Gütersloh
Wenn die Motivation zum Lernen fehlt

Gütersloh (gh) - Das Lernen hat sich in Zeiten von Corona verändert. Nun zeigen sich die ersten Konsequenzen des Homeschoolings. Einigen Kinder stehen kurz davor, den Anschluss zu verlieren. Das möchten die Altstadtschule und das Städtische Gymnasium Gütersloh verhindern.

Sonntag, 02.08.2020, 15:46 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 16:31 Uhr
Gütersloh: Wenn die Motivation zum Lernen fehlt

Die beiden Bildungseinrichtungen haben eine Sommer-Akademie ins Leben gerufen, in der Kinder der ersten bis siebten Klasse gefördert werden, die während der Schulschließung Schwierigkeiten hatten, ihre Aufgaben selbstständig zu erledigen. „Die Bildungsschere geht weit auseinander. Das ist ein riesen Problem“, betont Charlotte Kleßmann, Lehrerin an der Altstadtschule. Gemeinsam mit Anna Haverland und Britta Jünemann vom Städtischen Gymnasium entstand die Idee, Kinder in den Sommerferien auf den aktuellen Wissensstand zu bringen.

„Als die Schule vor den Ferien nochmal losging, haben wir festgestellt, dass einige Schüler Schwierigkeiten haben“, so Kleßmann weiter. Es stellte sich die Frage: Wie soll es im nächsten Schuljahr weitergehen? „Die Erstklässler konnten bis zur Corona-Krise nur 9 der 26 Buchstaben lernen“, nennt Jünemann, stellvertretende Schulleiterin des Städtischen Gymnasiums, ein Beispiel. Das mache es schwer im zweiten Schuljahr ein Buch zu lesen. Ein Problem, das die Initiatoren lösen wollen.

Was waren die Hauptprobleme?

Seit dem 20. Juli bekommen daher 31 Kinder Nachhilfe in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch. Ein Angebot für Schüler, die aufgrund des Distanzunterrichts im Lernstoff nicht mithalten können. Drei Mal in der Woche kommen sie in vier Lerngruppen von sechs bis neun Schülern in der Stadtbibliothek zusammen. „Uns war wichtig, einen freundlichen, offenen und zentralen Ort außerhalb der Schule zu haben“, sagt Jünemann und freut sich über die Bereitschaft der Bibliothek, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Dort werden die Schüler individuell jeweils von zwei Lerncoaches betreut. Das sind fünf Abiturienten, eine Lehramtsstudentin und zwei Praktikanten. „Sie haben einen ganz anderen Bezug zu den Kindern“, so die stellvertretende Schulleiterin.
Finanziert wird die Sommer-Akademie von der Bürgerstiftung und deren Bildungsfond: 3200 Euro lassen sich die Organisationen das Engagement kosten. Der Großteil ist das Honorar für die Coaches, ein kleiner Teil für Lernmaterial. „Es besteht die Idee, das Angebot auch in anderen Ferien fortzuführen“, sagt Katrin Meyer aus dem Vorstand der Stiftung. Es werde aber zunächst geschaut, wie gut die Sommer-Akademie funktioniert. Eine Durchführung an anderen Schulen sei ebenfalls denkbar. „Es handelt sich um ein niederschwelliges Projekt. Es kann individuell darauf eingegangen werden, welches Kind, welche Hilfe braucht“, ergänzt Meyer. Somit scheint ein neues Konzept aus der Corona-Krise heraus entstanden zu sein.

Aber was waren die Hauptprobleme beim Lernen auf Distanz? „Viele hatten Schwierigkeiten, eine Tagesstruktur beizubehalten und sich auf Schulaufgaben zu konzentrieren“, sagt Jünemann. Sie weiß, dass einige Jungen und Mädchen mit dem selbstständigen Lernen überfordert waren. Das regelmäßige Feedback der Lehrer habe ebenfalls gefehlt. Einige Kinder seien mit dem Homeschooling nicht zurechtgekommen, weil sie keinen Computer, Drucker oder nur über eine schlechte Internetverbindung verfügten. Andere seien von den Geschwistern abgelenkt worden. Und auch die Unterstützung durch die Eltern sei ein entscheidender Punkt gewesen. Denn manche Kinder erhielten viel Hilfe, andere gar keine, weil die Eltern vollberufstätig seien oder schlecht Deutsch sprächen.

„Wir möchten die Lust auf Schule und Lernen wieder erwecken“, betont Britta Jünemann. Kurz vor den Ferien haben die Klassenlehrer der Schulen daher Eltern gezielt angesprochen. Besonders betroffen seien Kinder der ersten Klasse. „Für die Erstklässler und ihre Eltern ist es schwierig, Buchstaben und Zahlen selbst zu erlernen“, erklärt Kleßmann. An der Altstadtschule wurden während der Schulschließung Lernpakete nach Hause gebracht oder per Post verschickt. Das Städtische Gymnasium arbeitet mit der Online-Plattform Moodle.

Feedbackbögen geben Aufschluss

Doch digitales Lernen allein funktioniere nicht: „Wir konnten nicht alle Schüler erreichen. Digitaler Unterricht kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen“, sagt Jünemann. Der soziale Kontakt untereinander habe sowohl den Kindern als auch den Lehrern gefehlt. „Lernen geht nur über persönlichen Kontakt“, ergänzt Siegfried Bethlehem vom Bildungsfonds. Die Kinder freuten sich, ihre Klassenkameraden wiederzusehen, und lernten daher lieber.

Das Lernangebot, das bereits die zweite Woche läuft, komme gut bei den Schülern an: „Es herrscht eine nette Lernatmosphäre. Die Rückmeldungen der Lerncoaches sind sehr positiv“, freut sich Charlotte Kleßmann. Häufige Fragen der Erstklässler seien, wie sie überhaupt lernen und sich beispielsweise das Einmaleins merken können. Auch lernten die Kinder, Texte zu schreiben oder systematisch an einer Sache dran zu bleiben. Nach jedem Tag gebe es einen Feedbackbogen, sodass die Kinder und Lehrer wüssten, was bereits gut klappe und was nicht.

Die Besonderheit in diesem Jahr: Aufgrund von Corona und der unterschiedlichen Lernbedingungen, hat die Landesregierung jedoch die Versetzung vorgeschrieben. Manche Schüler wären unter normalen Umständen eigentlich sitzengeblieben. Um die Wissenslücken auszugleichen, bietet das Städtische Gymnasium in Einzelfällen freiwillige Wiederholungen oder unterstützende Maßnahmen im kommenden Schuljahr an. Laut Jünemann sei eine Fortführung der Sommer-Akademie an Nachmittagen in den Schulen im neuen Schuljahr denkbar.

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