Sa., 14.09.2019

Anhörung zum Neubau der Bundesstraße 64 wird zur Stunde der Umgehungsgegner Der Finger auf dem wunden Punkt

Der Übergang von alter zu neuer B 64 südlich von Clarholz liegt nahe an Wohnsiedlungen und Axtbach. Er muss in 7,50 Metern Höhe gebaut werden.

Der Übergang von alter zu neuer B 64 südlich von Clarholz liegt nahe an Wohnsiedlungen und Axtbach. Er muss in 7,50 Metern Höhe gebaut werden. Foto: Stephan Rechlin

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Nach 30 Jahren Streit mag niemand mehr Parolen hören. Die neue Bundesstraße 64 zwischen Rheda-Wiedenbrück und Münster soll Nordrhein-Westfalen nach vorne bringen? Den ländlichen Raum stärken? Den Wohlstand in den betroffenen Kommunen fördern? »Fangen Sie endlich an, über Fakten zu reden«, ruft einer von 400 Bürgern in der Mensa der Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz.

Der Neubau ist Teil des 42,4 Millionen-Euro-Großprojektes »Vier zu eins«, das den Neubau der B 64 Ortsumgehung Herzebrock-Clarholz, Warendorf und Beelen sowie den Ausbau der B 51, Münster-Telgte umfasst. In der Mensa geht es um jene 9,5 Kilometer zwischen dem Kloster Clarholz und dem Hof Pavenstädt.

Enorme Ungeduld

Die Ungeduld ist hoch. Projektleiterin Manuela Rose von Straßen.NRW hat Mühe, den Streckenverlauf vorzustellen ohne ständig Detailfragen beantworten zu müssen. Die Ortsumgehung wird dreistreifig geplant. Die Straße samt seitlichen Banketten wird ihren Informationen zufolge 15,50 Meter breit. Zum Vergleich: Die jetzige B 64 ist 14 Meter breit. Neben den Zufahrten von der vorhandenen B 64 westlich von Clarholz und östlich von Herzebrock wird es zwei Anschluss-Stellen geben. Eine an der Samtholzstraße (Kreisstraße 13), die andere an der Möhlerstraße (Kreisstraße 52). Luftbilder liegen an Tischen aus und werden auf eine Leinwand projiziert.

Übergang in luftiger Höhe

Der Übergang von alter zu neuer B 64 in Clarholz raubt den Bürgern den Atem. Das Bauwerk wird ein Hochseilakt. Weil die Bahnstrecke zwischen Rheda-Wiedenbrück und Münster überbrückt werden muss und der darunter liegende Axtbach eine Überschwemmungszone braucht, wird der Anschluss in 7,50 Metern Höhe gebaut. Inklusive Sichtschutzwänden für 14 Fledermausarten erreicht das Bauwerk dort locker zwölf Meter Höhe. Darüber hinaus muss das Axtbach-Bett dort um 400 Meter verlegt werden.

Straßen.NRW-Niederlassungsleiter Andreas Meyer greift diesen Punkt schon in seiner Begrüßung auf: »Der Anschluss liegt auch sehr nah an den Wohnsiedlungen im Süden von Clarholz. Wir prüfen, ob es andere Varianten geben kann.« Elisabeth Meier, die seit 24 Jahren in der Bürgerinitiative Kulturlandschaft Sundern-Samtholz-Brock gegen den Neubau kämpft, stellt fest: »Die Planung atmet den Geist den siebziger Jahre. Sie ist überdimensioniert und nicht mehr zeitgemäß. Das Mobilitätsverhalten hat sich komplett verändert.«

Wo sind die Befürworter?

Die ganze Mensa applaudiert. Es gibt kaum jemanden, der dagegenhält. Zwei Herzebrocker erinnern an die heillos verstopften Straßen. Bürgermeister Marco Diethelm weist auf die Entlastungen in Herzebrock (43 Prozent weniger Verkehr) und Clarholz (63 Prozent weniger Verkehr) hin und auf die Chance, neue Wohngebiete zu entwickeln, wenn die neue Straße kommt. Behördenchef Andreas Meyer kündigt an, die Straße in jedem Fall zu bauen, weil sie mit höchster Priorität im Bundesverkehrswegeplan steht und deshalb Gesetz sei. Doch »vom großen Teil der Bevölkerung«, der den Neubau unbedingt wünscht, ist in der Mensa nichts zu hören.

Landwirte unter Druck

Statt dessen bekommt Andreas Meyer die dringend erwünschten »Anregungen« zur Präzisierung der Trassenplanung: In Möhler kappt die neue Straße sämtliche Fuß- und Radwege ins Naherholungsgebiet ab; die Deutsche Bahn plane angeblich den Ausbau und die Elektrifizierung der bislang eingleisigen Schienenstrecke; die alte B64 sei dringend zurückzubauen, damit sie keine Maut-Schleichstrecke werde; falls das Land keinen Lärmschutz bezahlt, müsse die Gemeinde eben einspringen. Marco Diethelm signalisiert Zustimmung.

Besonders heftig fällt der Widerstand der Landwirte aus. Gudrun Westhoff fragt, was ihre Kinder künftig noch bewirtschaften sollen, wenn sie dermaßen viel Fläche für die Auffahrt hergeben muss. Mit den Landwirten und ihrer Kammer möchte Straßen.NRW gesondert verhandeln; in der Mensa erfahren sie, dass auf dem Gütersloher Flugplatz Ausgleichsflächen für die Baumaßnahme zur Verfügung stehen, dafür also nicht erneut landwirtschaftliche Fläche herhalten müsse. Einem Landwirt aus Warendorf reicht das nicht. Er fordert alle Grundstücksinhaber auf, ihre Flächen für die neue Straße einfach nicht herzugeben: »Dann ist das ganze Projekt tot.«

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