Reiseveranstalter, Hotels und Gaststätten befürchten viele Insolvenzen
Tourismus liegt am Boden

Bielefeld (WB). Traditionell wäre jetzt nach Beginn der Sommerferien in NRW eigentlich die Zeit, das alle, die in Reisebranche beschäftigt sind, mit der Sonne um die Wette strahlen. Die Kunden haben normalerweise gebucht, vielfach auch schon bezahlt. In diesem Jahr aber herrscht Katastrophenstimmung. „Tourismus ist die Branche, die am härtesten von der Pandemie getroffen ist“, sagt Burkhard Schmidt-Schönefeldt, stellvertretender Vorsitzender des gemeinsamen Tourismusausschusses der beiden Industrie- und Handelskammern in Bielefeld und Detmold.

Mittwoch, 01.07.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 05:01 Uhr
Die Lage in Gastronomie und Tourismus ist mehr als kritisch. Fotos: dpa

Dass die Katastrophe nicht nur „gefühlt“ ist, zeigt eine Sonderumfrage der OWL-Kammern bei den Reiseveranstaltern und Reisebüros sowie Camping, Gastronomie und Hotellerie – insgesamt 124 Unternehmen. Dabei bezeichneten alle Reiseveranstalter die Lage als schlecht. Schlimmer noch: Ebenfalls 100 Prozent befürchten sogar, dass sich ihre Lage im Herbst noch einmal verschlechtern wird.

IHK-Index stürzt von 124,5 auf 14,5 Punkte ab

Entsprechend sprach Sönke Tuchel, der Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses, am Dienstag von einem „dramatischen Einbruch“, einem „Erdrutsch“, ja sogar von einem „Fall ins Bodenlose“. Denn auch im Gastgewerbe rutschte der von der IHK ermittelte Klimaindex von zuletzt 124,5 auf 14,5 Punkte ab. „Das gab es vorher noch nie“, erklärte Tuchel. 100 Punkte stehen für eine ausgeglichene Lage und Erwartung der Unternehmer an die nächste Zukunft. Zwei von drei Gaststättenbetrieben in OWL meldeten trotz Lieferservices einen Umsatzrückgang um mindestens 50 Prozent; im Bereich Hotellerie/Camping seien es sogar 80 und bei den Reiseunternehmen fast 90 Prozent.

Das Foto zeigt (von links) Sönke Tuchel (Gastico, Parkhotel Gütersloh), die stellvertretende IHK-Geschäftsführerin Claudia Auinger und Ruf-Gesellschafter Burkhard Schmidt-Schönefeldt.

Das Foto zeigt (von links) Sönke Tuchel (Gastico, Parkhotel Gütersloh), die stellvertretende IHK-Geschäftsführerin Claudia Auinger und Ruf-Gesellschafter Burkhard Schmidt-Schönefeldt. Foto: IHK

Nach Angaben von Claudia Auinger, stellvertretende Geschäftsführerin der IHK Ostwestfalen, ist die Zahl der Übernachtungen in der Teutoburger-Wald-Region schon in den ersten vier Monaten 2020 um 50,2 Prozent gesunken. Der Rückgang war damit sogar noch größer als in NRW insgesamt.

Kaum ein Unternehmen rechnet damit, dass sich die Lage der Branche schnell normalisieren wird. Einige fürchten sogar, ohne staatliche Hilfe im Herbst Insolvenz anmelden zu müssen. Bei den Beherbergungsunternehmen seien es mehr als 16 Prozent, bei den Gastronomen knapp 15 und bei den Reiseveranstaltern fast zwölf Prozent, erklärten Tuchel und Schmidt-Schönefeldt.

Betriebe reagieren mit Stellenabbau

Was die Situation der Beschäftigten betrifft, so klagte die Branche in den vergangenen Jahren immer wieder über fehlenden Nachwuchs und Fachkräftemangel. Nun aber zwinge die wirtschaftliche Situation viele dazu, Stellen abzubauen. In der Hotellerie gingen zwei Drittel und in der Gastronomie fast 60 Prozent davon aus, die Zahl ihrer Mitarbeiter reduzieren zu müssen.

Beim Jugendreise-Anbieter Ruf erleben Zeltlager ein Comeback

Europas größter Jugendreise-Veranstalter Ruf erinnert sich in der Krise an die Anfangsjahre. Damals bildeten Zeltlager zumal in Deutschland einen Schwerpunkt im Programm der Bielefelder. „Es wird ein Schwerpunkt in diesem Corona-Jahr sein“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Burkhard Schmidt-Schönefeld – angepasst an die Hygiene-Vorschriften der Pandemie. Zu den Zielen in Deutschland, an erster Stelle St. Peter-Ording sowie mehrere Orte in Bayern kommen traditionelle Ruf-Ziele wie die Niederlande, Korsika und die spanische Nordostküste.

Ruf rechnet ungefähr mit der Hälfte der Buchungen vom Vorjahr. Die Zahl der Reiseleiter sinkt von 1200 auf mehrere hundert. Von den 80 festangestellten Beschäftigten in Bielefeld sind nur noch sehr wenige in Kurzarbeit.

 

 

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