Offener Brief an Clemens Tönnies – mehrere nicht angemeldete Protest-Versammlungen
Eltern fordern Unterstützung von Tönnies

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück (WB/dpa). Die Kitas und Schulen im Kreis Gütersloh sind aufgrund des Corona-Ausbruchs beim Fleischkonzern Tönnies wieder geschlossen. Einige Eltern und Kinder brachten ihren Unmut darüber bei Protesten zum Ausdruck. Die Jugendamtselternbeiräte wenden sich zudem mit einem offenen Brief an Konzernchef Clemens Tönnies – sie fordern Unterstützung.

Donnerstag, 18.06.2020, 15:31 Uhr aktualisiert: 18.06.2020, 17:06 Uhr
Kunterbunte Protestaktion von Eltern und Kindern auf dem Weg zum Privatanwesen von Konzernchef Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Foto: Christian Müller
Kunterbunte Protestaktion von Eltern und Kindern auf dem Weg zum Privatanwesen von Konzernchef Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Foto: Christian Müller

Mehr als 650 Mitarbeiter des Schlachtbetriebs wurden bis Mittwochabend positiv auf das Coronavirus getestet. Der Kreis reagierte prompt und verordnete die Schließung aller Schulen und Kindertagesstätten bis zu den Sommerferien. Viele Eltern stehen deshalb erneut vor einem Betreuungsproblem.

Am Donnerstag kam es daraufhin zu verschiedenen Versammlungen in Rheda-Wiedenbrück. Rund 50 Eltern, Lehrer und Kinder trafen sich an verschiedenen Plätzen in Rheda-Wiedenbrück wie dem privaten Tönnies-Anwesen, einem Werk des Schlachtbetriebs sowie einer Kirche, um ihrem Unmut Luft zu machen. Am Tönnies-Anwesen ging es kreativ und kunterbunt zu mit aufgemalten Regenbögen.

Einige Teilnehmer der Protest-Aktionen hatten Schilder mit Aufdrucken wie „Stoppt die Ausbeute bei Tönnies“ bei sich. Protest-Teilnehmerin Melanie Beforth sagte: „Bildung ist offenbar nicht so wichtig wie ein Stück Fleisch zu essen.“ Es gehe ihr aber nicht darum, auf die Arbeiter bei Tönnies zu zeigen, die nicht die Schuld trügen. Sie wolle zeigen, dass die Familien an der Grenze ihrer Leistungskapazität seien.

Auch Volker Brüggenjürgen von der Caritas Gütersloh war unter den Demonstrierenden. „Wir kritisieren seit Jahren die Arbeits- und Wohnbedingungen bei Tönnies“, so der Vorstandsvorsitzende. „Das System Tönnies gefährdet den sozialen Zusammenhalt.“

Von Tönnies heißt es, man habe Verständnis für den Unmut. „Ich habe mit den Leuten vor dem Werk gesprochen und mich entschuldigt“, sagte ein Pressesprecher von Tönnies. „Wir tun alles, um das Virus wieder loszuwerden, so dass die Schulen und Kitas nach den Sommerferien wieder regulär starten können.“

Eltern schreiben Brief an Tönnies

Elternvertreter der Kommunen haben sich derweil mit einem Brief an Clemens Tönnies persönlich gewandt, in dem sie ihn um ein Gespräch bitten. „Der Verbund der Jugendamtselternbeiräte OWL möchte mit Ihnen über die Auswirkungen, welche die Covid-19-Infektionen in Ihrem Unternehmen, für Kinder und Familien in Ostwestfalen haben, sprechen“, heißt es in dem Schreiben. „Es kann nicht sein, dass Kindertagesstätten aufgrund der Infektionen in ihrem Unternehmen unter Generalverdacht gestellt werden.“

Die Eltern fragen auch nach konkreten Plänen des Konzerns, um sich nach der Corona-Welle in den umliegenden Kitas und Schulen zu revanchieren. Der Brief wurde auch in den sozialen Netzwerken verbreitet.

Polizei gibt Hinweise zu Versammlungen

Auch umliegende Städte haben bereits mit Maßnahmen auf den Massenausbruch in Gütersloh reagiert: In Bielefeld wurden Kitas und Schulen angewiesen, Kinder von Tönnies-Beschäftigen nach Hause zu schicken. Das Klinikum Bielefeld weist zudem darauf hin, dass Patientenbesuche in den Standorten Klinikum Bielefeld Mitte, Klinikum Bielefeld Rosenhöhe und Klinikum Halle/Westfalen nicht mehr möglich sind.

7000 Tönnies-Mitarbeiter sind als Reaktion auf den Ausbruch in Quarantäne geschickt worden. Clemens Tönnies gehört nicht dazu, wie am Donnerstag bekannt wurde. „Clemens Tönnies ist auch nicht infiziert oder durch Corona krank geworden“, sagte Konzernsprecher André Vielstädte der Deutschen Presse-Agentur. Der 64-Jährige, beim Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 Vorsitzender des Aufsichtsrates, sei nach einem Krankenhausaufenthalt zwar wieder bei der Arbeit, aber noch nicht mit dem sonst üblichen Arbeitspensum, sagte der Sprecher. Mit Verweis auf die Privatsphäre wollte sich Vielstädte nicht zum Grund für den Krankenhausaufenthalt äußern. Clemens Tönnies war am Mittwochnachmittag auch nicht vor die Presse getreten.

Die Polizei Gütersloh weist unterdessen darauf hin, dass Versammlungen, Kundgebungen und Aufzüge grundsätzlich mit einem Vorlauf von 48 Stunden bei der Polizei anzumelden sind. Die Versammlungen in Rheda-Wiedenbrück sein nicht ordnungsgemäß angemeldet gewesen.

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