Mo., 16.09.2019

Andreas Ksienzyk ist im Theater »Der Prediger« mit viel Lokalkolorit Vom Helden zum Würstchen

Soll er doch predigen: Tochter Elisabeth nimmt ihren Vater nicht so recht ernst – eine Szene aus dem Stück »Der Prediger«, das am Samstag Premiere hatte.

Soll er doch predigen: Tochter Elisabeth nimmt ihren Vater nicht so recht ernst – eine Szene aus dem Stück »Der Prediger«, das am Samstag Premiere hatte. Foto: Kai Uwe Oesterhelweg

Von Stefan Lind

Gütersloh (WB). Dieser Mann ist ein Extremist. In seinen Ansichten, in seinen Predigten, in der Erziehung. Er steigt auf zu umjubelten Erfolgen, er stürzt ab bis zu einem belächelnswerten Zerrbild seiner selbst. Andreas Ksienzyk spielt den Prediger Volker Heinrich, und er hat am Samstag auf atemberaubende Art und Weise auf der Hinterbühne im Gütersloher Theater getobt und gewütet.

Ja, Hinterbühne, denn der große Saal bleibt an diesem Abend leer. Christian Schäfer, künstlerischer Leiter des Hauses, hat das Stück »Der Prediger« von Joachim Zelter - eine Auftragsarbeit eigens für Gütersloh - auf dem großen Teil der Bühne inszeniert, den das Publikum sonst nicht zu sehen bekommt. Deshalb geht es auch durch eine Seitentür des Foyers hinein ins Unbekannte, vorbei an Räumen, die sonst den Künstlern und der Technik vorbehalten sind. Das Publikum sitzt mitten im Geschehen, es ist nur Platz für 80 Personen, daher gerät diese Premiere viel kleiner und familiärer als andere Anlässe.

»Gottesfürchtig und freudlos«

Autor Jochim Zelter hat sich den historischen Prediger Johann Heinrich Volkening zum Vorbild genommen. Er wirkte im 19. Jahrhundert in Gütersloh und schwang sich zu einem der Köpfe der Ravensberger Erweckungsbewegung auf. »Gottesfürchtig, freudlos und genussentsagend« seien die Gütersloher damals gewesen, schreibt Heimatforscher Matthias Borner in seinen Anmerkungen zu dem Stück; da kam ein überzeugender Prediger, der sie in ihrer Meinung bestärkte, gerade recht.

Zelter verlegt das Geschehen in die Neuzeit, nennt den Protagonisten Volker Heinrich, und siehe da, auch heutzutage kommen radikale Ansichten bei den Menschen an. »Man kann gar nichts anderes, als bis zum Äußersten zu predigen«, sagt dieser Mann an einer Stelle. Der Bischof umschmeichelt ihn, nennt ihn »anregend und authentisch«, die Besucherzahlen steigen, der Erfolg wächst ins Unermessliche, Heinrichs extreme Ansichten allerdings auch: Teure Uhren für die Kollekte einsammeln? Dicke Autos vom Kirchplatz abschleppen lassen? Irgendwann kommt es zum Knall.

Er brüllt und hadert

Während sich der erste Teil des Stücks mit dem rasanten Aufstieg des Predigers beschäftigt, geht es im zweiten Teil um seine andauernde Beschäftigungslosigkeit und sein unerklärliches Verschwinden. Da wird viel lamentiert, zwischendurch verliert die Aufführung ein wenig von der Fahrt, die sie in der ersten Stunde aufgenommen hatte. Aber ein Blick in die Gesichter der Schauspieler entschädigt für diese kleine Schwäche. Andreas Ksienzyk streift ruhelos kreuz und quer über die Bühne und ihre Seitenräume; er brüllt und hadert, er leidet und verzweifelt, er ist der große Held mit Pastorskragen und dann wieder das arme Würstchen in anbiedernden Jugendklamotten. Das ist große Kunst für ein kleines Publikum. Respekt! Christiane Hagedorn als Ehefrau Margot und Miriam Berger als Tochter Elisabeth bleibt aber genug Gelegenheit, ihr eigenes Können unter Beweis zu stellen, sie haben vor allem das letzte Drittel fast für sich alleine.

Christian Schäfers Inszenierung wirkt, als habe er mit kindlicher Freude das ganz große Besteck ausgepackt, was die Technik angeht. Videoeinspielungen zeigen unter anderem den Gütersloher Knabenchor, den Musikverein Avenwedde, das Junge Theater Gütersloh, die Tanzschule danceair, Christine Diensberg als Mutter des Predigers und einen durch die Fußgängerzone stromernden Volker Heinrich, dessen Mäandern auf dem Turm der Martin-Luther-Kirche endet, ganz offensichtlich von einer Drohne gefilmt. Aber auch innerhalb der Aufführung passiert ständig etwas. Zunächst muss das Publikum stehen, dann nimmt es Platz auf Holzbänken in der imaginären Garage des Predigers, nach einer guten halben Stunde erfolgt der Umzug auf einen anderen Bühnenteil, man befindet sich jetzt im Wohnzimmer. Telefone klingeln, ein Gewitter bricht los, der Prediger besteigt erst einen Hubwagen, später eine Leiter, Fenster öffnen sich zur Barkeystraße hin, gasgefüllte Ballons steigen zur Decke, ein Riesenventilator pustet Wind, schließlich schwebt die Hauptperson als Astronaut vorbei. Ein bisschen viel? Na ja, das ist Ansichtssache.

Fünf weitere Aufführungen

Lang anhaltender Beifall ist allen Akteuren gewiss, auch bei der Premierenfeier samt Kartoffelsuppe in der Skylobby, während der sich Christian Schäfer sichtlich glücklich und zufrieden zeigt. Es gibt einige weitere Aufführungen, für die auch noch Karten erhältlich sind: am 20. und 21. September sowie am 12., 13. und 19. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr.

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