Sa., 28.09.2019

Massenvergewaltigung: Landrat Adenauer verteidigt Pressearbeit der Polizei »Opferschutz hat Vorrang«

Landrat Sven-Georg Adenauer: »Erst erst die Ermittlungsarbeit der Kreispolizei Gütersloh hat zur Anklage wegen des Verdachts auf Massenvergewaltigung geführt.«

Landrat Sven-Georg Adenauer: »Erst erst die Ermittlungsarbeit der Kreispolizei Gütersloh hat zur Anklage wegen des Verdachts auf Massenvergewaltigung geführt.« Foto: Wolfgang Wotke

Gütersloh (WB). Die Anklage lautet Massenvergewaltigung , nicht »sexuelle Handlung zum Nachteil einer 14-Jährigen«, wie es im Polizeibericht im Juni 2018 hieß. Mit einem Mal sind es neun Jugendliche, die im Landgericht Bielefeld auf der Anklagebank sitzen, nicht nur sechs, wie die Polizei damals mitteilte. Darüber hinaus wurde die in Harsewinkel verübte Tat erst ein halbes Jahr später von der Polizei veröffentlicht. WB-Redakteur Stephan Rechlin fragt bei Polizeichef und Landrat Sven-Georg Adenauer nach, wie es zu diesen Unterschieden kommen konnte.

Warum war in der ersten Mitteilung der Polizei zu dem Fall von sechs Tätern die Rede, von denen drei deutscher Herkunft sein sollen? Heute wissen wir: Es sind neun mutmaßliche Täter, die alle in Syrien geboren wurden oder von dort stammen.

 

Sven-Georg Adenauer: Die Ermittlungen der Polizei konzentrierten sich auf die sechs Haupttäter. Dabei handelt es sich um sechs junge Männer, von denen drei in Syrien geboren wurden und drei in Deutschland. Im Zuge der Ermittlungen und in der Vorbereitung des Strafverfahrens haben sich weitere Details und Täterhinweise ergeben, die zu der heute vorliegenden Anklageschrift geführt haben. Das ist in vielen Fällen so.

Mit der Information über diesen Fall hat die Polizei Gütersloh ein halbes Jahr gewartet. Die ersten Hinweise darauf tauchten auf einer rechtsradikalen Internetseite auf. Würden Sie diese Informationspraxis heute immer noch befürworten?

 

Adenauer: Eine Veröffentlichung dieser furchtbaren Tat wurde keinem Dritten überlassen. Von der Darstellung des Sachverhalts auf dieser Internetseite distanziere ich mich deutlich. Die rechte Meinungsmache des Verfassers unterstütze ich in keiner Weise. Die Öffentlichkeit zunächst nicht zu informieren, gerade weil der Umfang der Tat nicht von Anfang an feststand, wurde von uns in diesem Moment bewusst so entschieden. Zudem bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Öffentlichkeit.

Statt von einer sexuellen Handlung zum Nachteil einer 14-Jährigen ist in der Anklageschrift von einer Massenvergewaltigung die Rede. Ändert sich dadurch etwas an Ihrer Einschätzung?

 

Adenauer: Nein. Das Geschehen im November 2017 in Harsewinkel ist kaum fassbar. Wir können uns sicher nur ansatzweise vorstellen, was diese Tat mit dem Opfer und der Familie gemacht hat. Wir sprechen von einem 14-jährigen Mädchen. Opferschutz hatte in diesem Fall eine hohe Priorität. Ich bin nach wie vor sicher, dass wir den richtigen Weg gegangen sind. Ich möchte an dieser Stelle noch mal klarstellen, dass erst die Ermittlungsarbeit der Kreispolizei Gütersloh zu der Anklage geführt hat. Nur deswegen müssen sich die Jugendlichen für diese schreckliche Tat jetzt vor Gericht verantworten. Die Ermittlungen haben sich über einen längeren Zeitraum gezogen, weil meine Mitarbeiter Beweise sammeln und akribisch zusammenfügen mussten. Was genau geschehen ist, konnte erst dadurch ermittelt werden.

NRW-Innenminister Herbert Reul fordert Polizeibehörden auf, auch die Nationalitäten von Tätern in Pressemitteilungen zu nennen. Befürworten Sie diesen Schritt oder lehnen Sie ihn ab?

 

Adenauer: Ich begrüße den aktuellen Vorstoß von Minister Reul ausdrücklich. Und zwar unter den von ihm genannten Bedingungen. Nach den aktuellen Richtlinien wird die Herkunft der Tatverdächtigen genannt, wenn dies im Sachzusammenhang erforderlich ist. Ich möchte ein größtmögliches Maß an Transparenz bei der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit. Diese wird immer an Grenzen stoßen, wenn Opferinteressen zu schützen sind oder um Ermittlungserfolge nicht zu gefährden.

Spielt die Herkunft im vorliegenden Fall eine Rolle?

 

Adenauer: Die nationale Herkunft allein ist kein Grund dafür, dass Menschen zu Tätern werden. Täterverhalten kann auch durch soziale und wirtschaftliche Bedingungen, traumatische Erfahrungen durch Krieg und Flucht oder die Erziehungsprinzipien in einer Familie beeinflusst werden. Welche Faktoren im Falle der neun Tatverdächtigen eine stärkere oder schwächere Rolle spielen, müsste jeweils individuell geprüft werden.

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