Mo., 25.06.2018

Folge 2 – Digitaler Unterricht: Gütersloher Gymnasium macht es vor – Eltern leasen Rechner Hier gehören Laptops zum Schulalltag

Die Konzentration in der 9e ist hoch – der Laptop hat Stift und Papier aus dem Unterricht nahezu verdrängt.

Die Konzentration in der 9e ist hoch – der Laptop hat Stift und Papier aus dem Unterricht nahezu verdrängt. Foto: Oliver Schwabe

Von Lukas Brekenkamp

Gütersloh (WB). »Ich hab euch mal etwas mitgebracht«, berichtet Hendrik Haverkamp seinen 21 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9e. Über einen Beamer projiziert der Deutschlehrer ein Bild von seinem Laptop an die weiße Wand. Die erste Stunde am Evangelischen Stift.-Gymnasium (ESG) in Gütersloh hat begonnen.

»Anlässlich meines Geburtstages möchte ich dich zu meiner ... einladen«, steht auf einer Einladungskarte auf dem Bild. Hendrik Haverkamp fordert seine Schülerinnen und Schüler auf, Ideen zu sammeln, welches Wort in die Lücke gehört. Dafür nutzen aber weder die Kinder noch der Lehrer Stift, Papier oder gar die Tafel.

Nein, denn vor den Schülerinnen und Schülern liegen nicht Füller, Block und Mappe – sondern es flimmert der Laptopbildschirm, das zentrale Lernmittel am ESG.

Über eine Website (www.sli.do), auf der die Schüler zeitgleich ihre Antworten nennen und über diese abstimmen können, füllt sich dank Beamer die weiße Wand mit Worten. Dominant: »Feier« und »Party«. Der Einstieg in das Thema Anglizismen ist geglückt.

1999 wurde erste Laptop-Klasse ins Leben gerufen

Sebastian und Lea sehen im Unterricht mit Laptops fast nur Vorteile: »Der Laptop macht den Unterricht viel attraktiver.« Foto: Oliver Schwabe

Der Unterricht mit digitalen Medien ist für das ESG nichts besonderes – im Gegenteil. Die Schule ist ein Vorreiter in Sachen Digitalisierung: Schon seit 2004 arbeiten alle Schüler von der siebten Klasse an mit Laptops. Durch lange Zusammenarbeit mit der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung kam das Projekt letztlich ins Rollen. 1999 wurde so die erste Laptop-Klasse ins Leben gerufen. Seitdem hat der Posten des Schulleiters zwei mal gewechselt – was einer Intensivierung der Bemühung um die Digitalisierung der Schule jedoch nicht im Wege stand.

»Zur Zeit sind jeden Tag etwa 800 Laptops an der Schule im Einsatz«, erklärt Hendrik Haverkamp. Etwa 1000 Schüler besuchen das Gymnasium insgesamt. Haverkamp selbst koordiniert die digitale Bildung an der Schule und unterrichtet neben Deutsch noch Sport. Auch da setzt er zum Teil auf den Laptop. Laptop im Sportunterricht? »Ja, beispielsweise für Tutorials oder Bewegungsanalysen«, erklärt Haverkamp.

Das ESG selbst hat mit »Nerdl« eine eigene Lernplattform, auf die sowohl Lehrer als auch Schüler zugriff haben. Arbeitsblätter, Bilder, Videos, Links und sogar ganze Unterrichtsreihen können auf der Plattform von den Lehrern für die Kinder zur Verfügung gestellt werden – aber auch Kollegen können darauf zugreifen. »Das stärkt auch die Zusammenarbeit der Lehrkräfte«, sagt Martin Fugmann, Schulleiter des ESG. Auch die Schülerinnen und Schüler können ihre Hausaufgaben auf die Plattform laden – zur Bewertung, sowohl von den Lehrkräften, als auch von Klassenkameraden.

»Das wär’ doch gelollt«

Mehrere Jahre war Martin Fugmann Schulleiter einer deutschen Schule in Kalifornien. Genauer: Im Silicon Valley, einem der bedeutendsten IT- und High-Tech-Standorte weltweit. Unternehmen wie Apple, Facebook oder Microsoft sind dort zu Hause. Hier hat er an der Lernplattform »Nerdl« mitgearbeitet – und sie mit nach Gütersloh gebracht.

Den Schülern der 9e – aufgeteilt in zwei Gruppen – stehen an diesem Tag zwei Texte bei »Nerdl« zur Verfügung. »Deutsch for sale« und »Das wär’ doch gelollt« heißen die Texte, die sich mit Anglizismen in der deutschen Sprache beschäftigen. »Lest bitte die Texte und sucht Argumente für und gegen die Verwendung von Anglizismen«, stellt Haverkamp die Aufgabe.

In der Klasse ist es still. Vereinzelt tippen Schüler auf ihrer Tastatur. Die Ergebnisse landen – wie wäre es auch anders möglich – wieder über den Beamer an der Wand. Mit Hilfsmitteln wie etwa der Software »Etherpad« können die Schülerinnen und Schüler zeitgleich in ein Dokument schreiben und ihre Ergebnisse präsentieren. Wie auf einer Tafel – nur eben digital.

»Der Laptop macht den Unterricht viel attraktiver«

Am Evangelisch Stiftischen Gymnasium Gütersloh setzt man auf Laptops. Foto: Oliver Schwabe

Für die Schülerinnen und Schüler des ESG ist das normal. »Für mich war das am Anfang allerdings neu«, erklärt Vanessa. Sie ist erst in diesem Schuljahr auf das Gymnasium gewechselt. Auf ihrer alten Schule habe man noch mit Stift und Papier gearbeitet. »Mit dem Laptop ist aber alles viel einfacher.«

»Es gibt definitiv viele Vorteile«, bestätigt auch Lea. »Es ist effektiver, schneller und man kann besser lernen. Auch für das spätere Leben haben wir einen riesigen Vorteil.« Klassenkamerad Sebastian ergänzt: »Der Laptop macht den Unterricht viel attraktiver.« Ob die Schüler überhaupt noch Papier benutzen? »Eher als Schmierzettel«, grinst die 15-Jährige. Allerdings: Es gibt auch Fächer, in denen der Laptop weniger zum Einsatz kommt, wie etwa in Mathematik. »Wir setzen Laptops da ein, wo sie einen Mehrwert haben«, betont Hendrik Haverkamp.

Die technische Gerätschaft am ESG ist elternfinanziert. Eltern haben die Möglichkeit, für etwa 22 Euro im Monat einen Laptop zu leasen – inbegriffen ist dabei auch die nötige Software, Versicherung und eine Garantie. Dass jedes Kind die gleichen Möglichkeiten erhält, ist der Schule sehr wichtig. Daher sind in den 22 Euro auch ein Euro »Solidaritätsabgaben« inbegriffen, um auch Familien mit weniger Mitteln die Anschaffung zu ermöglichen.

Digitale Kompetenzen immer wichtiger

Ohne die nötige Technik wie Laptops und Breitband – das ESG ist seit dem vergangenen Jahr am Glasfasernetz – ist der digitale Unterricht nicht möglich. Auch Unterstützung und Fachkenntnisse sind essenziell. Dafür hat das Gymnasium an zwei Tagen in der Woche einen Techniker vor Ort. Eine Gruppe aus Schülern, Lehrern und Eltern steht außerdem bei technischen Fragen wöchentlich zur Verfügung. Und auch die Lehrkräfte selbst haben die Möglichkeit, einmal in der Woche bei Fortbildungen ihr technisches Know-how aufzufrischen.

Der Grund für die Ausrichtung ist auch klar: »Als Schule haben wir eine Aufgabe: Schüler müssen sich in einer mittlerweile digitalen Welt zurecht finden. Dazu gehört mehr, als ein Smartphone zu nutzen«, erklärt Schulleiter Fugmann. Digitale Kompetenzen zu vermitteln seien immer wichtiger. Auch, weil diese mittlerweile einfach vorausgesetzt werden. Sei es an Hochschulen oder in der Ausbildung.

Dementsprechend ernst nehmen auch die Schüler den Unterricht. Die Konzentration in der Klasse 9e ist nahezu greifbar, Unruhe herrscht während des Deutschunterrichts bei Hendrik Haverkamp kaum.

Auch, als der Lehrer den Schülerinnen und Schülern die Hausaufgabe für die nächste Stunde stellt: Ein eigener Kommentar – »sollte man Anglizismen nutzen, oder nicht?« Zu erledigen ist die Hausaufgabe getippt – wie könnte es auch anders sein?

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