Mi., 12.06.2019

Gütersloher Dezernent: Tafeln Indiz falscher Sozialpolitik »Suppenküchen für Kinder sind eigentlich überflüssig«

Ein Kind isst zu Mittag: Laut Henning Matthes ist das eigentlich schon über das Teilhabepaket abgesichert.

Ein Kind isst zu Mittag: Laut Henning Matthes ist das eigentlich schon über das Teilhabepaket abgesichert. Foto: dpa

Gütersloh (WB). Güterslohs Sozialdezernent Henning Matthes (40) kritisiert die Existenz von Tafeln, Kleiderkammern und anderen ähnlichen Einrichtungen – »weil sie die Armut in einer Stadt verfestigen«. Stephan Rechlin fragt den Dezernenten, ob diese ehrenamtliche Arbeit dann nicht überflüssig sei.

Wenn die Suppenküche dermaßen schädliche Auswirkungen hat, sollte sie am besten schnell schließen, oder?

Henning Matthes: Um Himmels willen, nein! Die Suppenküche ist eine segensreiche Einrichtung in der Stadt, die in ihr ehrenamtlich geleistete Arbeit unverzichtbar. An dieser Stelle setzt meine, übrigens auch in vielen anderen Kommunen geübte Kritik ja auch an: Was läuft in den Sozialsystemen falsch, wenn rein freiwillige und zusätzliche Angebote von Kleiderkammern, Tafeln und Suppenküchen so einen Zulauf haben?

Und? Was läuft falsch?

Matthes: Theoretisch sollen die in den Hartz-IV-Gesetzen festgelegten Regelsätze ausreichen, das Existenzminimum von Familien, Paaren und alleinstehenden Menschen abzudecken. Faktisch tun sie es nicht. Schon die im Regelsatz enthaltenen Ansparsummen für den Kauf neuer Kühlschränke, Waschmaschinen, die Instandhaltung der Wohnung und Handwerkerrechnungen sind pure Illusion. Dieses Geld wird vorher ausgegeben. Und einen Ranzen samt Etui, Zirkel, Farbmalkasten und den erforderlichen Schulheften bekommt man auch nicht für 100 oder fast 150 Euro.

Also bleibt betroffenen Menschen doch gar nichts anderes übrig, als sich an Suppenküchen und Tafeln zu halten. Einige von ihnen werden von den Sozialbehörden in Stadt und Kreis sogar ausdrücklich darauf verwiesen.

Matthes: Das stimmt und ist ein weiteres Indiz dafür, dass etwas falsch läuft. Zum einen kommen alleinerziehende Mütter und alleinstehende Sozialhilfebezieher im Rentenalter, übrigens meist ebenfalls Frauen, nicht mit den Regelsätzen zurecht. Zum anderen schöpfen sie ihre Möglichkeiten vielleicht auch nicht aus. Beispiel Mittagessen. Im Bildungs- und Teilhabepaket ist ein kostenloses Mittagessen für Schüler und Kinder in Kitas enthalten. Das zusätzliche Angebot in der Suppenküche müsste also eigentlich überflüssig sein, wird aber rege genutzt.

Weil in der Suppenküche auch Eltern mit an den Tischen sitzen dürfen, andere Eltern treffen, einen Kaffee bekommen und miteinander quatschen können . . .

Matthes: So ist es. So wird dringend nötige gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Und diese Möglichkeit bietet die Suppenküche ja auch ohne das spezielle Kinderangebot. Ich will damit ja auch nur das Dilemma verdeutlichen, in dem wir Kommunen stecken: Wenn wir Suppenküchen fördern, schießen wir Geld in ein falsch laufendes System, statt das System instand zu setzen. Und wieder bleiben die Kommunen auf den Kosten des Systemfehlers sitzen. Mal ganz abgesehen von den Verwendungsnachweisen, die im Falle einer öffentlichen Förderung auf einmal von

einer bisher rein privat organisierten Hilfe vorzulegen wären.

Die Gütersloher Armutskonferenz empfiehlt dringend die Einstellung eines Armut-Koordinators, der Betroffene auf die verschiedenen Hilfsmöglichkeiten hinweisen soll. Mit dem Angebot soll vor allem Kinderarmut bekämpft werden. Könnten Sie so eine Stelle nicht in der Suppenküche ansiedeln?

Matthes: In der Suppenküche werden etwa 60 bis 80 Kinder und Jugendliche am Tag mit einem warmen Essen versorgt. Anspruch auf diese und weitere Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket hätten in Gütersloh aber 3400 Kinder und Jugendliche. Wir würden also beinahe eine Exklusivberatung finanzieren. Außerdem dürfte ein Koordinator keine Einrichtung ausdrücklich empfehlen.

Wie kann die Stadt der Suppenküche sonst helfen?

Matthes: Wir könnten die Ehrenamtlichen bei der Planung von Arbeitseinsätzen, in Administration und Organisation unterstützen. Das prüfen wir.

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