Fr., 15.06.2018

ARD-Korrespondent und Autor Richard C. Schneider spricht über den Nahostkonflikt Vom Alltag in einem zerrissenen Land

Richard C. Schneider liest im Bambi-Kino Passagen aus seinem Buch »Alltag im Ausnahmezustand« und diskutiert anschließend mit den Gästen über den Konflikt im Nahen Osten.

Richard C. Schneider liest im Bambi-Kino Passagen aus seinem Buch »Alltag im Ausnahmezustand« und diskutiert anschließend mit den Gästen über den Konflikt im Nahen Osten. Foto: Steffen Krinke

Gütersloh (WB). Neun Jahre alt war Richard Chaim Schneider, als er zum ersten Mal in seinem Leben nach Israel reiste. Vor dem Rückflug nach Deutschland sagte er zu seinem Vater: »Ich will hier nicht mehr weg.« Damals blieb ihm keine Wahl, doch er kehrte in das Land seiner Sehnsüchte zurück. Darüber berichtete er jetzt in Gütersloh.

Im Rahmen der Bertelsmann-Lesereihe »Belesen« las der deutsche TV-Journalist und Autor Passagen aus seinem Sachbuch »Alltag im Ausnahmezustand« und diskutierte anschließend mit den Gästen im Bambi-Filmkunstkino über den komplizierten Konflikt im Nahen Osten, die Widersprüche in der israelischen Gesellschaft und seine Sorge über den wachsenden Antisemitismus in Europa. Schneider berichtete ab 1989 regelmäßig als Nahost-Korrespondent für die ARD aus der Region. Seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Lehren aus 30 Jahren beruflicher und privater Auseinandersetzung mit dem jüdischen Staat hat er zu einem bei DVA erschienenen Buch destilliert.

Auf den knapp 300 Seiten widmet sich Schneider ganz unterschiedlichen Facetten des Staates Israel, der jüdischen Religion sowie der komplizierten Gemengelage im Nahen Osten. Er zeigt auf, welche Langzeitfolgen die Schrecken der Shoah sowie die Traumata der Kriege gegen die arabischen Nachbarn bis heute haben. Er zeichnet die immer größer werdenden Trennlinien in der israelischen Gesellschaft nach, versucht sich an einer Einschätzung des aktuellen Premierministers Benjamin Netanyahu und analysiert die Rolle des Iran in den Konflikten der Region. Er beleuchtet das besondere Sicherheitsbedürfnis des israelischen Staates, benennt jedoch genauso Probleme und Folgen israelischer Politik. Als Sohn ungarischer Holocaust-Überlebender spielt für ihn auch der heutige Antisemitismus in Europa eine wichtige Rolle. Themen, von denen jedes für sich genommen schon einen kompletten Abend ausfüllen könnte.

Beispiel Nahostkonflikt. Wenn deutsche und internationale Medien die vertrackte Situation beschreiben, werde die Beziehung zwischen Israel und den Palästinensern in den meisten Fällen als die Wurzel allen Übels dargestellt, so Schneider. Ein Befund, der seiner Meinung nach die Realität kaum widerspiegele: »Die aktuellen Brandherde, darunter Syrien und Jemen, sind allesamt Konflikte zwischen muslimischen Staaten und religiösen Gruppen.« Hinter der Fassade der anti-israelischen Propaganda arbeiteten arabische Staaten immer enger mit dem angeblichen Erzfeind zusammen, so Schneider. Die Palästinenser spielten im Alltag der Israelis keine große Rolle, auch der Rückhalt für ihr Anliegen in der arabischen Welt schwinde. »Die Wahrnehmung des Konflikts vor Ort ist eine ganz andere als die Außenwahrnehmung«, erklärte der Autor.

Analysen, mit denen viele Zuhörer nicht gerechnet hatten, das belegten die zahlreichen Wortmeldungen zu diesem Thema. Natürlich wäre eine Lösung der Israel-Palästina-Frage förderlich für den Frieden in Nahost, betonte Schneider, der sich selbst nicht als Pessimist, sondern als Realist bezeichnet. Doch die Frage, ob sich seiner Einschätzung nach der gordische Knoten des Konflikts in absehbarer Zeit durchschlagen lasse, beantwortete er mit einem so ernüchternden wie entschiedenen »Nein«. Das liege vor allem an der mangelnden Bereitschaft der politischen Führung auf beiden Seiten, zu einer Lösung zu kommen.

Mehr Aufklärung wünscht sich Schneider auch auf einem anderen Gebiet. Er brachte seine Sorge über den gestiegenen Antisemitismus in Europa zum Ausdruck. Verschwörungstheorien rund um Israel und Juden seien wieder »en vogue«, das sei der Hauptgrund dafür gewesen, dass er nach einem kurzen Intermezzo in Europa zurück nach Israel gezogen sei. Während er die Entwicklungen auf politischer Ebene, insbesondere die Verharmlosung des Holocaust als Randnotiz der Geschichte, äußert kritisch bewertete, gab er sich mit Blick auf die Völkerverständigung zuversichtlicher: »Tausende junge Israelis leben in Berlin, immer mehr junge Deutsche gehen nach Tel Aviv – das ist eine sehr erfreuliche Normalisierung. Ganz anders als in meiner Jugend, wo man als Jude in Deutschland praktisch Tür an Tür mit den ehemaligen Tätern leben musste«, sagte Schneider.

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