Fr., 27.09.2019

Gütersloh: Massenvergewaltigungs-Prozess - in Whatsapps geht es bereits um Sex »Nur so ein Geschreibe«

Die angeklagten Jugendlichen werden minutiös nach dem Verlauf des Missbrauch-Tages befragt.

Die angeklagten Jugendlichen werden minutiös nach dem Verlauf des Missbrauch-Tages befragt. Foto: Carsten Borgmeier

Von Stephan Rechlin

Gütersloh (WB). Das Opfer der Massenvergewaltigung in Harsewinkel hat mit einem der mutmaßlichen Täter zuvor über gemeinsamen Sex kommuniziert. Das geht aus einem Chatverlauf hervor, aus dem Richterin Beate Schlingmann am zweiten Prozesstag vorliest.

Die Mitteilungen darüber wurden mit jeder Menge Herzchen und Smiley-Varianten über Whatsapp-ausgetauscht. Aus diesem Dialog war für das damals 14 Jahre alte Mädchen aber nicht erkennbar, was sie im Keller eines Wohnhauses in Harsewinkel tatsächlich erwartet. Gegenüber der Polizei bezeichnete der Inhaber des Handys diesen Wortwechsel als nur witzig, keinesfalls ernst gemeint: »Das war nur so ein Geschreibe.«

Der Film zeigt nicht alles

Die Vergewaltigung wurde gefilmt und versendet. Der Film liegt als Beweisstück vor. Das weiß die Richterin, das wissen die Täter. In der richterlichen Befragung – Anwälte dürfen keine Zwischenfragen stellen – geht es bis Mitte Dezember darum herauszufinden, was auf dem Film nicht zu sehen ist. Haben die neun jungen, in Syrien geborenen oder aus Syrien stammenden Männer den Missbrauch des Mädchens geplant? Haben sie das Mädchen absichtlich betrunken gemacht und in den Keller gelockt?

Richterin Schlingmann fragt zunächst einmal Stellungnahmen ab, die Beschuldigte mit Hilfe ihrer Anwälte formuliert haben. In ihren Fragen geht sie anschließend den 3. November 2017, den Tag des Missbrauchs, noch einmal in Zeitlupe mit dem jeweiligen Beschuldigten durch. Präzise fragt sie nach Details wie: »Worüber wurde auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Haus in Harsewinkel gesprochen?« »Wer stand schon alles vor der Tür, als das Mädchen eintraf, wer stieß erst später hinzu?« »Wer stand bereits mit heruntergelassener Hose im Keller, als der gastgebende Junge von seinem Toilettengang zurückkehrte?« »In welcher Reihenfolge fielen die Jungs über das Mädchen her?« »Welche Sexualpraktiken wurden dabei angewendet?«

Widersprüche zur Polizei-Aussage

In einem dritten Durchgang konfrontiert sie den jeweils Beschuldigten mit Widersprüchen, die sich aus dessen ersten Aussagen gegenüber der Polizei ergeben. Waren die anderen Jungs schon alle da oder wurden sie erst herantelefoniert als das Mädchen eingetroffen war? Wer hat alles vom Wodka getrunken, den das Mädchen mitgebracht hatte, weil ihr erzählt worden war, es handele sich um eine Geburtstagsfeier? Wie hat das Mädchen reagiert, als die Jungs anfingen, sie zu bedrängen? »Ganz normal. Es schien sie nicht zu stören«, antwortet einer der Beschuldigten. Die Richterin hakt nach: »Was heißt normal? Ich weiß nicht, wie man sich normal verhält, wenn man von neun Männern ausgezogen wird.«

Die Befragung zieht sich, weil Übersetzungen nicht immer ins Mikrofon gesprochen werden. Die Anwälte schreiten ein, wenn Aussagen zu ausschweifend und frei interpretierbar bleiben. Die Richterin weist die Anwälte daraufhin zurecht. Siebenmal wird sie diese Prozedur noch bis Mitte Dezember wiederholen. Das Video soll erst im Anschluss an die Befragungen gezeigt werden – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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