Gütersloh
Gütersloher im britischen Forschungsolymp

Gütersloh/Oxford (gl) - Lügen lohnt sich nicht, heißt es. Das sieht manch Zeitgenosse ganz anders. Ein ideales Forschungsterrain für einen Verhaltens- und Experimentalökonomen wie den Gütersloher Dr. Johannes Abeler, der an der Oxford Universität lehrt und an der Corona-Warn-App mitgearbeitet hat.

Mittwoch, 02.09.2020, 07:58 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 09:31 Uhr
Gütersloh: Gütersloher im britischen Forschungsolymp

„Die Glocke“:
Herr Professor Abeler, wie kommt ein Gütersloher in den britischen Wissenschaftsolymp von Oxford?

Dr. Abeler:
Aus Versehen (lacht). Ich wollte, nachdem ich erst Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurswesen studiert und in Bonn in Wirtschaftswissenschaften promoviert habe, unbedingt im Ausland volkswirtschaftlich arbeiten.

„Die Glocke“:
Warum gerade auf diesem Gebiet?

 
Dr. Abeler:
Die Volkswirtschaft an sich ist konservativ und geht davon aus, dass Menschen rational agieren. Das stimmt aber nicht. Sie handeln entweder streng moralisch oder überraschend emotional. In Oxford kann ich die Auswirkungen dieses Verhaltens auf die Volkswirtschaft untersuchen. In der Corona-Krise beispielsweise haben viele Menschen vieles auf sich genommen, um anderen zu helfen. Das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus.

„Die Glocke“:
Wie bewerten Sie die Krisen-Situation in Großbritannien?

 Dr. Abeler
: Die Regierung hat sich anfangs nicht sehr vernünftig verhalten und viel zu spät reagiert. Die zwei Wochen Abwarten zu Beginn der Pandemie haben das Land rund 30 000 Tote gekostet. Hinzu kommt, dass die Briten – anders als die Deutschen – nicht so versessen auf Regeln und Autorität sind und sich deshalb zum Beispiel mit der Maskenpflicht schwer tun. Gravierend aber ist, dass das Gesundheitssystem schon vor Corona massiv unterfinanziert war. Das hat sich in der Krise gerächt. Es gab nicht genug Geld und nicht genug Ärzte. Jetzt sind alle verfügbaren Mittel ins Gesundheitssystem gepumpt worden. Aber dafür sind die Altenheime hinten runtergefallen. Weshalb es dort die Hälfte der 30 000 Todesopfer gegeben hat. Mittlerweile sind wir – je nach Statistik – bei mehr als 46 000 Toten. Und ich wäre schon sehr überrascht, wenn die nichts verändern würden. Bezüglich Gesundheit und Altenpflege gibt es jedenfalls ein Umdenken: Der Gedanke, dass beides teuer ist, etabliert sich.

Oxford brummt als Epizentrum der Corona-Forschung

„Die Glocke“:
Wie sieht für Sie in Oxford der Corona-Alltag aus?

Dr. Abeler:
Die Kontaktbeschränkungen sind gelockert. Hotels und Restaurants dürfen unter Auflagen wieder öffnen. Personen aus zwei Haushalten
dürfen sich treffen, solange es nicht mehr als 30 insgesamt sind. Atemschutzmasken in Bus, Bahn, Geschäften etc. sind Pflicht. An den Unis finden noch immer viele Vorlesungen nur online statt. Ich doziere auch von Zuhause aus über Ehrlichkeit und Moral oder stelle künstliche Intelligenz gegen alltägliche Dummheit (lacht). Davon abgesehen, brummt Oxford, denn es ist das Epizentrum der Medizin und Biomedizin in Großbritannien. Schon im Februar wurde hier ein Impfstoff gegen MERS (Middle East Respiratory Syndrome), einem Sars-Nachfolger aus der Familie der Coronaviren, entwickelt. Die Wissenschaftler haben daran ein paar Änderungen vorgenommen, um etwas gegen Covid 19 zu entwickeln. Die Firma Astra Zenica produziert bereits den Ergebnisstoff und impft probeweise: 20 000 Menschen nicht in England und Brasilien. Unser aller Hoffnung liegt nun darauf, dass er funktioniert. Boris Johnson jedenfalls sagt, spätestens Mitte 2021 sei der Impfstoff für alle verfügbar.

 „Die Glocke“:
Ist das eine ehrliche oder eine politische Aussage?

Dr. Abeler:
Regierungen sollten schon offen und ehrlich sein, aber sie müssen auch darauf achten, dass die Wahrheit keine Panik hervorruft. Da geht es eher um eine „gemanagte Ehrlichkeit“. Johnson ist kein Bürokrat und hat auch nicht wie Angela Merkel Physik studiert. Er kann nicht wissenschaftlich an Corona herangehen. Er will vor allem eins: gute Stimmung in der Krise verbreiten, deshalb macht er oft den Clown. Ich glaube, er hat auch anfangs nicht absichtlich etwas falsch gemacht, sondern wohl einfach nur den Zug verpasst.

„Akzeptanz ist an Vertrauen gekoppelt“

 „Die Glocke“:
Was haben Sie mit der Corona-Warn-App zu tun?

 Dr. Abeler:
Meine Frau Lucie ist Immunologin und Epidemiologin am Big Data Institut der Universität Oxford. Sie hat das digitale Contact-Tracing mitentwickelt und beschäftigt sich unter anderem mit der computergestützten Analyse immunologischer und virologischer Datensätze. Bezüglich der Corona-Warn-App ist sie jedenfalls das Steak und ich die Salatbeilage.

„Die Glocke“:
Soll heißen?

 Dr. Abeler:
Ich habe „nur“ im Vorfeld mit einem international besetzten
Team die sozialwissenschaftlichen Umfragen in England, Deutschland, Italien, Frankreich und den USA durchgeführt, um herauszufinden, auf welche Akzeptanz oder auch auf welche Ablehnung solch eine Warn-App stoßen könnte.

„Die Glocke“:
Mit welchem Ergebnis?

Dr. Abeler:
Eines davon war, dass die App aus Datenschutzgründen ohne GPS auskommen sollte. Die Leute wollten keine permanente Standortüberprüfung. Das haben wir auch frühzeitig mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn besprochen.

 „Die Glocke“:
Was war für Sie das Spannendste an der Studie?

 
Dr. Abeler:
Dass die Akzeptanz der App an das jeweilige Vertrauen zur Regierung gekoppelt war. Je größer das Vertrauen in die Regierenden, umso eher waren und sind die Menschen bereit, die App zu installieren. In Deutschland sind die Zahlen entsprechend hoch, in Italien deutlich niedriger und in den USA ganz schlecht.

 „Die Glocke“:
Stichwort Brexit. Haben Sie als Deutscher Ressentiments erlebt?

Dr. Abeler:
Überhaupt nicht. Wir leben seit zwölf Jahren in England und Oxford ist extrem international aufgestellt. Hier waren 80 Prozent der Bevölkerung gegen den Brexit. Am Tag danach kam mein britischer Nachbar und hat sich bei uns entschuldigt. Aus internationaler und europäischer Sicht ist der Brexit eine ganz traurige Geschichte. Aber im täglichen Leben hat sich für die Briten bislang wenig verändert. Dass er aber überhaupt durchgeboxt werden konnte, dazu hat sicherlich auch eine gewisse ausländerfeindliche Stimmung hier im Land beigetragen. Das könnte in Deutschland dank der AfD, in Frankreich durch die Front National oder in Italien durch die nationalistische Lega aber auch passieren.

„Die Glocke“:
Warum haben Populisten solch einen Erfolg?

 „Dr. Abeler:
Weil die Menschen an einfache Lösungen glauben wollen. Der Brexit hat funktioniert, weil man den Menschen vorgegaukelt hat, sie könnten dann selbstbestimmter leben und würden noch dazu reicher. Ehrlich wäre gewesen zu sagen: Die Souveränität, die der Brexit bringt, wird uns richtig viel kosten. Nun liegt der Brexit als massives Problem auf dem Tisch und wird die ohnehin schon vorhandene Ungleichheit in der Bevölkerung noch verschärfen. Ähnlich sieht es dank der wirtschaftlichen Abgrenzungen, die die USA derzeit betreibt, in Amerika aus. Und weder Trump noch Johnson können das so einfach lösen.

 „Die Glocke“:
Gibt es denn gegen solchen Populismus überhaupt ein Gegenmittel?

Dr. Abeler:
Ja, wenn es ein grundlegendes und stabiles Vertrauen in Politik und Wirtschaft gibt, haben es Populisten, die ihren Zauberstab schwingen und allen mehr Reichtum, Schönheit und ewige Jugend versprechen, schwer. Aber solch ein Vertrauen aufzubauen, das dauert. Es zu zerstören, geht dagegen ganz schnell. Deshalb ist es die grundlegende Herausforderung unserer heutigen politischen Kultur, auch und gerade der Medien, nicht auf Populisten hereinzufallen, egal wo und wie sie auftauchen. Da muss die Zivilgesellschaft viel mehr zusammenarbeiten.

„Niemand will als Lügner dastehen“

 „Die Glocke“:
Nach all Ihren Forschungen - glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Dr. Abeler:
Ja, die Menschen sind besser als wir denken. Nur 25 Prozent lügen, das hat eine wissenschaftliche Studie ergeben.

„Die Glocke“:
Wie haben Sie das herausgefunden?

Dr. Abeler:
Wir haben 1000 Probanden uneinsehbar würfeln lassen und erklärt, dass sie ihre gewürfelte Zahl in Euro ausgezahlt bekommen. Wären alle ehrlich gewesen und hätten korrekt angegeben, welche Zahl zwischen eins und sechs sie gewürfelt haben, hätte ein durchschnittlicher Betrag von 3,50 Euro für jeden dabei herauskommen müssen. Das
Ergebnis lag aber bei 4,20 Euro. Daraus ergibt sich, dass ein Viertel der Probanden gelogen hat.

„Die Glocke“:
Was schließt der Verhaltensökonom daraus?

Dr. Abeler:
Dass 75 Prozent nicht lügen. Aber nicht, weil sie Angst vor der Hölle haben, sondern weil sie nicht als Lügner dastehen möchten.

 
„Die Glocke“:
Was hat die Volkswirtschaft von der Erkenntnis?

Dr. Abeler:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten Steuern hinterzogen, wollen aber nicht zahlen. Das Finanzamt schreibt deshalb einen Brief an Ihre Nachbarn und offenbart Sie als Steuerhinterzieher. Das wäre Ihnen sehr peinlich. Der Druck ließe sie zahlen. Aus unseren Studien lassen sich Handlungsempfehlungen formulieren, damit die Politik Rahmenbedingungen entwickeln können, die das Gesamtwohl maximieren. Letztlich will die Volkswirtschaft die Menschen glücklich machen.

„Die Glocke“:
Könnte man das Beispiel auf Tönnies übertragen. Glauben Sie, dass er nun ein schlechten Gewissen haben und bemüht sein müsste, seine Mitarbeiter glücklich zu machen?

 
Dr. Abeler:
Ich kenne den Fall zu wenig, aber er hat sicherlich nicht nur Auswirkung auf den eigenen Schlachtbetrieb, sondern auf die ganze Branche und auch auf die Wirtschaft. Das ist wie bei einem Oldtimerfan, der ein altes Auto mit kaputtem Auspuff fährt. Ihm ist die Umweltverschmutzung, die er verursacht, egal, aber den anderen nicht. Deshalb täten Politik und Volkswirtschaft gut dran, den Oldtimerfan teuer zu besteuern, um den entstandenen Schaden wieder auszugleichen.

„Die Glocke“:
Eine letzte Frage, sind Sie stets ehrlich?

 Dr. Abeler
(lacht): Volle Ehrlichkeit hilft nicht immer, um miteinander auszukommen. Zwischen Lüge und Ehrlichkeit steht noch die Höflichkeit. Wenn ich meinem Gegenüber sage, ,Ihre Frisur ist Mist‘ oder ,Sie sehen aber hässlich aus‘, würde das das Gespräch nicht wirklich weiterbringen, oder? Das ist in der Politik und Wirtschaft nicht anders.

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