Mi., 12.06.2019

Zeitzeuge erinnert in Gesamtschule an Anne Franks 90. Geburtstag – Uraufführung – mit Video und Kommentar »Nie vergessen! Nie wegschauen!«

Pieter Kohnstam hat sich am Mittwoch im Forum der Gütersloher Gesamtschule an Anne Frank erinnert.

Pieter Kohnstam hat sich am Mittwoch im Forum der Gütersloher Gesamtschule an Anne Frank erinnert. Foto: Carsten Borgmeier

Von Dunja Delker

Gütersloh (WB). Eigentlich war das Tagebuch ein persönliches Geschenk zum 13. Geburtstag. Doch mit ihren Aufzeichnungen darin hat Anne Frank den Menschen weltweit ein Geschenk von historischer Bedeutung hinterlassen. Am Mittwoch wäre sie 90 Jahre alt geworden.

Bundesweit haben sich 250 Schulen und 40.000 Schüler an einem Aktionstag in Gedenken an die Deutschjüdin beteiligt. Bei der wohl bedeutendsten Feierstunde in der Gütersloher Anne-Frank-Gesamtschule konnten Schulleiter Jörg Witteborg und Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, neben der stellvertretenden Botschafterin der Niederlande, Willemijn van Haaften, auch Pieter Kohnstam begrüßen.

Die jüdische Familie des heute 82-Jährigen hatte in Nürnberg eine Spielwarenfabrik, war ebenfalls ins niederländische Exil gegangen und hat in Amsterdam fast Tür an Tür mit Familie Frank gelebt. Die sieben Jahre ältere Anne war seine Babysitterin.

In einem Gespräch mit Zwölftklässlern berichtete Kohnstam am Mittwochmorgen von unbeschwerten Stunden mit Anne Frank und von der Flucht seiner Familie aus Amsterdam über Barcelona per Schiff nach Argentinien. »Steht auf gegen Rassismus! Lasst es nicht so werden wie früher!«, forderte daraufhin Schülersprecher Timo Güthenke auf.

Anne Frank war seine Babysitterin

Für Patrick Siegele war die Entscheidung für Gütersloh

Kommentar

Waren Sie schon einmal im Anne-Frank-Haus in Amsterdam? Über die Lektüre des Buches hinaus empfehle ich diesen Besuch dringend. Ich habe das Tagebuch in der Schule nicht gelesen, wohl aber vor meinem Amsterdam-Ausflug. Ich war ergriffen von den Erzählungen des Mädchens – immer im Hinterkopf, dass dies keine Fiktion ist. Noch realistischer, da original, ist der Besuch des Hinterhauses, der – genau wie die Schilderungen von Zeitzeugen wie Pieter Kohnstam – bedeutende Beklemmung auslöst.

Zeitzeugen gehen, doch Erinnerungen müssen bleiben, damit sich Diskriminierung in dieser Form nicht wiederholt. Daran sollten die Schüler denken, wenn sie die Schule verlassen, um nachmittags in WhatsApp-Nachrichten und bei Facebook über den Tischnachbarn lästern, weil er anders denkt, anders ist oder anders aussieht. Dunja Delker

als Auftakt zum Aktionstag selbstverständlich – auch wenn bundesweit 100 Schulen den Namen »Anne Frank« tragen. Die Gesamtschule sei vorbildlich, sagte er und erinnerte an die Anne-Frank-Wanderausstellung und die Einweihung des Miep-Gies-Weges.

Willemijn van Haaften ermunterte die Schüler dazu, im Zeitalter der sozialen Medien Tagebuch zu schreiben. Und sie forderte dazu auf, sich für ein demokratisches Europa zu engagieren.

Bewegende Worte des Zeitzeugen im Forum

»Man kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber man kann verhindern, dass es noch einmal passiert«, sagte Pieter Kohnstam, der mit Ehefrau Susan aus Florida angereist war. Seine englischen Ausführungen übersetzte Patrick Siegele, der Kohnstamm am Abend zu einer weiteren Feierstunde begleitete, bevor das Paar am Donnerstag die Heimreise antrat. Der 82-Jährige gab seinen Zuhörern mit auf den Weg, dass sie niemals vergessen und niemals wegschauen dürften.

Sichtlich gerührt war der Zeitzeuge vom Auftritt der Bläserklasse 7 d. Unter der Leitung von Ludwig Stienen präsentierten die jungen Musiker die »Anne Frank Suite – für das Leben«, die der deutsche Komponist Helmut Bieler-Wendt extra zum 90. Geburtstag geschrieben hatte. Das Stück spiegelt Anne Franks Leben von der glücklichen Kindheit über die Zeit im Hinterhaus bis zur Deportation wider. Die Suite ist kein Geburtstagsständchen der üblichen Sorte und hat – wie Anne Franks Geschichte auch – kein glückliches Ende. Langsam und bedrohlich klingt sie aus. Denn heute sei wichtiger denn je: »Wehret den Anfängen! Nie wieder«, betonte der Komponist.

Journalisten aus Japan

Sogar in Japan wird über die Veranstaltung in Gütersloh berichtet. Mit Jun Nojima und Anke Laskey waren der Berlin-Korrespondent und eine deutsche Redakteurin von »The Asahi Shimbun« zu Gast. Die Zeitung aus Tokio hat eine Auflage von sechs Millionen Exemplaren und ist in Japan und weltweit die zweitgrößte Zeitung. Anne Frank habe in Japan eine große Bedeutung, sagt Nojima.

Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 in Frankfurt/Main geboren. Die Deutsch-Jüdin wanderte 1934 mit Eltern und Schwester in die Niederlande aus, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen. In Amsterdam lebte sie ab Juli 1942 mit ihrer Familie in einem versteckten Hinterhaus. Dort hielt sie Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch fest, das nach dem Krieg als »Tagebuch der Anne Frank« von ihrem Vater Otto Frank veröffentlicht wurde. Sie starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

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