Di., 21.05.2019

Vor zehn Jahren ist die Gütersloherin (67) getötet worden Mordfall Amtenbrink bleibt ungelöst

Von Ingrid Amtenbrinks Mörder fehlt bis heute jede Spur.

Von Ingrid Amtenbrinks Mörder fehlt bis heute jede Spur. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Gütersloh (WB). Der Tag im Mai 2009 scheint ein ganz normaler Frühlingstag zu sein. Ingrid Amtenbrink sitzt gemütlich im Freien auf dem Meierhof Rassfeld. Sie lacht, wirkt fröhlich, trinkt Erdbeerbowle und lauscht der Live-Musik. Dann verschwindet sie spurlos. Das Unfassbare: Drei Tage später wird sie tot in einem nahegelegenen Kornfeld gefunden – Mord!

Das alles liegt zehn Jahre zurück. Trotz intensiver Fahndungen der Polizei fehlt bis heute vom Mörder jede Spur. Die Kripo hat Freunde, Nachbarn, Verwandte und hunderte Besucher des Hof-Festes verhört, setzt sogar Spürhunde ein, sichert schließlich eine Fremd-DNA, die vom Täter stammen muss. Auch die TV-Sendung »Aktenzeichen XY ungelöst« strahlt den Mordfall aus. Doch alle Bemühungen enden in einer Sackgasse. Tatzeit: unbekannt. Tatort: unbekannt. Motivlagen: unbekannt. Längst ist dieses Kapitalverbrechen zu einem so genannten »Cold Case« (kalter Fall) geworden. Das Rätsel um den gewaltsamen Tod der damals 67-jährigen Witwe aus Gütersloh wird möglicherweise nie gelöst.

Abschied um 16.45 Uhr

Rückblick: Ingrid Amtenbrink verlässt am 21. Mai 2009 (Himmelfahrt) zu Fuß um 13.25 Uhr ihre Wohnung an der Haselstraße. Wahrscheinlich läuft sie von dort auf den Heckenweg, dann auf die Tarrheide. Danach biegt sie in den Meier-zu-Rassfeldweg ein und besucht das Open-Air-Musikfest »Swinging Table«. Um 16.45 Uhr verabschiedet sie sich. Da wird sie zum letzten Mal lebend gesehen. Am darauffolgenden Sonntag macht sich gegen 18 Uhr eine Nachbarin zusammen mit ihrer Tochter auf den Weg, um die Vermisste zu suchen. Ein Bekannter schließt sich mit seinem Hund an.

Fundort liegt 300 Meter entfernt vom Meierhof Rassfeld

Als der kleine Suchtrupp gegen 19 Uhr im Kornfeld am »Schulpättchen«, einem asphaltierten Mini-Pfad an der Holler Straße, eine Art Schneise erspäht, die in das Getreidefeld führt, schauen sie neugierig nach und entdecken die tote Ingrid Amtenbrink. Der Fundort liegt 300 Meter entfernt vom Meierhof Rassfeld. »Sie lag dort, als wenn sie gerade vom Frisör gekommen ist«, sagen diese Zeugen aus. »Nur ihre Schuhe haben gefehlt.« Die Notärztin stellt auf den ersten Blick nur eine kleine Kopfverletzung fest.

Keine Täter-Opfer-Vorbeziehung

»Zu Anfang waren wir uns nicht sicher, ob es sich tatsächlich um ein Tötungsdelikt handelt«, berichtet ein ehemaliger Ermittler. Erst die Obduktion bringt Klarheit. Offensichtlich, so die Recherchen dieser Zeitung, ist Ingrid Amtenbrink erwürgt worden. Es soll sich um ein Sexualverbrechen handeln. Eine Bestätigung gibt es nicht – Täterwissen. Die Fallanalyse des Landeskriminalamtes hat ergeben, dass es sich um einen männlichen Täter handeln müsse. Es gebe keine Täter-Opfer-Vorbeziehung, eine Eingrenzung seines Alters sei nicht möglich, er müsse jedoch regionale Bezüge haben. Das bringt die Fahnder nicht weiter. Neben einem Massenspeicheltest (12.000 Männer haben ihre DNA abgegeben) hat die Mordkommission auch Suizide in der Umgebung näher untersucht. Erfolglos.

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Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass Sexualstraftäter mit ihren Fantasien und auch mit ihrer Tat nicht umgehen können. Manche leiden darunter und scheiden aus dem Leben.

Axel Petermann, Profiler

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Axel Petermann ist ein besonderer Spurenleser. Der ehemalige Mordermittler, Profiler und Bestsellerautor aus Bremen, speziell ausgebildet, erklärt, dass es richtig ist, auch Selbstmorde genauer unter die Lupe zu nehmen: »Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, dass Sexualstraftäter mit ihren Fantasien und auch mit ihrer Tat nicht umgehen können. Manche leiden darunter und scheiden aus dem Leben.« Petermann, der sich seinerzeit mit dem Amtenbrink-Mord kritisch auseinandergesetzt hat, ist sich sicher, dass der Leichnam in dem Getreidefeld nur abgelegt wurde: »Der Fundort ist nicht der Tatort.« Für weitere Nachforschungen müsse er Einblick in die Ermittlungsakten bekommen.

Manchmal hilft auch »Kommissar Zufall«

Auch wenn Mord nicht verjährt: Wunder können die Profiler nicht vollbringen. Etliche Altfälle werden kalt bleiben, wenn es keinen neuen Ansätze gibt. Die fortschreitende technische Entwicklung macht es möglich, dass Mordfälle noch nach Jahrzehnten gelöst werden. Die moderne Kriminalwissenschaft ist meist die letzte Hoffnung. Manchmal hilft auch »Kommissar Zufall«, wenn ein Mörder wegen eines anderen Delikts registriert wird und ein Abgleich von Spuren zu Verbrechen führt, die bislang nicht geklärt werden konnten. So ist es auch im Fall Amtenbrink.

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Ungeklärte Kapitalverbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Darum schlummern in diesem Fall keine Akten im Archiv, sondern wir gehen immer wieder sporadisch und zeitnah neuen Hinweisen nach. Leider haben sich bislang keine Ansätze ergeben.

Bernd Flake, Kriminaldirektor

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Der Bielefelder Kriminaldirektor Bernd Flake erläutert auf Anfrage: »Ungeklärte Kapitalverbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Darum schlummern in diesem Fall keine Akten im Archiv, sondern wir gehen immer wieder sporadisch und zeitnah neuen Hinweisen nach. Leider haben sich bislang keine Ansätze ergeben.« Natürlich gehöre der vorliegende Fall kriminalfachlich zu den so genannten »Cold Cases«. Ohne die Hilfe des berühmten »Kommissar Zufall« werde dieser Fall seines Erachtens nicht zu lösen sein.

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