Mi., 03.04.2019

Nach 116 Jahren endet die Geschichte der Gütersloher Molkerei Friesland-Campina räumt aus

Mit einem Gabelstapler werden intakte Maschinen aus dem Gütersloher Werk von Friesland-Campina verladen und an andere Produktionsstandorte des Konzerns gebracht. Nach 116 Jahren endet die Geschichte der Gütersloher Molkerei.

Mit einem Gabelstapler werden intakte Maschinen aus dem Gütersloher Werk von Friesland-Campina verladen und an andere Produktionsstandorte des Konzerns gebracht. Nach 116 Jahren endet die Geschichte der Gütersloher Molkerei. Foto: Wolfgang Wotke

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Friesland-Campina räumt das Gütersloher Werk einen Monat früher als angekündigt aus. Funktionstüchtige Maschinen werden verladen und an andere Produktionsstandorte verlegt. Die riesige Industrieanlage an der Hans-Böckler-Straße steht plötzlich leer.

In der Nähe wohnende, noch in Kündigungsprozessen steckende Mitarbeiter schlendern vorbei, schauen durch die Gitter, schütteln die Köpfe und murmeln, teils aus Wut, teils in verklärtem Rückblick: »Unter Strothmann wäre das niemals passiert. Da würde das Werk heute noch arbeiten.«

Klaus-Herbert Strothmann Foto: Carsten Borgmeier

Stimmt das? Klaus-Herbert Strothmann (73) ist der ehemalige Chef, hat als Junge noch auf dem Hof der 1903 gegründeten Molkerei Strothmann gespielt, als Landwirte die Milch noch in Kannen und auf Pferdegespannen anlieferten: »Nein, das kann man so nicht sagen.« 2003, im Jahr des Verkaufs an Friesland-Campina, sei das Unternehmen 100 Jahre alt gewesen. Am 1974 bezogenen Standort Hans-Böckler-Straße hätten Investitionen angestanden, die weit über seine aktive Zeit im operativen Geschäft hinausgegangen wären. Strothmann: »Eng mit der Investitionsentscheidung verknüpft war die Nachfolgefrage. Es hätte Möglichkeiten gegeben, aber wir wollten niemanden zwingen. Alleine wäre das Unternehmen ohnehin nicht mehr führbar gewesen.«

Eine sichere Zukunft

Die Alternative, die alteingesessene Molkerei an einen international tätigen Konzern zu verkaufen, habe eine sichere Zukunft versprochen. Strothmann sei als Berater mit eingestiegen: »Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass es so endet – mit einer Schließung und einer Massenentlassung.« Schrecklich sei das.

Die Schließung aus strategischen Gründen sei zu akzeptieren. Das gelte auch für die Entscheidung, das Werk nicht ausgerechnet an einen Mitbewerber aus der milchverarbeitenden Industrie zu verkaufen.

Anlage auf dem neuesten Stand

Doch daneben habe es doch eine Fülle anderer Möglichkeiten gegeben: »Warum wurde kein auf Industrieanlagen spezialisierter Makler beauftragt, der nach Kaufinteressenten für das Werk sucht?« Die Abfüllanlagen, die Bakteriologie, die Abwasserreinigung, sämtliche Leitungen im Gebäude und die Elektronik – alles habe Friesland-Campina in den vergangenen 14, 15 Jahren auf den neuesten Stand gebracht: »Die Anlagen hier hätten vom Investor aus irgendeiner anderen Branche leicht modifiziert genutzt werden können. Und sei es, um Spinat in Dosen abzufüllen.« Er wünsche sich, dass das Werk möglichst schnell wieder in Betrieb genommen werde, damit das automatische Hochregallager wegen des Stillstandes keinen Schaden erleide.

Auch wenn Klaus-Herbert Strothmann jetzt mit seiner Frau in die Nähe seiner Kinder nach Hamburg ziehe, behalte er stets einen Koffer in Gütersloh: »Die Adventsfeier mit der Ehrung langjähriger Strothmann-Mitarbeiter wird es weiter geben. Inzwischen gehöre ich ja selbst dazu.«

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