Gütersloher Unternehmen untersuchte 2009 die Infektiosität von Viren in Lüftungsanlagen
Welche Rolle spielt die Luft?

Gütersloh (WB). Der vor vier Wochen verfügte Stopp der Schweinezerlegung in der Fleischfabrik Tönnies könnte bald aufgehoben werden . Eine entscheidende Rolle wird dabei spielen, ob die Anpassung der Raumluftanlage an die Hygiene-Erfordernisse funktioniert. Überwacht wird dieser Prozess federführend von Professor Martin Exner, dem Hygiene-Experten der Universität Bonn .

Donnerstag, 16.07.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 16.07.2020, 05:04 Uhr
Das Fleischwerk Tönnies in Rheda-Wiedenbrück darf nach Erweiterung der Hygienemaßnahmen wieder schlachten, aber noch nicht zerlegen. Foto: dpa
Das Fleischwerk Tönnies in Rheda-Wiedenbrück darf nach Erweiterung der Hygienemaßnahmen wieder schlachten, aber noch nicht zerlegen. Foto: dpa

Schon seit 1998 gibt es eine Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), die den Stand der Technik bezüglich der Hygiene Raumlufttechnischer Anlagen beschreibt – allerdings ohne spezielle Vorgaben für Viren. Ein Unternehmen mit entsprechender Expertise im Bereich Lufthygiene ist das Hygieneinstitut Biotec aus Gütersloh. Es wird von den Biologen Dr. Andreas Bermpohl, Jörg Weißer und Frank Weißer geführt und arbeitet bundesweit.

Biotec überprüft seit 20 Jahren raumlufttechnische Anlagen

Biotec überprüft seit 20 Jahren turnusmäßig raumlufttechnische Anlagen (RLT-Anlagen) in Büro- und Verwaltungsgebäuden sowie in hygienesensiblen Bereichen wie Krankenhäusern, der Pharma- und der Lebensmittelindustrie. Die für RLT-Betreiber vorgeschriebenen Hygieneinspektionen umfassen neben Oberflächenanalysen auch mikrobiologische Luftproben, bei denen die angesaugte Luft mit der verglichen wird, die wieder abgegeben wird. Biotec schult außerdem Mitarbeiter von Fachfirmen, die solche Anlagen warten.

In Zusammenarbeit mit dem Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen hatte Biotec-Mitgeschäftsführer Andreas Bermpohl bereits 2009 mit einem Versuchsaufbau untersucht, ob Viren von raumlufttechnischen Anlagen übertragen werden können und ob eine Inaktivierung mit ultravioletten Strahlen möglich ist. Im Gegensatz zu Bakterien und Schimmelpilzsporen, die ebenfalls über solche Anlagen verbreitet werden können, brauchen Viren für Ihre Vermehrung einen Wirt. Eine wesentliche Frage war deshalb, ob Viren nach Passieren einer Lüftungsanlage überhaupt noch infektiös sind.

Ein Teil der Viren bleibt in Luftströmen infektiös

Bermpohl fand heraus, dass ein Teil der Viren ihre Infektiosität in den Luftströmen der Anlagen nicht verlieren. In seinem Versuchsaufbau konnte er noch nach vier Stunden infektiöse Partikel nachweisen. Er dokumentierte außerdem, dass in seiner Versuchsanordnung sogenannte F7-Filter (die zum Zeitpunkt der Studie dem Stand der Technik entsprachen) nur einen Teil der Viren zurückhalten können. Der zusätzliche Einsatz von UVC-Strahlen erwies sich als wirkungsvoll, um Viren zu inaktivieren.

Der zuletzt oft gehörte Begriff Lüftungsanlage trifft übrigens für viele Anlagen in der Fleischindustrie nicht zu, denn dort geht es im Wesentlichen um die Kühlung der vorhandenen Raumluft – also eine Luftumwälzung ohne Frischluftzufuhr. „Echte” Lüftungsanlagen beinhalten dagegen immer einen gefilterten Außenluftanteil, der verbrauchte Luft ersetzt und so das Infektionsrisiko zum Beispiel mit Viren deutlich vermindert.

Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) werden in der Fleischindustrie allerdings vor allem Umluftkühlanlagen eingesetzt. Damit das Fleisch nicht verdirbt, soll an den Arbeitsplätzen eine Temperatur zwischen fünf und zehn Grad herrschen. Dazu wird die Luft im Raum angesaugt, durch eine Kühlung geleitet und in den Raum zurückgeführt.

Hygieniker wissen seit Jahren, dass die Raumluftqualität umso besser ist, je mehr Frischluft von draußen in so einen Umluft-Kreislauf eingespeist wird. Aber das ist teuer, denn die Außenluft ist – je nach Jahreszeit – häufig deutlich wärmer, und das Kühlen kostet zusätzliche Energie.

Mehr Sicherheit ist eine Kostenfrage

Kosten sind möglicherweise auch der Grund dafür, dass die Fleischindustrie in ihren Umluftanlagen bisher nur selten UVC-Strahlen und wirksame Filter einsetzt. Denn je höher die Klasse eines Luftfilters ist, desto größer ist sein Widerstand im Luftstrom –  und umso höher sind die Energiekosten der Umluftkühlung.

Bei Tönnies laufen derzeit Versuche mit UVC-Strahlen und Filtern. Sehr wirkungsvoll sind Filter der Klasse H 14. Sie sind für Partikel wie Aerosole mit einer Tröpfchengröße von weniger als einem millionstel Meter gedacht und sollen 99,99 Prozent der Schwebstoffe aus der Luft filtern. Weil sie aber den Luftvolumenstrom der RLT-Anlage erheblich verringern, kann alternativ auch eine Kombination aus weniger effektiven Filtern und UVC-Licht verwendet werden.

Ob eine bloße Umrüstung der Umluftanlage das Infektionsrisiko allerdings beseitigen kann, ist unter Fachleuten umstritten. Denn die trockene Luft in gekühlten Räumen begünstigt nach Angaben des VDI das Verdunsten virusbeladener Aerosoltröpfchen. Diese werden dadurch kleiner und leichter. Sie können länger in der Schwebe bleiben, also weitere Strecken überbrücken. Ein Mikrobiologe: „Man darf ja nicht vergessen, dass in Produktionsstätten wie Schlachthöfen die Luft nicht unmittelbar am Arbeitsplatz abgesaugt wird. Ausgehustete Erreger können natürlich bei entsprechend geringem Abstand andere Mitarbeiter erreichen, bevor sie in eine wie auch immer ausgestattete lufttechnische Anlage gelangen.“

So zeige eine Computersimulation finnischer Forscher, dass nach dem Husten eines Menschen in einem Supermarktgang die ­Aerosole je nach Umgebungs­bedingungen bis in den Parallelgang wabern können. Dazu komme in Schlachtbetrieben, dass die Bronchialschleimhäute von Menschen, die länger in trockener Luft arbeiteten, ohnehin empfindlicher seien.

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