Ministerpräsident Laschet informiert sich vor Ort über den Corona-Ausbruch bei Tönnies - mit Video
Es soll sich etwas ändern – jetzt wirklich

Gütersloh (WB). Die für die Menschen im Kreis Gütersloh wichtigste Information stellt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) an den Anfang der Pressekonferenz im Gütersloher Kreishaus: So heftig die Corona-Pandemie auch die Region erschüttere – ein vollständiger Lockdown könne nach jetzigem Stand vermieden werden. Die Begründung dafür liefert Landrat Sven-Georg Adenauer: Von den 878 Personen, die sich aktuell im Kreisgebiet mit dem Virus angesteckt haben, hatten nur 16 keinen Bezug zur Großschlachterei Tönnies oder deren Mitarbeitern.

Montag, 22.06.2020, 04:30 Uhr aktualisiert: 22.06.2020, 16:22 Uhr
Armin Laschet im Gespräch mit Demonstranten vor dem Gütersloher Kreishaus. Foto: Bernhard Hertlein
Armin Laschet im Gespräch mit Demonstranten vor dem Gütersloher Kreishaus. Foto: Bernhard Hertlein

Damit, so Laschet, lasse sich die Ursache genau benennen und die Ausbreitung von Corona „hoffentlich verhindern“. Der Regierungschef ist am Sonntagmorgen nach Gütersloh gekommen, um sich gemeinsam mit dem NRW-Arbeits- und Gesundheitsminister Karl Laumann (CDU) vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Dazu gehören auch Gespräche mit dem Deutschen Roten Kreuz, dem Malteser Hilfsdienst und der Ordnungspolizei, die derzeit durch zusätzliche Kräfte aus anderen Landteilen sowie Soldaten der Bundeswehr verstärkt werden.

„Das System Tönnies stoppen.“ „Fleisch entsteht aus Gewalt.“ „Tönnies’ Schlachterei ist moderne Sklaverei“: So lauten die Sprechchöre der knapp 40 Demonstranten, die Laschet, Laumann und die anderen vor dem Kreishaus empfangen. Laschet stellt sich kurz vor, verspricht, dass er in Sachen Werkarbeiterschutz „jetzt wirklich“ etwas verändern will. Das Thema Tierschutz bleibt ausgeklammert. Laumann wird wenig später auf der Pressekonferenz sagen: „Fleisch ist ein wichtiges Lebensmittel.“ Daher brauche es weiter auch in Deutschland Schlachthöfe – aber unter anderen, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen.

6139 Tests durchgeführt, 5899 ausgewertet

Im Kreishaus wirbt Laschet um Verständnis dafür, dass ausgerechnet Kitas und Schulen im Kreis Gütersloh wieder geschlossen werden mussten. Die von Tönnies in Polen, Bulgarien und Rumänien rekrutierten Arbeiter hätten so gut wie keinen Kontakt zur übrigen Bevölkerung; Ausnahme: die Kinder der Familien. Die Schließung sei notwendig, um ein Übergreifen des Virus auf diejenigen, die nicht bei Tönnies beschäftigt sind, zu verhindern.

Nach Angaben von Landrat Adenauer wurden bislang 6139 Tests durchgeführt. Davon seien 5899 ausgewertet. In 1331 Fällen habe sich das Virus nachweisen lassen, und zwar weit überwiegend bei Personal, das bei Tönnies in der Zerlegerei gearbeitet habe. Alle knapp 7000 Beschäftigten des Fleischkonzerns in Rheda-Wiedenbrück, auch jene, bei denen das Virus nicht nachgewiesen wurde, wurden zu häuslicher Quarantäne verpflichtet.

Im Unterschied zu Coesfeld, wo sich zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal ein Corona-Hotspot entwickelte und die Betroffenen überwiegend in Sammelunterkünften wohnten, sei die Aufgabe diesmal schwerer, erläuterte Laumann. Insgesamt wohnten die Beschäftigten von Tönnies in 1300 Häusern. Sie befänden sich nicht nur im Kreis Gütersloh, sondern darüber hinaus, soweit bisher bekannt, auch in Bielefeld sowie in den Städten und Landkreisen Osnabrück, Paderborn, Warendorf, Soest und Hamm.

Rotes Kreuz und Malteser unterstützen

Teams vom Roten Kreuz und den Maltesern werden, unterstützt von Dolmetschern, die Werkarbeiter in ihren Unterkünften aufsuchen. Dabei werden sie nicht nur über Quarantäneregeln informiert; ihnen wird auch Hilfe angeboten. Dazu gehört die Versorgung mit Nahrungs- und Hygieneartikeln. Die Ausgaben soll der Tönnies-Konzern übernehmen ebenso wie die Kosten für die freiwilligen Tests auf Corona-Virus, die der Kreis Gütersloh allen Einwohnern anbietet. Beides hat Tönnies noch am Sonntag zugesagt. Außerdem sollen die Werkvertragsbeschäftigten davon abgehalten werden, zu versuchen, in ihre Heimatländer zurückzureisen. Nur wenn sie bleiben, werde weiteres Ausbreiten der Pandemie verhindert, erklärt Laschet. Laumann verspricht, alle Beschäftigte erhielten unabhängig von ihrem Versichertenstatus hier vor Ort die beste medizinische Versorgung. Gleichzeitig wirbt Laumann darum, die Betroffenen nicht an den Pranger zu stellen. Sie seien hierher gekommen, um mit dem verdienten Geld ihren Familien in der Heimat zu helfen. Nun dürften sie plötzlich nicht mehr arbeiten und seien zusätzlich unter Quarantäne gestellt.

„Volle Unterstützung“ versprechen Laschet und Laumann Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) für den Plan, das Werkvertragssystem in den Schlachthöfen zu verbieten. Laumann lässt keinen Zweifel an seiner Verärgerung, dass Tönnies in der Vergangenheit manches versprochen, aber dann nicht oder nur sehr zögerlich umgesetzt habe. „Auf freiwillige Vereinbarungen mit dem Unternehmen lasse ich mich nicht mehr ein“, sagte Laumann. Dass es auch anders gehe, zeige die Bauwirtschaft. Auch dort gebe es Werkverträge; aber die Beschäftigten erhielten den gleichen Lohn wie einheimische Mitarbeiter.

Laschet appelliert an die Bevölkerung der Region, sich jetzt strikt an die Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie zu halten und sich zum Beispiel nicht in Gruppen mit mehr als 50 Teilnehmern zu treffen. Auch darauf, so versichert die Polizei, werde sie in den kommenden Wochen besonders achten.

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