Rekordbetriebsergebnis 2019 – Kurzarbeit punktuell und schon bei Arvato
Bertelsmann für die Coronakrise gerüstet

Gütersloh (WB). Zuwächse bei Umsatz und vor allem beim Betriebsgewinn in 2019, ein höheres Eigenkapital und niedrigere Schulden, ein Anteil der Digitalgeschäfte von erstmals mehr als 50 Prozent und die Rolle als Medienunternehmen, das von großer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur ist: Bertelsmann ist nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden Thomas Rabe gut für die Coronakrise gerüstet. Dennoch mussten auch die Gütersloher bereits reagieren: Einige hundert Beschäftigte seien in Kurzarbeit. Betroffen seien „punktuell“ bislang vor allem einige Bereiche von Arvato.

Dienstag, 24.03.2020, 09:08 Uhr aktualisiert: 24.03.2020, 16:42 Uhr
Die vollständige Übernahme der Buchverlagsgruppe Penguin Random House gehörte zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen des Bertelsmann-Konzerns 2019. Foto: dpa
Die vollständige Übernahme der Buchverlagsgruppe Penguin Random House gehörte zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen des Bertelsmann-Konzerns 2019. Foto: dpa

Nach der am Dienstag vorgelegten Bilanz hat der der Gütersloher Medien- und Dienstleistungskonzern den Umsatz um 300 Millionen auf 18 Milliarden Euro gesteigert – ein Zuwachs um zwei Prozent. Das operative Ergebnis erreichte mit 2,9 (Vorjahr: 2,6) Milliarden Euro Rekordwert. Zugleich übertraf der Konzerngewinn mit 1,1 Milliarden Euro zum fünften Mal in Folge die Milliardengrenze.

Thomas Rabe Foto: dpa

Nach Angaben von Finanzvorstand Bernd Hirsch überschritt das Eigenkapital mit 10,4 (9,8) Milliarden Euro die Schwelle von zehn Milliarden. Die Nettofinanzschulden wurden deutlich um 570 Millionen auf 3,4 Milliarden Euro verringert. Die Beschäftigten des Konzerns erhalten Hirsch zufolge für das abgelaufene Geschäftsjahr Gewinn- und Rekordbeteiligungen in Höhe von 96 Millionen Euro.

„Medien sind systemrelevant“

Zur aktuellen Situation erklärt Rabe: „Allen Medien kommt in dieser außergewöhnlichen Situation gesellschaftliche und systemrelevante Bedeutung zu. Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur in Deutschland, die es gerade jetzt aufrechtzuerhalten gilt. Wir informieren seriös und unterhalten Millionen von Menschen, die sich zur Eindämmung der Coronavirus-Ausbreitung nie dagewesenen Einschnitten in ihr Privat- und Berufsleben ausgesetzt sehen.“ Angesichts hoher Liquidität, komfortabler Eigenkapitalquote und unveränderter Ratings sei der Konzern sogar in der Lage, weiter zu investieren, ohne an die Substanz zu gehen.

Die Werbeeinnahmen seien im ersten Quartal im Plan und nur im März leicht zurückgegangen. Grundsätzlich gebe es gerade im Fernsehbereich viele Jahresverträge. Rabe geht aber davon aus, dass einige Kampagnen jetzt verschoben werden und die Werbeerlöse auch zurückgehen.

Auch in bei Arvato und im Druckbereich erwartet Bertelsmann Umsatzrückgänge. Als Beispiel nannte der Vorstandschef bei der Telefonkonferenz die Buchauslieferungen: „Wenn die Buchhandlungen geschlossen sind, fällt natürlich ein Teil der Kundschaft weg.“

Kurzarbeit angesagt

Rabe kündigte an, dass Bertelsmann in Absprache mit den Betriebsräten in einigen Bereichen auch Kurzarbeit beantragen werde. „Für uns ist es wichtig, dass wir die Arbeitsplätze erhalten, und dafür ist Kurzarbeit ein gutes Mittel.“ Davon werde auch der Standort Gütersloh mit seinen mehr als 11.000 Beschäftigten betroffen sein. In welchem Ausmaß, konnte Rabe noch nicht sagen. Es gebe auch im Dienstleistungssektor Bereiche wie das E-Commerce, die derzeit zulegten.

Insgesamt stieg die Mitarbeiterzahl bei Bertelsmann 2019 von 117.220 auf 126.447. Viele seien durch das Joint venture Majorel hingekommen. Aber auch in anderen Dienstleistungsbereichen sei die Zahl gestiegen.

Trotz des stabilen Konzerngewinns sind die Gewinn- und Erfolgsbeteiligungen im Konzern im Vergleich zum Vorjahr unterm Strich von 116 auf 96 Millionen Euro zurückgegangen. Auch hier sei Majorel ein Grund: Erfolgsbeteiligungen würden nur gezahlt, wenn das Unternehmen zu mehr als 50 Prozent zu Bertelsmann gehöre. Ein weiterer Grund seien niedrigere Ergebnisse in Tochterfirmen sowie nationale Gesetzgebungen etwa in Frankreich.

Gefragt nach einem möglichen Zusammengehen von RTL mit Pro SiebenSat.1 erklärte Rabe, dies sei im Augenblick kein Thema. Grundsätzlich seien die Kartellvorgaben in diesem Punkt aber nicht mehr zeitgemäß. Angesichts des stark wachsenden Einflusses von US-Konzernen wie Netflix müsse es möglich werden, „nationale Champions“ aufzubauen.

Meilensteine des vergangenen Jahres

Als wichtigste unternehmerische Weichenstellungen des vergangenen Jahres bezeichnet Rabe den vollständigen Erwerb der weltweit größten Buchverlagsgruppe Penguin Random House, den Start des Joint ventures mit Majorel im CRM-Bereich, das das Kundenmanagement für große Unternehmen übernimmt, und den Start der Bertelsmann Content Alliance, die Medieninhalte konzernweit zur Verfügung stellt. Der Anteil der digitalen Geschäfte stieg erstmals auf 51 Prozent; acht Jahre vorher waren es 30 Prozent.

Kommentare

Fritz W.  schrieb: 24.03.2020 21:48
Geht das nur mir so?
Geht das nur mir so? Ich empfinde diese Aussagen zur Gewinnsteigerung gerade als extrem unanständig.

Bertelsmann für die Corona-Krise gut gerüstet? Schöner wäre in dieser Zeit der Satz:
Alle, wirklich alle, Mitarbeiter Innenbei Bertelsmann für die Corona-Krise gut gerüstet. Denn ohne diese
wäre die Erwirtschaftung dieser Zahlen nicht möglich. Trotzdem finden sich sicher viele MitarbeiterInnen
durch die Corona-Krise in prekären Verhältnissen wieder. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe
erklärt außerdem, dass einige hundert Beschäftigte in Kurzarbeit seien. Leider findet sich, wahrscheinlich aus gutem Grund, keine Aussage zu den zahlreichen Minijobbern, die derzeit gar keinen Anspruch auf Kurzarbeit haben, von Bertelsmann aber ebenso wie von vielen anderen Unternehmen zur Gewinnsteigerung eingesetzt werden.
Die Aussage, „Die Beschäftigten des Konzerns erhalten Hirsch zufolge für das abgelaufene Geschäftsjahr Gewinn- und Rekordbeteiligungen in Höhe von 96 Millionen Euro.“, lässt leider offen, in welchen Gehaltsgruppen die Auszahlung Anwendung findet.
Denn leider hat auch Bertelsmann trotz umfangreicher Studien der angegliederten Bertelsmann Stiftung den Widerspruch zwischen steigender globaler Produktivität auf der einen Seite und steigender Verelendung ganzer Gesellschaften, Kinderarmut, Umweltzerstörung etc. auf der anderen Seite, auch für das eigene Unternehmen noch nicht gelöst. Warum auch? Noch immer gilt, dass Unternehmen ihre Gewinne zu einem guten Teil über die Entlohnung und den daraus zu erzielenden Mehrwert regulieren und steuern.

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise und den Auswirkungen auf die meisten Arbeitnehmer,Innen insbesondere der unteren Gehaltsklassen, hinterlässt dieser Bericht wirklich einen schalen Nachgeschmack.
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