Do., 13.06.2019

Gütersloh: Größtes Waldsterben seit 1984 im Kreis ist nicht sofort erkennbar »Ey, ist doch alles grün hier«

Noch immer arbeiten Sägewerke, Forst- und Transportbetriebe gegen die Folgen des Orkans Frederike und kleinerer Folgestürme im vergangenen Jahr an. Den ausgetrockneten Bäumen setzt außerdem der Borkenkäfer zu.

Noch immer arbeiten Sägewerke, Forst- und Transportbetriebe gegen die Folgen des Orkans Frederike und kleinerer Folgestürme im vergangenen Jahr an. Den ausgetrockneten Bäumen setzt außerdem der Borkenkäfer zu. Foto: dpa

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Eichen werfen schon jetzt ihre Früchte ab. Buchen verlieren vertrocknete Blätter, manche bilden Schleim. Fichten entwickeln keinen Harz mehr, um sich gegen Borkenkäfer zu wehren.

Regionalförster Holger-Karsten Raguse, Chef des Landesbetriebs Wald und Holz, deutet diese Symptome als Hilferufe: »Die Bäume signalisieren: Wir stehen unter Stress.« Tatsächlich gehe es den Bäumen im Kreis Gütersloh so schlecht wie zum Höhepunkt des großen Waldsterbens 1984. Im Beirat der unteren Landschaftsbehörde erwägt Raguse sogar, den Notstand auszurufen, zieht die Idee dann aber zurück: »Auf den ersten Blick ist die Krise nicht erkennbar. Wenn die Leute durch den Wald gehen, sagen sie: Ey, ist doch alles grün hier.«

Orkan, Sonne, Trockenheit

Auf gut 15.000 Hektar Waldfläche im Kreis Gütersloh seien Eichen (16 Prozent des Baumbestandes), Buchen (15 Prozent), Kiefern (35 Prozent), Fichten (13 Prozent) und die kleineren Bestände an Linden, Pappeln, Kastanien und Douglasien mit vollen Tanks ins Jahr 2018 gestartet. Selbst Orkan Friederike sorgte am 18. Januar 2018 nur für punktuelle Einzel- und Nestbrüche. Doch dann setzten im Laufe der Wochen weitere, kleinere Stürme ein, die immer wieder kleinere Schäden hinterließen.

In ganz Deutschland türmten sich mit einem Mal 20 Millionen Festmeter Holz auf, die Transportunternehmen und Sägewerke an ihre Leistungsgrenzen brachten. Von April an sei der Regen ausgeblieben. Die Sonne schien unerbittlich durch bis Oktober. Es kam die Stunde des Borkenkäfers, der schon immer zum Öko-System des Waldes gehörte. Kranke, ausgedörrte Bäume hätten keine Kraft mehr gehabt, um Widerstand zu leisten. Raguse: »In guten Zeiten gelang es dem Borkenkäfer, seine Population zu verdoppeln. Diesmal hat er sie vervierfacht.« Der Winter sei nicht kalt und feucht genug gewesen, um ihn zu stoppen: »Unsere Wälder sind mit nur noch halb gefüllten Tanks ins Jahr gezogen. Uns stehen, ein, zwei sehr schwierige Jahre bevor.«

Klimarobuste Mischwälder

Einfach den Boden kalken und so dem sauren Regen begegnen wie vor 35 Jahren sei diesmal nicht möglich: »Das Problem ist komplexer.« Angelika Daum (Nabu) vermutet, dass Stickoxide den Bäumen zusetzen. Raguse: »Ein Faktor unter vielen.« Jede Maßnahme, die heute ergriffen werde, wirke sich erst in 100 bis 200 Jahren aus. Der Landesbetrieb Wald und Holz empfehle nicht einfach neue Baumsorten, die ersatzweise anzupflanzen seien: »Wir brauchen naturnahe, klimarobuste Mischbestände. Dafür bieten die Mischwälder im Kreis Gütersloh beste Voraussetzungen.«

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