Sa., 10.11.2018

Gütersloh: Kabarettist zieht Bilanz aus 70 Lebensjahren in der Bundesrepublik Anzug, Stehpult, Venske

Henning Venske (79) zieht im kleinen Saal der Gütersloher Stadthalle eine gewohnt schonungslose Bilanz aus 70 Jahren Bundesrepublik Deutschland.

Henning Venske (79) zieht im kleinen Saal der Gütersloher Stadthalle eine gewohnt schonungslose Bilanz aus 70 Jahren Bundesrepublik Deutschland. Foto: Stephan Rechlin

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Schwarzer Dreireiher, schwarze Schuhe, weißes Haar, Stehpult, ernster Blick – nein, was Henning Venske (79) zwei Stunden lang im kleinen Saal der Stadthalle vorträgt ist nichts, bei dem man zwischendurch aufs Handy schauen sollte.

Geschichte sei nur der verzweifelte Versuch, dem Chaos der Vergangenheit irgendeinen Sinn zu geben. Das kritisiert Venske und tut es dann selbst. Er beschränkt sich auf die 73 Jahre seit dem Kriegsende und auf Westdeutschland. Seine Kommentare zu den Bundespräsidenten in dieser Zeit charakterisieren den Ton, den er in seinem Rückblick anschlägt: Der Altnazi Theodor Heuss, der Turbo-Rhetoriker Heinrich Lübke, der trinkfeste Sangesbruder Walter Scheel, der standhafte Glaubensbruder Johannes, die eingeschneite Eule Steinmeier, der gesamtdeutsche Arroganz und Eitelkeit verkörpernde Joachim Gauck: »Großartige Formulierungen bedürfen keiner Gedanken.« Die meisten Lacher erzeugen übrigens die Namen Köhler und Wulff.

Venskes Rückschau hat zwei Epochen. Die miefigen, spießigen, kommunismusfeindlichen Jahre der Kanzler Adenauer, Erhardt, Kiesinger, in denen seine Großmutter noch Kopftuch trug ohne deshalb eine Ausweisung fürchten zu müssen. Und alle darauf folgende Jahre, die allesamt Kohl-Jahre waren, obwohl die Kanzler zwischendurch auch mal andere Namen trugen.

Die braune Saat

Helmut Kohl, der in seinem dunkelblauen Mantel wie ein zugehängtes Kettenkarussell aussah, habe den Staat zu einem Instrument zur Mästung des Kapitals gemacht. Die deutsche Einheit sei eine Fusion zwischen der BRD GmbH & Co. KG und dem Arbeiter- und Bauernreservat im Osten gewesen: »Das einzige, was in den blühenden Landschaft aufging, war die braune Saat.« Fortan sei Deutschland von einer einzigen, neo-liberalen Einheitspartei regiert worden, die fünf Flügel namens CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne habe.

Doch kennt seine Wut auf den Kanzler mit den Geldbündeln im Innenfutter seines Mantels auch überraschende Grenzen: »Helmut Kohl hat niemals deutsche Soldaten im Ausland eingesetzt. Nicht einen einzigen.« Das sei ein großer Unterschied zum Rotkohl (Gerhard Schröder) und Grünkohl (Joschka Fischer), die für ihren Einsatzbefehl in Ex-Jugoslawien nicht einmal ein rechtsgültiges Mandat gehabt hätten: »Das war Anstiftung zu einer Straftat.«

Zeit der Sendeverbote

Mit Sätzen wie: »Die Terrororganisation SS war doch um längen effizienter als die RAF« erinnert Venske an Zeiten, in denen ihm noch Sendeverbote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auferlegt wurden. Er verschont auch nicht sich selbst und seine Generation: »Das einzige, was wir durchgesetzt haben, sind ein paar Rauchverbote.« Milde klingt nur in den herrlichen Tango-Einlagen von Frank Grischek auf dem Akkordeon an und in der privaten Schlussbemerkung, eine Art Zugabe: »Findet euch nicht mit den Verhältnissen ab. Eines Tages werden die Leute nicht mehr die größten Angstmacher wählen.«

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