Do., 16.05.2019

Bestseller-Autorin Dörte Hansen: Schreiben kann auch qualvoll sein Schräge Vögel in Brinkebüll

Vor der Wasserturm-Kulisse: Bestseller-Autorin Dörte Hansen mit ihrem Sofa-Gesprächspartner Michael Sahr.

Vor der Wasserturm-Kulisse: Bestseller-Autorin Dörte Hansen mit ihrem Sofa-Gesprächspartner Michael Sahr. Foto: Uwe Caspar

Von Uwe Caspar

Gütersloh (WB). Als Thorsten Wagner die anwesenden Männer bittet, sich zu melden, heben sich nur wenige Hände. »Der Gleichstellungsbeauftragte wäre heute auf Ihrer Seite«, flachst der Moderator, bevor er zum Star des Abends überleitet: Dörte Hansen, Deutschlands derzeit erfolgreichste Schriftstellerin, sitzt auf dem »Blauen Sofa« des Medien-Riesen Bertelsmann.

Obwohl Hansens neuestes Werk »Mittagsstunde« kein typischer Frauen-Roman ist, sind bei ihrer Lesung in der überfüllten Skylobby die weiblichen Besucher deutlich in der Überzahl. Ein kaum erklärbares Phänomen. »Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin sehr überrascht, dass auch mein zweiter Roman so gut ankommt«, freut sich die Nordfriesin über die nach oben kletternden Verkaufszahlen. Mit bisher mehr als 350.000 abgesetzten Exemplaren rückt »Mittagsstunde« immer näher an ihren Debüt-Roman »Altes Land« heran, der rund eine halbe Million Leser(innen) begeisterte. Ihr Erstling wird jetzt vom ZDF verfilmt, mit Iris Berben in der Hauptrolle.

Wann kommt endlich ihr nächstes Buch?

Dörte Hansens Anhänger gieren förmlich nach ihrem nächsten Buch. Wann kommt es? Diese Frage habe sie schon befürchtet, schmunzelt die einstige Journalistin in der Skylobby. Mindestens drei Jahre muss sich ihre Fangemeinde gedulden, so lange braucht die Autorin für einen Roman. Das Schreiben, verrät die 54-Jährige dem Publikum, sei für sie ein »langsamer und qualvoller« Vorgang. Mit der Thematik ihres künftigen Romans habe sie sich noch nicht beschäftigt.

Nicht ausgeschlossen, dass auch bei Dörte Hansens drittem Werk alles um das dörfliche Leben in ihrer nordfriesischen Heimat kreist. Das fiktive Nest in »Mittagsstunde« heißt Brinkebüll und der Protagonist Ingwer Feddersen. Der etwas kauzige Historiker kehrt nach Jahrzehnten in sein stark verändertes Heimatdorf zurück – es gibt hier keine Störche und keine Kühe mehr auf den flurbereinigten Feldern –, um seine betagten Großeltern zu unterstützen. Ihr Buch sei gleichermaßen eine Liebeserklärung an Ostfriesland, sagt Dörte Hansen, die in ihrem Roman auch »schräge Vögel« schildert. So wie den skurrilen Messerschleifer, der einen Damenrock trägt und ein Holzbein hat.

Brinkebüll sei überall, wurde der Artikel eines Rezensenten betitelt. Die in einer Handwerker-Familie aufgewachsene Hansen (»ich bin aber handwerklich total unbegabt«) findet diese Headline treffend. Bei einem Auftritt in Stuttgart wurde sie bestätigt. »Ischt ja wie bei uns«, schwäbelte ein Besucher aus der tiefen Provinz. Sie bekomme viel Fan-Post, auch von Männern. Einige Briefe seien »herzergreifend«. Die Autorin hat jedoch auch Kritiker. So ließ nach einer »Mittagsstunde«-Lesung ein Neil-Young-Fan die zierliche Frau wissen: »Ich hätte das Buch gekauft, wenn sie darin nicht so übel über meinen Lieblingsmusiker gelästert hätten.« Dörte Hansen wird’s verkraften können.

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