Gütersloh
Plattensammler pilgern zum Vinyl-Bus

Gütersloh (din) - Der Wind bläst kräftig. Fröstelnd warten die Platten-Fans vor dem gelben Vinyl-Bus. Auch Jörg Papstein (53) hat sich an diesem Freitag an der Dammstraße in die Schlange eingereiht und die Hände in seiner Motörhead-Jacke vergraben. Erst wenn die ersten Kunden wieder herauskommen, darf er hinein.

Freitag, 21.02.2020, 19:04 Uhr
Gütersloh: Plattensammler pilgern zum Vinyl-Bus

 „Ich bin mit Vinyl groß geworden“, sagte der Gütersloher, während er wartet. Die Liebe zu den meist schwarzen Scheiben hat er sich bis heute bewahrt. Seine Sammlung beziffert er auf rund 20 000 Platten. Von vielen Alben hat er verschiedene Pressungen.

„Die großen Cover, der Klang ist anders, die Beilagen“: Der 53-Jährige, der als Maschinenführer arbeitet, nennt viele Gründe, die für ihn den Reiz an Schallplatten ausmachen. Und präzisiert auf Nachfrage: „Der Klang ist besser.“ Daran gibt es für ihn keinen Zweifel. „Die CD ist tot, leblos.“ Und Streamen im Internet kommt für ihn schon gar nicht in Frage. „Ich gehöre zu der Generation, in der Musik noch etwas wert ist“, sagt der Gütersloher. Er höre gezielt und nicht nur nebenbei. Und das „querbeet“.

Wenn nicht gerade der Vinyl-Bus des Fachmagazins Mint vor der Tür hält, dann deckt sich der Gütersloher auf Plattenbörsen ein, etwa in Dortmund. Papstein steht zum Beispiel auf Kiss, die Bay City Rollers, Sweet, die Musik seiner Jugend. Danach will er an diesem Tag auch an der Dammstraße Ausschau halten.

Als wieder ein Schwung Kunden gezahlt und den Bus verlassen hat, lässt Michael Lohrmann (49), der 2015 das Fach-Magazin begründet hat und jetzt mit einem Bus voller Platten durch die Lande fährt, Papstein und weitere Wartende hinein. Zwischen den umlaufenden Plattenkisten ist es eng in dem Gefährt.

Auf dem Plattenspieler läuft „Rubber Soul“ von den Beatles. Ein Wunder, dass bei dem Gedränge die Nadel nicht springt. „Technics“, sagt Lohrmann und meint den Plattenspieler. „Hier sind schon Leute reingekommen wie Bud Spencer und es ist nichts passiert.“ Tatsächlich sei das eine seiner Sorgen beim Umbau des alten Schulbusses gewesen.

95 Prozent seiner Kunden seien männlich, sagt Lohrmann, und davon wiederum 95 Prozent über 50. Papstein passt also genau in die Zielgruppe.  Das Publikum an diesem Tag ist gemischter.

Rund 3500 Scheiben hat Lohrmann ständig an Bord. Sie stammen aus Plattensammlungen, die er im Laufe von Jahren aufgekauft hat. „80 Prozent Rock, 20 Prozent Soul, Funk, Blues und Rap“ beschreibt er das Sortiment. „Kein Schlager, keine Klassik.“ Sonst findet man fast alles unter den zumeist gebrauchten Scheiben. Auch die eine oder andere Rarität habe er dabei, sagte der 49-Jährige, der sich aus der Magazin-Arbeit verabschiedet hat.

 „Ich wollte raus und etwas mit Menschen machen.“ Die Bücher-Busse aus seiner Kindheit haben ihn dann auf die Idee mit dem Platten-Bus gebracht. Damit steuert er Städte und Orte an, in denen es keine oder kaum noch Plattenläden gibt. Und dankbare Kunden kommen in Scharen.

Viny wieder gefragt

Nicht nur Sammler kommen am Freitag zur Lohrmann an die Dammstraße. Eine Frau bringt ein halbes Dutzend Platten mit. Sie hat wohl die Hoffnung, sie verkaufen zu können oder zumindest etwas über deren Wert zu erfahren. Aber Lohrmann kauft nicht, wenn er mit seinem Vinyl-Bus unterwegs ist, wie er der „Glocke“ sagt. Also nimmt die Gütersloherin ihre Platten wieder mit.

Ein anderer Kunde wundert sich über den starken Andrang, hatte er doch die Hoffnung, sich mehr oder weniger allein in Ruhe umschauen zu können. Wer kauft schließlich heutzutage noch Schall- oder Langspielplatten (LPs), zumal gebraucht?

Immer mehr Menschen. 2018 wurden in Deutschland nach Branchenangaben wieder rund 3,1 Millionen LPs verkauft, nachdem sie mit dem Aufkommen der CD fast vom Markt verschwunden waren. Tendenz steigend. 2019 wurde erwartet, dass mit Vinyl erstmals wieder mehr Geld umgesetzt wird als mit der stark rückläufigen CD.

Auch Jörg Papstein ist fündig geworden. Er zieht eine Picture Disc (Bildscheibe) von Kiss und eine Originalpressung aus den Niederlanden eines Live-Albums von Kiss aus dem Jahr 1977 aus einer der Kisten. Vermutlich befindet sich darin auch die eine oder andere Scheibe, die dereinst bei Sonopress in Gütersloh produziert worden ist.

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