Di., 16.07.2019

Scharfe Kritik an Bertelsmann-Studie Mögliche Krankenhausschließungen: »Wäre für Menschen verheerend«

Die Grafik zeigt: In Ballungszentren wie dem Rheinland ist der Weg ins Krankenhaus kurz. Anders sieht es im ländlichen Raum aus.

Die Grafik zeigt: In Ballungszentren wie dem Rheinland ist der Weg ins Krankenhaus kurz. Anders sieht es im ländlichen Raum aus. Foto: dpa

Gütersloh (dpa/WB/jmg). Fast 60 Prozent der Krankenhäuser sollten dichtgemacht werden , rät eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Falsches Rezept, hallt es zurück. Die Wege zur Klinik auf dem Land könnten noch länger werden, ist die Befürchtung.

Die Diagnose klingt hart, der Einschnitt wäre tief: von derzeit 1400 Krankenhäusern nur 600 größere und bessere erhalten . Nur Kliniken mit großen Fachabteilungen und vielen Patienten hätten ausreichend Erfahrung für eine sichere Behandlung, lautet ein Hauptargument. »Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet«, so wird Brigitte Mohn, Vorstand der Stiftung, in einer Mitteilung zitiert, »wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden«.

Im Auftrag der Stiftung habe das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) untersucht, wie eine Versorgung durch Kliniken aussähe, die sich nicht in erster Linie an einer schneller Erreichbarkeit, sondern an Qualitätskriterien orientiere, heißt es. Dazu gehörten die gesicherte Notfallversorgung, Facharztbereitschaft rund um die Uhr, Erfahrung des Personals sowie angemessene Ausstattung. Ein daraus entwickeltes Zielbild sei in einer Simulation auf den Großraum Köln/Leverkusen übertragen worden. Die Simulation zeige, dass die Region mit 14 der aktuell 38 Akutkrankenhäusern eine bessere Versorgung bieten könne. Die Patienten müssten im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen. Zudem könnten bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal abgemildert werden.

Versorgung muss für alle sichergestellt werden

»Es braucht eine gut erreichbare Grundversorgung vor Ort ebenso wie eine Hochleistungsmedizin in der Region«, fordert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz. »Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag. Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend«, kritisiert er. Es gehe auch gar nicht immer um komplizierte Operationen. Die Versorgung müsse auch für Patienten sichergestellt werden, die in der Klinik keine Maximaltherapie benötigten. »Das sind vor allem alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen.« Mehr als 60 Prozent aller Klinikpatienten.

In den Städten wäre die Nahversorgung zwar auch bei einer Schließung von Kliniken gesichert, glaubt Jürgen Wasem, Experte für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Aber: »Im ländlichen Raum sieht das anders aus. Dort stellt sich das Problem der Zugänglichkeit deutlich krasser.« Die Bertelsmann-Untersuchung räumt dazu auch ein: In ländlichen Kreisen mit unter 75 Einwohnern pro Quadratkilometer – derzeit 28 Kreise in acht Bundesländern – werde es dann wohl kaum möglich sein, binnen 30 Minuten ein größeres Krankenhaus zu erreichen.

Spahn: »Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat«

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich betont: »Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.« NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) meint, angesichts begrenzter Finanzen und des Fachkräftemangels seien »ressourcenschonende Strukturen« nötig. Ohne »Zentralisierungen und Spezialisierungen« werde es nicht gehen. Man wolle aber die Strukturen im ländlichen Raum stärken, versichert Laumann.

Und was sagen die Mediziner? Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und der gesetzliche Auftrag der Daseinsvorsorge stehe über allem, unterstreicht die Bundesärztekammer. »Gerade im ländlichen Raum müssen wir die flächendeckende Versorgung der Patienten sicherstellen.« Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen begrüßt dagegen die Empfehlungen aus Gütersloh – beim Blick auf die Ballungsgebiete. Dort gebe es zu viele Kliniken, die sich untereinander Konkurrenz machten.

Fakt ist, dass die Finanzen mancher Kliniken nicht gerade gesund sind. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft hat jede dritte Klinik 2017 rote Zahlen geschrieben. Der Marburger Bund meint allerdings: »Krankenhäuser sind keine Profitcenter, sondern Teil der staatlichen Daseinsvorsorge.« Ökonomen könnten leicht von Zentralisierung und Kapazitätsabbau »fabulieren«. Schmerzhaft treffen werde das aber besonders ältere und wenig mobile Menschen.

Dr. Düllings: »Bertelsmann ist dabei, seinen guten Ruf zu verspielen«

Als »schlichtweg Unsinn« bezeichnete Dr. Josef Düllings die Schlussfolgerung der Studien. »Bertelsmann ist dabei, seinen guten Ruf zu verspielen«, kommentierte der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, der zugleich Geschäftsführer des Paderborner St.-Vincenz-Krankenhauses ist. Strukturen müssten den Notwendigkeiten in den jeweiligen Regionen entsprechend weiterentwickelt werden. Dabei müssten ambulante und stationäre Leistungen »endlich besser miteinander vernetzt werden«. Die Studie indes verunsichere viele Menschen, die befürchten, dass ihr Krankenhaus zu denen gehören könnte, die geschlossen werden könnten.

Michael Ackermann, Geschäftsführer des Bielefelder Klinikums, ließ über einen Sprecher mitteilen, dass es sich bei der Studie um eine regionale Analyse handele, die sich kaum auf ganz Deutschland übertragen lasse.

Kommentare

Bettenzahl ?

Niemand denkt an die notwendige Bettenzahl bei Schließungen. Gerade in den zitierten Ballungsgebieten, in denen man Krankenhäuser schließen will, fehlen zur Zeit oft Zimmer und Betten.

1 Kommentare

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