Do., 12.09.2019

Gütersloh: Michael Harrison erforscht im ersten Buch die Masche von Felix Vossen Das Schweigen der Wachhunde

Der britische Finanz- und Wirtschaftsjournalist Michael Harrison hat das erste Buch über den Gütersloher Finanzbetrüger Felix Vossen geschrieben. Dazu hat er tief in Archiven und in der Redaktion des WESTFALEN-BLATTES in Gütersloh gegraben.

Der britische Finanz- und Wirtschaftsjournalist Michael Harrison hat das erste Buch über den Gütersloher Finanzbetrüger Felix Vossen geschrieben. Dazu hat er tief in Archiven und in der Redaktion des WESTFALEN-BLATTES in Gütersloh gegraben.

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Nach NDR-Radio-Podcast und ZDF-Fernsehdokumentation folgt jetzt das erste Buch über den Gütersloher Finanzbetrüger Felix Vossen. In England ist »Mr. Charming – The Life and Crimes of Felix Vossen« bei Amberly Publishing erschienen.

Kann Autor Michael Harrison – ehemaliger Mitgründer des »Independent« und preisgekrönter Wirtschafts- und Finanzjournalist im Vereinigten Königreich – auf 296 Seiten und in 14 Kapiteln noch irgendetwas bieten, was deutsche Medien nicht schon längst über Vossen erzählt haben? Er kann, weil er erstaunlich tief gräbt, um zu erklären, warum 33 wohlhabende Menschen einem 1974 in Gütersloh geborenen Jungen 33,5 Millionen Euro anvertrauen und sich von ihm übers Ohr hauen lassen. Das gilt nicht nur für das überwiegend in Gütersloh angesiedelte Kapitel »The Making of a Fraudster« – das Heranwachsen eines Betrügers. Um die Sozialisation des jungen Felix nachvollziehen, hat Harrison im Gütersloher Stadtarchiv recherchiert, hat mit ehemaligen Mitarbeitern der Firma Vossen gesprochen, mit dem die Vossen-Insolvenz begleitenden Hans-Werner Heißmann-Gladow von der IG Metall und das WESTFALEN-BLATT aufgesucht.

Kontrollen versagen

Für Leser, die schon viel über Felix Vossen wissen, dürfte das Kapitel über die schweigenden Wachhunde – »The Dogs That Did Not Bark« – so richtig spannend sein. Darin wird zum ersten Mal detailliert aufgeschlüsselt, wie Vossen seine Anleger betrogen hat. Die Erkenntnis ist erschütternd: Mit ausgeklügelten Anlagestrategien an den Börsen dieser Welt hatte der Betrug überwiegend nicht viel zu tun. Die Anleger überwiesen teilweise ihre komplette Altersvorsorge an Vossen, weil der ein wirklich netter Kerl war und sie gefälschten Kontoauszügen und der Korrespondenz mit frei erfundenen Mitarbeitern glaubten. Möglich wurde das alles, weil die Kontrollmechanismen der drei wichtigsten darin involvierten Banken – die Credit Suisse, die UBS und Barclays – komplett versagten: Die Hunde bellten nicht.

Einmal um die ganze Welt

Vossen überwies hemmungslos gigantische Beträge einmal rund um den Globus, ohne sich um damit verbundene Bankgebühren und Währungsverluste zu kümmern. Ein klassischer Geldwäschevorgang, der schrille Alarmglocken hätte auslösen müssen. Harrison zeigt das exemplarisch an einem Beispiel, an dem Vossen an vier Tagen mehr als eine halbe Million Pfund, Euro, Dollar und Schweizer Franken über acht Konten durch zwei Länder wieder zurück aufs Ursprungskonto schleust. Zwischendurch zweigt er ab, was er für seinen privaten Lebensstil so braucht. Am Ende wird Vossen in zwölf Jahren 6,7 Millionen Euro für seinen privaten Lebensstil verbraucht haben.

Dank seiner finanzwirtschaftlichen Kenntnisse bettet Harrison die Transaktionen Vossens in international bekannte Betrugsfälle nach der Ponti-Methode (Schneeballsystem) ein und vergleicht deren Ausmaße. In dem Buch ist außerdem der auf einen Tag angesetzte Prozess vor dem Kantonsgericht in Zürich zu verfolgen und das einzige Interview zu lesen, das Vossen einem Journalisten in der Haft gegeben hat.

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