Gütersloh
Wo in Gütersloh gedutzt und gesiezt wird

Gütersloh (rebo) - Du und Sie. Wer in Deutschland zur falschen Zeit die falsche Anrede wählt, kann böse ins Fettnäpfchen treten. Wie Berkhan Engin, Betriebsleiter der Bar Celona. „Ich habe eine ältere Frau gefragt, was darf ich dir bringen?“ Deren Tochter reagierte ungehalten.

Dienstag, 18.02.2020, 21:00 Uhr
Gütersloh: Wo in Gütersloh gedutzt und gesiezt wird

 „Finden Sie es nicht ein bisschen frech, eine 90-Jährige mit du anzusprechen?“

Frech war das von Engin sicher nicht gemeint. In der Bar Celona gilt: In der Regel werden die Gäste geduzt. „Dabei weisen wir unsere Mitarbeiter natürlich schon darauf hin, dass Fingerspitzengefühl gefragt ist“, sagt Isa Yadel, Geschäftsführer der Bar Celona.

Bei der Begegnung mit der 90-Jährigen spielte ein kleiner Würfel eine Rolle. „Wollen Sie geduzt oder willst du gesiezt werden?“, steht auf einer Seite. Wer mag, darf einen eingearbeiteten Quader aus dem Würfel schieben. Auf der einen Seite steht du, auf der anderen Sie. „So weiß unser Personal, wie die Gäste angesprochen werden wollen“, erklärt Yadel. „Und wir kommen mit unseren Besuchern ins Gespräch.“

Das ist nämlich der Grund, warum in der Bar Celona überhaupt die Du-Sie-Würfel auf den Tischen liegen. „In ruhigeren Monaten, wie jetzt im Februar, versuchen wir, in einen Dialog mit unseren Gästen zu treten“, erklärt Yadel. Dazu gibt es außer dem Würfel noch eine Telefonzelle – in die die Smartphones gesperrt werden sollen.

„Gerade bei den unter 20-Jährigen beobachten wir, dass sie zwar miteinander an einem Tisch sitzen, aber jeder nur auf den Bildschirm seines Smartphones starrt.“ Yadel erklärt, die Zelle sei dazu da, das Telefon für die Zeit des Besuchs in der Gaststätte dort unterzubringen. „Und dann kann man zum Beispiel vereinbaren, dass derjenige, der es zuerst dort wieder herauszieht, die Rechnung bezahlen muss.“

Fingerspitzengefühl ist gefragt, damit Kommunikation gelingt, sagt Parkhotel-Chef Sönke Tuchel. Im Hotel werden die Gäste gesiezt. An der Bar geht es bisweilen etwas lockerer zu.

Im Parkhotel Gütersloh gilt eine andere Regel: Gäste werden mit Sie angesprochen – immer. Oder besser: fast immer. Die grundsätzliche Regel gilt nämlich nicht für die Bar. „Unser Barkeeper André Deggau ist für viele Gäste am Abend einfach André“, sagt Hoteldirektor Sönke Hendrik Tuchel. Aber in der Bar herrsche auch eine andere Atmosphäre als etwa im Restaurant, weil sich dort zum Beispiel Geschäftspartner zum Essen träfen.

„In unserer Branche besteht für uns als Dienstleister eine besondere Nähe zu unseren Gästen“, sagt Tuchel. Da sei es sinnvoll, wenn durch das förmliche Sie, eine gewisse Distanz gewahrt werde. Die Gäste im Parkhotel erwarteten in der Regel bestimmte Umgangsformen. „Wenn ich mein Gegenüber mit seinem Nachnamen anspreche, drücke ich damit auch einen gewissen Respekt aus“, ergänzt Tuchel.

Auf den Ort kommt es an

Die Mitarbeiter des Parkhotels untereinander sprechen sich meistens mit dem Vornamen an. „Diese Entwicklung lässt sich insgesamt in unserer Gesellschaft erkennen“, sagt Tuchel. Er selbst empfinde es als angenehm, dass sich in Teams das Du immer mehr durchsetze. „Wir verbringen so viel Zeit miteinander. Oft mehr als mit der Familie. Und wie in Amerika, wo es nur das you gibt, bedeutet die etwas lockerere Anrede nicht, dass deshalb Respekt und kritische Distanz fehlen.“

Seine Mitarbeiter spricht der 58-Jährige ausnahmslos mit Sie an. „Das trägt dazu bei, dass sich alle gleich behandelt fühlen.“ In vielen Bereichen sei es längst selbstverständlich, sich mit du und dem Vornamen anzusprechen. „In meinem Sportverein kennen viele meinen Nachnamen gar nicht“, nennt der Hoteldirektor ein Beispiel. Und es käme ihm auch seltsam vor, dort mit Sie angesprochen zu werden.

Wie Bar-Celona-Geschäftsführer Isa Yadel ist auch der Parkhotel-Direktor davon überzeugt, dass eine Grundvoraussetzung wichtig ist, um die Kommunikation von Menschen gelingen zu lassen: Fingerspitzengefühl. Das fehlte Berkhan Engin übrigens keineswegs, als er die alte Dame mit dem lockeren du nach ihren Wünschen fragte. Auf dem Würfel auf dem Tisch war das du als Anrede ausgewählt – offenbar noch von vorherigen Gästen. Mutter und Tochter hatten nur einfach nicht auf die kleine Spielerei geachtet.

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