Di., 12.02.2019

Gütersloher Vesperkirche war erneut ein Besuchermagnet – 5000 Essen ausgegeben »Sogar Muslime kommen zu uns«

5000 Essen in zwei Wochen: Die zweite Auflage der Vesperkirche im Martin-Luther-Gotteshaus stößt auf große Resonanz.

5000 Essen in zwei Wochen: Die zweite Auflage der Vesperkirche im Martin-Luther-Gotteshaus stößt auf große Resonanz. Foto: Uwe Caspar

Von Uwe Caspar

Gütersloh (WB). Wo sonst Gesangbücher ausgelegt sind, standen jetzt dampfende Teller auf den bunten Tischen zwischen den Kirchenbänken: Essen, reden und beten – so lautete für zwei Wochen das Motto der zweiten Vesperkirche im evangelischen Martin-Luther-Gotteshaus in Gütersloh.

»Bei unserer Premiere im Vorjahr sind wir förmlich überrannt worden. Auch diesmal ist die Resonanz wieder sehr groß gewesen, es ging aber bei der zweiten Auflage weitaus geordneter und ruhiger zu «, sagt Pfarrer Stefan Salzmann über den – trotz des großen Andrangs – reibungslosen Ablauf in der zum Speisesaal umfunktionierten Kirche.

Zwei Schichten, mit jeweils 150 kostenlosen Mittagessen, kanalisierten den Ansturm. Die Besucher der ersten Schicht indes mussten nach ihrer gemeinsamen Mahlzeit nicht gleich die Kirche verlassen: Sie brauchten nur die Tische freizugeben für die nachfolgenden Gäste und konnten dann Kaffee und Rosinenbrötchen genießen.

Essenausgabe: Die Vesperkirchen-Helfer Birgit Diver, Paul Kästner, Jannik Kreis und Alexander Püllenberg (von rechts) füllen die vielen Teller mit leckerem Fisch.

Rund 5000 schmackhafte Essen – unter anderem Eintöpfe, Fleisch und Fisch – haben die insgesamt 500 ehrenamtlichen Helfer an den 15 Vespertagen verteilt. »Es haben sich sogar 1000 Leute gemeldet, die uns unterstützen wollten«, staunt der zum Organisationsteam gehörende Stefan Salzmann über das freiwillige Engagement. Das Vesperkirche-Budget betrug um die 30.000 Euro – finanziert durch Sponsoren und Einzelspenden für das Mittagessen.

700 Brote an zwei Abenden geschmiert

Und erstmals wurde an zwei Tagen eine Abendvesper angeboten. »Auch die ist hervorragend angenommen worden. Wir haben um die 700 Brote geschmiert«, berichtet Pfarrer Salzmann. Auf der Speisekarte stand ebenfalls ein Veggie-Day, der gut ankam. »Lediglich zwei Gäste haben wegen der fleischlosen Kost geschimpft«, berichtet Salzmann schmunzelnd.

Viele Besucher nutzten das Vesper-Angebot nahezu täglich. So wie Vanessa Henkelmann. »Die Atmosphäre hier ist einfach toll. Man kann sich beim leckeren Essen zudem mit netten Leuten austauschen. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr«, schwärmt die 33-Jährige. Sie findet es gut, dass das Gotteshaus für dieses Projekt genutzt wird: »Endlich mal eine volle Kirche!«

Das Vorurteil vom betrunkenen Obdachlosen

Zu den Stammgästen zählte ebenso der aus Rietberg angereiste Detlef Hauser. Der 55-jährige Frührentner: »Ich war schon letztes Jahr hier und sofort begeistert.« Wie zahlreiche neue Besucher hatte sich auch Hauser mit einem Vorurteil an den gedeckten Tisch gesetzt: »Ich hatte hier zunächst mit überwiegend biertrinkenden Obdachlosen gerechnet.«

Doch die Vesperkirche hat sich als eine gern genutzte, alkoholfreie Begegnungsstätte für alle Gesellschaftsschichten profiliert. »Wir wollen ein humanitäres Zeichen gegen die fortschreitende soziale Trennung der Gesellschaft setzen und befinden uns damit auf den Spuren Jesu. Auch Gäste aus anderen Religionen heißen wir willkommen. Sogar Muslime kommen zu uns«, weist Salzmann auf die konfessionsübergreifende Offerte hin.

Viel Kultur-Programm

Das Kultur-Programm umfasste Konzerte, Filmvorführungen und Band-Auftritte. »Ein Event nicht nur für den Magen: Es trägt auch dazu bei, Herz und Seele zu öffnen. Die Vesperkirche hat eine eigene Dynamik bekommen«, betont der Geistliche, der einige Jahre seines Lebens in Münster verbracht hat. Er begrüße es, wenn auch die katholisch geprägte Domstadt ein ähnliches Projekt starten würde – sieht allerdings ein Problem. »Für strenggläubige Katholiken könnten Mittagessen und Rockmusik eine Entweihung des Kirchengebäudes bedeuten«, gibt Salzmann zu bedenken. Als zweite Vesperkirche in NRW hat Velbert nachgezogen, weitere Gemeinden im Westen wollen den Güterslohern nacheifern. Und die dürfen ihr Projekt beim evangelischen Kirchentag in Dortmund (19. bis 23. Juni) vorstellen.

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