Gütersloh
Neun Böckstiegel-Werke unterm Hammer

Gütersloh (dop) - Geld ist heutzutage mehr als genug da. Es gibt Kunden, die kommen mit einem ganzen Bündel Scheinen“, sagt Detlef Jentsch. „Trotzdem ist man vor Überraschungen nie sicher.“ Der Auktionator gerät auch nach mehr als 40 Jahren Erfahrung als vereidigter Versteigerer noch immer ins Staunen.

Donnerstag, 19.11.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 19.11.2020, 06:16 Uhr
Gütersloh: Neun Böckstiegel-Werke unterm Hammer

Teils, weil für Unspektakuläres die Gebote plötzlich durch die Decke gehen. Oder weil echte Kostbarkeiten weit unter Wert den Besitzer wechseln. Nur eins ist sicher: „Schmuck und Gold gehen immer. Ich könnte jeden Monat 10 bis 15 Kilo davon versteigern.“ 

Soviel werden es bei der anstehenden Weihnachtsauktion am Samstag, 28. November, wohl nicht sein. Rund 430 Objekte kommen unter den Hammer. Außer Schmuck, Münzen und Medaillen, Uhren und Teppichen auch Silberarbeiten, Asiatika und Kunstwerke – darunter neun Arbeiten von Peter August Böckstiegel.

 „Das hat es in der
Bundesrepublik noch nicht gegeben“, freut sich Jentsch. Keine Frage, Böckstiegel boomt. Was aber wohl weniger an dem ihm gewidmeten neuen Museum in Werther liegt, als vielmehr an den von Jentsch im Frühjahr erzielten Sensationspreis von knapp 100 000 Euro für vier Bilder des westfälischen Expressionisten. „Das war auch so eine dieser Überraschungen“, sagt er augenzwinkernd. Den Wert der Werke hatte er – wie auch jetzt – verhältnismäßig niedrig ab 900 Euro angesetzt. Aber zwei konkurrierende Bieter hatten die Preise nach oben getrieben. Das lässt nun den Auktionator und dessen Auftraggeber – die Böckstiegel-Arbeiten kommen aus zwei „wohlhabenden Privatnachlässen aus der Region“ – hoffen.

Echte Entdeckungen und alte Schätzchen

Sclließßlich geht es teils um echte Entdeckungen, denn drei der neun Werke – zwei Pastelle und eine Tuschezeichnung – sind bislang nicht einmal David Riedel, dem Leiter des Museums Böckstiegel, bekannt gewesen. Dabei handelt es sich um zwei Frauen-Bildnisse, die der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg 1948/49 im Rahmen seiner Reihe von Flüchtlingsporträts anfertigte, und um eine „sehr schöne Tuschezeichnung, die Böckstiegels Vater und Tante König zeigt“, wie Riedel erläutert. Sie stammt wohl
aus dem Jahr 1922. Doch auch wenn der Fachmann dabei von einem absolut „museumswürdigen Blatt“ spricht, so sei es doch keine Sensation: „Wir haben ähnliche Arbeiten von Böckstiegel im Haus“, sagt Riedel.

An weiteren Böckstiegel-Arbeiten wird eine Zeichnung mit zwei Bauernfrauen, einem Greis sowie eine Lithographie mit der Markierung „Probedruck 1“ versteigert, die Böckstiegels Vater am Butterfass zeigt – offensichtlich ein Blatt aus den 1930er-Jahren. Hinzu kommt eine Farblithografie unter dem Namen „Frühling in Cossabaude“ , ein Dreifarbendruck, mit dem Böckstiegel um 1921 in 15er-Auflage einem Ortsteil von Dresden huldigte. Ein weiteres Blatt dieser Arbeit wird derzeit auch vom Kölner Auktionshaus Lempertz angeboten. „Das beste Stück ist sicherlich das Aquarell ,Hafen von Konstanza‘, das Böckstiegel 1918 als Soldat in Rumänien malte“, wirbt Jentsch, der es mit 4990 Euro ansetzt. Das Wertheraner Museum wird laut David Riedel übrigens nicht mitbieten – weil es keinen eigenen Ankaufsetat hat. Wichtig wäre ihm aber, dass sich die neuen Besitzer im Museum melden – „damit wir wissen, wohin die Werke gehen, um sie eventuell für die ein oder andere Ausstellung in der Zukunft als Leihgabe anfragen zu können“, sagt Riedel.

Vom Erben und Sterben

Ohnehin macht sich Detlef Jentsch Sorgen, dass coronabedingt weit weniger Bieter kommen werden. Drängelten sich in den Vorjahren bei seinen Weihnachtsauktionen immer rund 180 Interessenten aus nah und fern im Versteigerungssaal, an der Verler Straße 1, ist nun ohnehin nur noch für 30 Platz.

 Trotzdem wird es dem agilen 78-Jährigen auf Dauer nicht an Arbeit mangeln. „Die wirklich großen Nachlässe in der Region, die kommen doch erst noch“, verrät er mit Blick auf seine bereits testamentarisch festgelegten Verpflichtungen als Nachlass-Vollstrecker. Und wie überall ist wohl auch im Kreis Gütersloh das Gros der gut situierten Erbengeneration mehr am Versilbern als am Erhalt elterlicher Schätze interessiert. Die Frage ist nur: Wer kauft was?  „Der Antiquitätenmarkt ist komplett eingebrochen“, sagt Jentsch und wundert sich, dass im Fernsehen bei „Bares für Rares“ noch viel Geld für so manches „Stehrümchen“ bezahlt wird.

 Und was macht der Gütersloher Auktionator, wenn ihm zum Beispiel mal Schmuck von dubioser Herkunft angeboten wird? „Die Polizei weiß, dass ich da nicht mitspiele. Sollte es mal vorgekommen sein, habe ich immer laut überlegt, ob ich zur Klärung vielleicht das Bundeskriminalamt anrufen sollte. Dann hatte sich die Sache sofort erledigt.“ Anzeige stellen würde er nicht. Denn: „Solche Typen fackeln nicht lange, die würden mich umbringen.“

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