 27. Dezember rund 4000 Impfdosen in Heimen im Kreis Gütersloh verimpft worden, sowohl an Mitarbeiter als auch an Senioren. Er findet, dass unter den gegebenen Umständen im Kreis Gütersloh gute Ergebnisse erzielt worden sind, auch wenn in Medien immer wieder von einem verstolperten Impfstart die Rede sei. Angesichts des Riesenaufwandes laufe die Impfaktion bisher gut. Um den organisatorischen Aufwand und den notwendigen Abstimmungsbedarf zu verdeutlichen, schildert Hanraths Abläufe. So gebe es nicht etwa ein Impfteam, das durch alle Heime fahre. Vielmehr sei man auf den Einsatz der jeweiligen Hausärzte der Pflegeheime und deren Mitarbeiter angewiese. Die müssten nicht nur die Impfaktionen durchführen, inklusive Auflösen des Impfstoffes in einer Kochsalzlösung, sondern auch die notwendige Aufklärungsarbeit bei den Patienten beziehungsweise deren Betreuern sicherstellen. Die Heime sprächen sich mit den Ärzten ab und dann werde der Kassenärztlichen Vereinigung mitgeteilt, wann der Impfstoff geliefert werden könne. Auch das müsse koordiniert werden. Wenn der Stoff ausgeliefert sei, blieben wegen begrenzter Haltbarkeit maximal fünf Tage, um ihn zu verimpfen, erklärt Hanraths. Stehen den Heimen deren Hausärzte und Mitarbeiter übrigens nicht zur Verfügung, organisiert das Impfzentrum aus einem Freiwilligenpool entsprechenden Ersatz. Es gibt also eine Menge Gründe für erwähntes „Telefongewitter“.

Die notwendige Logistik und der große organisatorische Aufwand waren laut Hanraths übrigens mit ein Grund, warum gerade am Anfang zunächst in den großen Pflegeheimen geimpft wurde. Hanraths erläutert in diesem Zusammenhang, warum nicht auch immer gleich dort geimpft wurde, wo ein größerer Corona-Ausbruch aufgetreten war. „Bei einem dynamischen Ausbruchsgeschehen empfehlen wir Zurückhaltung. Denn erkrankte Menschen kann ich nicht impfen. Und wir brauchen bei einer größeren Impfaktion gesicherte Informationen über die Patienten“, erläutert er. Gleichwohl sei es immer eine Abwägungsfrage, weshalb auch in Heimen mit wenig Corona-Fällen die übrigen Bewohner schon geimpft worden seien. Es gelte dabei die Regel, keinen Impfstoff verfallen zu lassen.

Anfang Februar Start im Kreis-Impfzentrum in Gütersloh

Hanraths geht davon aus, dass die Alten- und Pflegeheime im Laufe der nächsten Woche alle durchgeimpft sein werden. Das hoffe er auch für die Seniorenwohngemeinschaften der verschiedenen Träger im Kreis, wo seit drei Tagen geimpft werde. Ab 18. Januar könne dann planmäßig die Impfaktion in den fünf Krankenhäusern des Kreises Gütersloh „in einem Rutsch“ anlaufen. Und wenn die abgeschlossen sei, könne Anfang Februar auch die Verimpfung im Impfzentrum des Kreises im ehemaligen NAAFI-Shop auf dem Flugplatzgelände in Gütersloh anlaufen, blickt Hanraths optimistisch voraus.

Erläuterungen zur Reihenfolge beim Impfen

Auch dann werde streng nach der festgelegten Prioritätenliste der Corona-Impfstoff vergeben, macht Hanraths klar. Neben den älteren Menschen zählten dazu zum Beispiel die vielen Kräfte, die in der ambulanten Pflege tätig sind. Der Impfung erhöhe nämlich die Sicherheit für die Menschen, die zuhause gepflegt würden und so schnell noch keine Schutz erlangen könnten, weil die Hausarztpraxen noch über keinen Impfstoff verfügten, den sie an ihre Patienten bei Hausbesuchen verabreichen könnten, weiß Hanraths. Die erforderliche Wartezeit für die häuslichen Pflegefälle schätzt Hanraths in Monaten ein. Wer aber als alter Mensch noch mobil sei beziehungsweise zum Impfzentrum nach Gütersloh transportiert werden könne, der könne dort auch eine Impfung empfangen. So seien zum Beispiel für Rollstuhlfahrer Impfstraßen vorgesehen, erläutert der Leiter des Impfzentrums.

„Für Verweigern einer Impfung gewinnt man keinen Fairnesspreis“

Dass in einigen Pflegeheimen oder anderen Einrichtungen mit engem Kontakt zu gefährdeten Gruppen nicht alle Mitarbeiter sich impfen lassen wollen, wertet Dr. Michael Hanraths kritisch, sofern diese keine Selbsterkrankung haben. Zwar sei der Grundsatz der Freiwilligkeit und der Überzeugungsarbeit richtig („Ich will keinem im Impfzentrum haben, der nicht geimpft werden will“). Dr. Michael Hanraths wird aber schließlich deutlich: „Angesichts der vielen Informationen in den Medien und anderswo gibt es eigentlich für niemanden einen Mangel an Aufklärung. In der Medizin gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit. Ein Restrisiko wird man immer tragen müssen. Dennoch finde ich angesichts der Lage, dass man für ein Abwarten oder das Verweigern einer Impfung keinen Fairnesspreis gewinnt.“

Wie Corona einem Chefarzt im Ruhestand einen neuen Vollzeitjob verschafft

Eigentlich ist Dr. Michael Hanraths seit März vergangenen Jahres offiziell im Ruhestand. 35 Jahre war er als Arzt tätig, zuletzt als langjähriger Chefarzt der Inneren Abteilung sowie als Ärztlicher Direktor am Klinikum Halle. Er habe die damalige Auszeit gut gebrauchen können, blickt Hanraths, der im nächsten Monat 66 Jahre alt wird, auf die vergangenen Ruhestandsmonate in seiner Versmolder Heimat zurück. Doch mit dem Ruhestand war es schließlich im November vorbei. „Dann habe ich mich beim Freiwilligen-Register des Landes NRW registrieren lassen“, erzählt Hanraths. Die Reaktion ließ seinerzeit nicht lange auf sich warten. Kurz hintereinander meldeten sich der ehemalige Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windt-horst, sowie Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer. Da die Besetzung der regionalen Impfzentren schwierig war, war schnell eine Aufgabe für den Chefarzt im Ruhestand gefunden. „Es hat mich gereizt und es gibt viele Gründe, sich in der Corona-Pandemie zu engagieren“, sagt er.

Jetzt ist Dr. Michael Hanraths medizinischer Leiter des Impfzentrums in Gütersloh, sein Vertreter ist Dr. Clemens Kloppenburg, ein ehemaliger Polizeiarzt. Hinzu kommt ein Team von medizinischen Fachangestellten. Für die organisatorischen Abläufe im Impfzentrum ist Bernhard Riepe vom Straßenverkehrsamt des Kreises als Leiter abgeordnet.

Die medizinische Leitung des Impfzentrums ist auch schon vor dessen eigentlichen Anlaufen ein Vollzeitjob, hat bereits Hanraths festgestellt. Seinen Arbeitsvertrag hat er für die Dauer des Betriebs des Impfzentrums abgeschlossen. „Anfangs dachte ich, dass für meine Arbeit etwa ein halbes Jahr erforderlich wäre. Doch das wird sich wohl nicht halten lassen“, sagt er. Nun rechnet er damit, noch bis weit ins zweite Halbjahr 2021 Arbeit mit dem Impfzentrum zu haben. Vielleicht wird es dann etwas mit dem wohl verdienten Ruhestand für Dr. Michael Hanraths.

 

 

 

 

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