Di., 12.12.2017

Winterlicher Weckruf: WESTFALEN-BLATT unterwegs mit den Gütersloher Adventssängern »Wachet auf« rufen die Stimmen

Aufwärmen mit dem Stadtoberhaupt: Imme und Henning Schulz, Heribert Füchtenhans, Gisela Flöttmann, Joachim Martensmeier, Helmut Flöttmann und Wilfried Reichow (von links) sind mit weiteren Sängern im Gütersloher Osten unterwegs.

Aufwärmen mit dem Stadtoberhaupt: Imme und Henning Schulz, Heribert Füchtenhans, Gisela Flöttmann, Joachim Martensmeier, Helmut Flöttmann und Wilfried Reichow (von links) sind mit weiteren Sängern im Gütersloher Osten unterwegs. Foto: Jan Hermann Ruthmann

Von Jan Hermann Ruthmann

Gütersloh (WB). Am frühen Sonntagmorgen bei jedem Wetter vor die Tür? Für die meisten Gütersloher kein schöner Gedanke. Für 150 Männer und Frauen ist dies das Schönste im ganzen Jahr. Die Pflicht ruft. Ihre Mission: die Stadt mit Adventsliedern zu bereichern.

Frühstart

In 13 Gruppen ziehen sie los. Jede Gruppe deckt einen bestimmten Bereich der Stadt ab. Um 5 Uhr ziehen die Gruppen vom Haus der Begegnung an der Kirchstraße, vom Kirchsaal Epiphanias am Postdamm, von der Kirche zum Guten Hirten in Blankenhagen, vom Heidewald (Im Dauenkamp), von der Verler Straße, von Meier Kattenstroth (Buxelstraße) und vom Comenius-Kindergarten am Höltingsweg los.

5.30 Uhr ist die verabredete Zeit der Gruppen, die vom Kindergarten an der Ackerstraße und vom Markus-Gemeindehaus starten. »Humanere« Zeiten herrschen an der Erlöserkirche, am Jakobus-Haus und an der Evangeliumskirche. Diese Gruppen beginnen erst um 6 Uhr.

Bläser zur Unterstützung

10 bis 20 Leute treffen sich und singen an jedem Adventssonntag ein Lied. Die »Adventssänger-Saison« läuten sie am Morgen des ersten Advents mit »Wie soll ich dich empfangen« ein. »Macht hoch die Tür« heißt es am zweiten Adventssonntag. Am dritten Adventssonntag singen sie »Mit Ernst o Menschenkinder«.

Am vierten Advent, Weihnachten ist in greifbare Nähe gerückt, singen sie schlussendlich »Tochter Zion«. Mit von der Partie sind auch Bläsergruppen, die aber nicht mit den Sängern gehen. Sie haben ein größeres Repertoire an Liedern und gehen vor beziehungsweise hinter der Sängergruppe.

1790 ging es los

Die meisten Gütersloher können sich den Advent ohne die Adventssänger gar nicht vorstellen. Seit 1790 wurden die Adventssonntage zu nächtlicher Stunde mit Liedern begonnen, zunächst von den Nachtwächtern. Sie zogen um 22 Uhr durch die Straßen und sangen Lieder aus dem Gütersloher Gesangbuch »Reckenberger Erweckung« wie »Willkommen Quell der Freuden« oder »Ach wie laufen doch die Jahre«.

Auch in der Neujahrsnacht wurde gesungen. Diesen Gesang nannte man »Wächtergesang«. Die Nachtwächter hatten nur ein Problem: Ihr Gesang wurde immer häufiger von Betrunkenen gestört, die aus den Wirtshäusern kamen. Auch über ein Verbot des »Wächtergesanges« dachte man nach.

Dann lieber morgens

Die Belästigungen nahmen auch nicht ab, als 1875 der Evangelische Jünglingsverein (heute CVJM) das Singen übernahm. 1886 verlegte der damalige Pastor Max Hyssen es auf 5 Uhr morgens. So hatte sich das Problem gelöst. Während des Krieges durften auch erstmals Frauen mitsingen, weil viele Männer an der Front waren. Vorher war das Adventssingen nur Männern gestattet.

Während der NS-Zeit sollte das Adventssingen verboten werden, Bürgermeister Brauer setzte sich aber erfolgreich dafür ein, das Singen weiterzuführen. Bis heute freuen sich viele Gütersloher über die frühmorgendliche Musik. Einige Beschwerden wegen »Ruhestörung« blieben allerdings nicht aus. Zwei Treffen aller Adventssänger hat es bislang gegeben: 1977 auf dem Hertie-Vorplatz und 2006 an der Apostelkirche. Anschließend trafen sich die mehr als 300 Sängerinnen, Sänger und Bläser zum Kaffeetrinken in der Stadthalle.

Perfektes Sänger-Wetter

Zurück in den Advent 2017: Am zweiten Adventssonntag steht Helmut Flöttmann (75) gut gelaunt vor der Erlöserkirche – es schneit ein wenig, die Straßen sind teilweise glatt. »Perfektes Adventssänger-Wetter«, freut er sich.

Auch bei Blitzeis und Regen macht sich die Gruppe auf. »Wir können die Leute ja nicht im Stich lassen und es hat noch nie einen Unfall gegeben«, meint Flöttmann. Er koordiniert die Gruppen in Gütersloh und wird deshalb »Oberadventssänger« genannt, obwohl er auf diesen Spitznamen gerne verzichten würde.

Bürgermeister stimmt mit ein

Die Gruppe, die den Gütersloher Osten besingt, zählt etwa 15 Leute. An diesem Adventssonntag hat sich hoher Besuch angekündigt: Bürgermeister Henning Schulz möchte gerne mit seiner Frau Imme mitsingen. Bereits im vergangenen Jahr war er zweimal dabei. »Es ist wirklich schön, bei einer solchen Tradition mitzumachen«, sagt er. Helmut Flöttmann ergänzt: »Wir würden uns sehr über neue Leute freuen. Einige Gruppen sind überaltert, und schon bald könnte das Adventssingen in einigen Teilen der Stadt aussterben. Das müssen wir verhindern!«

Punkt 6 Uhr stimmt Dirigent Joachim Martensmeier, bekannt als Bildungsdezernent der Stadt Gütersloh, die ersten Takte von »Macht hoch die Tür« an. Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung. Insgesamt werden sie eineinhalb bis zwei Stunden unterwegs sein, etwa 25 Mal werden sie die ersten beiden Strophen von »Macht hoch die Tür« singen. Immer im Wechsel.

Schnaps und Schokolade

Sie sind gerne gesehen. Manche Anwohner danken es ihnen in Form einer kleinen Rast: Lydia Lindemann steht eigens für die Sänger früh auf, um sie, wenn sie dann an ihrem Haus singen, mit Mandarinen, Schokolade und einem wärmenden Schnaps zu versorgen. »Dann klappt das Singen noch besser«, verspricht Gisela Flöttmann, Ehefrau von Helmut Flöttmann.

Lydia Lindemann kann sich den Advent ohne die Sänger gar nicht vorstellen: »Ich freue mich über jeden Vers, den sie singen«, sagt sie. Bei der letzten Rast vor der Erlöserkirche serviert Familie Reichow Glühwein – um 7 Uhr morgens. Selbst gebackene Plätzchen verwöhnen die Adventssänger zusätzlich.

Zum Finale wieder Gesang

Trotz teilweise glatten Straßen kommen die Sänger wohlbehalten um kurz nach 8 Uhr im Gemeindehaus der Erlöserkirche an. Hier wartet das lang ersehnte Frühstück auf sie. Und noch einmal singen sie mit lauten Stimmen und aus voller Kehle: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.«

Sie freuen sich schon auf den nächsten Höhepunkt: An diesem Mittwoch, 13. Dezember, treffen sich alle Adventssängergruppen auf dem Gütersloher Weihnachtsmarkt, um ihre Lieder zu singen. Beginn ist um 18 Uhr.

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