Sa., 29.06.2019

Firmenchef Reinhard Zinkann über 120 Jahre Tradition und anstehende Veränderungen »Miele wird in OWL verwurzelt bleiben«

Dr. Reinhard Zinkann mit einem Miele-Motor im Firmenmuseum. Er führt den Gütersloher Hausgerätehersteller in vierter Generation gemeinsam mit Markus Miele.

Dr. Reinhard Zinkann mit einem Miele-Motor im Firmenmuseum. Er führt den Gütersloher Hausgerätehersteller in vierter Generation gemeinsam mit Markus Miele. Foto: Carsten Borgmeier

Gütersloh (WB). Beim Gütersloher Hausgerätehersteller Miele jährt sich am Montag die Firmengründung zum 120. Mal. Viel Zeit zum Feiern bleibt nicht. Denn die Herausforderungen sind heute so groß wie selten zuvor. Bernhard Hertlein sprach mit Miele-Chef Dr. Reinhard Zinkann (59) über Tradition, die Zukunft und anstehende Veränderungen.

Miele – das ist erstens das ostwestfälische, zweitens das Familienunternehmen, das drittens Waschmaschinen und andere Hausgeräte herstellt und viertens einen strikten Qualitätskurs steuert. Was würden Sie 120 Jahre nach Gründung sagen: Welches Kriterium ist genetisch, also unverrückbar mit Miele verbunden?

Reinhard Zinkann: Grundlegend ist das, was die Gründer auf die allererste Buttermaschine geschrieben haben, die das Unternehmen produzierte: Immer besser. Als Landwirt im Nebenerwerb hatte Carl Miele Erfahrungen mit der schlechten Qualität von landwirtschaftlichen Geräten gemacht. Das sollte bei dem Unternehmen, das er mit meinem Urgroßvater Reinhard Zinkann gegründet hat, nicht so sein. In den 120 Jahren sind viele Produkte hinzugekommen oder wie das Automobil wieder aus dem Programm genommen worden. Aber das Motto ist geblieben.

 

Also Tradition über alles?

Zinkann: Nein. Denn immer besser heißt auch: immer anders. Wir müssen also innovativ sein, bei unseren Produkten und Services, aber auch bei der Aufstellung des Unternehmens. Es bleibt aber dabei, dass unsere Produkte auf Zuverlässigkeit und Langlebigkeit ausgelegt sind. Im übertragenen Sinne gilt dies auch für unser Denken und Handeln insgesamt. Miele wird auch künftig in Ostwestfalen verwurzelt sein. Wir denken in Generationen – in der Führung des Unternehmens, in der Beziehung zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten – und natürlich bei unseren Geräten, die auf 20 Jahre getestet sind.

 

Und aktuell, wie läuft das Geschäft mit den Hausgeräten?

Zinkann: Das Geschäftsjahr endet am 30. Juni. Die letzten Zahlen liegen noch nicht vor. Aber soviel kann ich sagen: Der Umsatz hat sich auch dieses Mal wieder positiv entwickelt. Die Branchenkonjunktur hat sich 2018 jedoch insgesamt weltweit abgekühlt. Da spielen politische Faktoren eine Rolle, zum Beispiel der Handelskonflikt zwischen USA und China oder innenpolitische Themen wie in der Türkei, Währungsverschiebungen und politisch gewollte Einschränkungen, etwa beim Immobilienhandel in Singapur. Gerade in Asien sind große neue Neubauprojekte, die wir mit kompletten Küchen ausstatten, ein wichtiger Absatzkanal. Wenn sich hier Voraussetzungen ändern, reagieren wir, zum Beispiel durch einen stärkeren Fokus auf den dortigen Handel, soweit dieser eine markengerechte Präsentation und Beratungsqualität gewährleistet.

 

Aber die neue Gerätegeneration 7000 müsste doch für Nachfrage sorgen?

Zinkann: Das wird sie auch tun. Aber da sie erst seit Mai im Handel verfügbar ist, wird sich das erst im neuen Geschäftsjahr auswirken. Dann allerdings erwarten wir deutliche Impulse. Mit fast 3000 Modellvarianten weltweit, 15 Produktgruppen und zehn beteiligten Miele-Werken ist dies die größte Produkteinführung unserer Geschichte, und die ersten Feedbacks aus dem Handel sind äußerst positiv.

 

In den Medien wurde die Produktumstellung von anderen Unternehmensnachrichten überschattet. So ist die Beauftragung der Unternehmensberatung McKinsey von der IG Metall kritisiert worden. McKinsey sei vor allem darauf aus, Personalkosten zu sparen, und das passe nicht zur Miele-Unternehmenskultur...

Zinkann: Auch wenn es noch keine konkreten Ergebnisse und Maßnahmen gibt: Das Einsparpotenzial, das wir mit den Beratern von McKinsey und zahlreichen Miele-Führungskräften für die gesamte Miele-Welt gemeinsam identifiziert haben, besteht zum größeren Teil aus Sach- und Materialkosten. Davon abgesehen: Die Unternehmenskultur von Miele zu wahren und zu pflegen, ist Aufgabe der Geschäftsleitung, der Führungskräfte und letztendlich der gesamten Belegschaft. Die Miele-Kultur leben und verkörpern wir alle. Über die Vorschläge, die McKinsey uns unterbreitet, entscheidet die Geschäftsleitung, wie bei anderen Beratungsprojekten auch. Vor der Umsetzung wird natürlich auch der Betriebsrat in der gebotenen Weise einbezogen.

 

Wie weit sind diese Gespräche mit den Betriebsräten gediehen?

Zinkann: Wir sind mit den Arbeitnehmervertretern an allen Standorten permanent im Austausch, und natürlich gibt es auch zu diesem Beratungsprojekt den Dialog mit dem Betriebsrat. Zu konkreten Maßnahmen gibt es aber noch nichts zu erörtern, da das Bild noch nicht vollständig ist.

 

Wann wird das soweit sein?

Zinkann: Die konkreten Ergebnisse werden wir im Herbst haben und diese dann auch kommunizieren. Dann werden auch die Gespräche mit dem Betriebsrat konkreter.

 

Sprechen Sie auch mit der IG Metall?

Zinkann: Ich persönlich nicht, das ist vor allem Sache der Personalleitung und des Leiters unseres Gütersloher Waschmaschinenwerkes. Hier bereiten wir uns auf das künftige Zusammenspiel mit unserem neuen zweiten Waschmaschinenwerk in Polen vor, das Anfang 2020 die Produktion aufnimmt. Gütersloh wird künftig in seiner Funktion als Leitwerk unserer dann aus drei Standorten bestehenden Wäschepflegesparte stärker gefordert sein, langfristig aber weniger Personal benötigen. Da gibt es natürlich Gesprächsbedarf.

 

Wird sich Miele künftig vom Status eines Gütersloher Konzerns weg- und stärker zu einem Unternehmensverbund hinbewegen?

Zinkann: Wir sind schon jetzt in 50 Ländern mit eigenen Vertriebsgesellschaften aktiv, und unsere fünf Werke außerhalb Deutschlands sind ebenfalls rechtlich selbstständige Unternehmen. Klar wird sich der Verbund noch erweitern. Zuletzt sind unsere italienische Medizintechnik-Tochter Steelco und Yujin Robot in Korea hinzugekommen. Doch diese Gruppe schart sich im Kern um ein großes, aber mittelständisch geprägtes Familienunternehmen, das in Gütersloh geführt wird, und das wird auch so bleiben. Die Miele & Cie. KG ist Herz der Gruppe und produzierendes Unternehmen. Als wir das Spülmaschinenwerk in Tschechien eröffnet haben, wurde gemutmaßt, das ginge zu Lasten von Bielefeld. Das Gegenteil ist eingetreten. Unsere Spülmaschinenproduktion in Bielefeld ist bis zur Kapazitätsgrenze ausgelastet.

 

Welcher Leitsatz der Vorgänger-Generationen hat Ihnen bislang am meisten geholfen?

Zinkann: Der erwähnte Leitsatz »Immer besser«. Es sind nur zwei Worte, aber darin steckt unsere gesamte Firmenphilosophie. Hinzu kommt ein Spruch, der bis heute im Büro des alten Herrn Miele hängt: »Friede ernährt. Unfriede verzehrt.« Erfolgreich sind wir nur gemeinsam – im Gesellschafterkreis, im Management sowie mit unserer Belegschaft. In diesem Sinn fällen wir Beschlüsse, solange ich mich erinnern kann, immer gemeinsam. Manchmal dauert das vielleicht etwas länger. Aber dafür werden die Entscheidungen nachher auch von allen getragen. Das dritte Ziel ist ganz klar: Der langfristige generationenübergreifende Erhalt als unabhängiges Familienunternehmen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6731830?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516079%2F