Gütersloh
„Der Reisende“: Von der Banalität des Bösen

Gütersloh (dop) - Das Monster ist die ganze Zeit da, lauert unerkannt im Hintergrund, wartet geduldig auf den Augenblick, in dem es sich überdimensional und mächtig aufblähen kann, um alles und jeden zu verschlingen. Und der Moment kommt - wie am Mittwochabend im Theater Gütersloh zu erleben war.

Donnerstag, 08.10.2020, 22:06 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 22:31 Uhr
Gütersloh: „Der Reisende“: Von der Banalität des Bösen

 Beeindruckend, wie präzise der erst 23-jährige Ulrich Alexander Boschwitz 1938 in seinem Roman „Der Reisende“ die angstgefärbte und antisemitisch vergiftete Lebenswirklichkeit in Deutschland am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu einem entlarvenden gesellschaftlichen Kaleidoskop verwob. Regisseurin Kathrin Mädler hat daraus für das Landestheater Schwaben in Memmingen ein Bühnenstück gemacht, in dem Charaktere zu Typen uniformiert werden. Sie denken nicht mehr kritisch, fragen nicht nach Moral und begehren auch nicht gegen sichtbares Unrecht auf. Sie lassen sich – aus Angst, oder weil sie nur noch auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind -, wie hölzerne Figuren auf dem Schachbrett einer rassistischen Politik hin- und herschieben. 

Monster aus der Düsterwelt

Dazu braucht es kein Bühnenbild. Der sich unheilvoll blähende Stoffballen, aus dem sich schon im Lauf des Spiels eine krallenbewehrte Tatze und ein mit Reißzähnen behaftetes Maul herausschälen, genügt in dieser Düsterwelt.

 Präzise arbeitet Mädler mit ihrem sechsköpfigen, mit blonden Haaren und bandagierten Köpfen ausgestatteten Ensemble im ständigen Rollenwechsel heraus, mit welcher Weit- und Hellsicht der Autor Boschwitz schon lange vor Auschwitz das Menetekel der um sich greifenden Entmenschlichung durch die Nazis deutlich sichtbar für jedermann an die Wand malte. Klaus Philipp spielt souverän die Hauptrolle, den jüdischen Kaufmann Otto Silbermann, der sich bis zum Novemberpogrom 1938 als Deutscher unter Deutschen fühlt. Ein Erster-Weltkriegs-Held, sicher, erfolgreich, gutsituiert. 

Doch dann kommen die NS-Schläger in sein Haus und zerstören nicht nur das Mobiliar, sondern auch alle Hoffnungen. Silbermanns jüdische Verwandte und Freunde werden verhaftet oder tauchen ab. Beim Versuch, Geld und Besitz zu retten, wird er von ehemaligen Geschäftspartnern, die seine Not für sich zu nutzen wissen, gnadenlos ausgenommen. Während seine arische Frau zurück in den Schoß der Familie kriecht, versucht er, zu fliehen. Silbermann will nach Paris, wo sein Sohn lebt. Doch Frankreich gibt keine Visa aus. Beim illegalen Grenzübertritt nach Belgien, wird er geschnappt und zurück geschickt. Ziellos reist er umher, versucht, sich in Zügen unsichtbar zu machen. Ein Überleben auf Zeit.

Das passende Stück zur rechten Zeit

Am Ende seiner Odyssee stehen Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Silbermann gibt auf. In einem letzten Aufbäumen schleudert er den Nazis seine Anklage entgegen. Sein Ruf nach Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit verhallt erwartungsgemäß ungehört. Denn das Monster hat sich nun endgültig erhoben, lässt für nichts und niemanden mehr Platz. 

Vollkommen uneitel und mit teils maschineller Exaktheit schlüpfen Agnes Decker, David Lau, Tobias Loth, Franziska Roth und André Stuchlik in die verschiedenen Rollen. Sie mimen die aaglatten Linientreuen ebenso wie die jede Verantwortung ablehnenden Mitläufer. Sie spielen die Draufhauer und die Verängstigten, die Weggucker und die Schweiger, die Profiteure und die Opfer, die Das-wird-schon-nicht-so-schlimm-werden-Träumer und die Wissenden. 

Was sie nicht spielen, sind die Kämpfer, diejenigen, die den Mut haben, den Finger in die Wunde zu legen und gegen Unrecht und Intoleranz anzugehen. Aber davon gab es damals zu wenige. Und davon gibt es heute, in Zeiten in denen Rassismus und Ausgrenzung, Flucht und und Vertreibung als alltägliches Geschehen schon wieder akzeptiert werden, auch zu wenige. 

Das macht das Stück so wichtig. Es rückt eine gesellschaftliche Gemütslage ins Rampenlicht, die von jedem im Publikum verlangt, Position zu beziehen – damit das braune Monster sich nicht wie auf der Bühne weiter aufbläst.

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