Gütersloh
„Bin kein Fan von musikalischem Fast Food“

Gütersloh (dop) - Es hätte ein großes Liedfest werden sollen mit vielen Überraschungsgästen - offiziell zum Zehnjährigen des Theaters - inoffiziell auch als Ständchen der Superlative für den  Macher des Forums Lied: Professor Peter Kreutz. An diesem Samstag, 28.  November, wird er 60 Jahre alt.

Samstag, 28.11.2020, 11:06 Uhr aktualisiert: 28.11.2020, 11:46 Uhr

Als Initiator, Moderator und Pianist hatte er sich gefreut, dass viele Sänger, die in den vergangenen 20 Jahren in der Konzertreihe Forum Lied schon bei ihm zu Gast waren und heute teils international unterwegs sind, ihr Kommen zugesagt hatten. „Aber wegen Corona habe ich alles abgesagt“, bedauert Kreutz. Nicht nur wegen der aktuell geltenden Veranstaltungs- und Sicherheitsbestimmungen, sondern auch, weil die meist freischaffenden Sänger ohne Honorar auftreten wollten. „Das würde ich den Sängern derzeit aber nicht zumuten wollen. Da hätte ich ein zu schlechtes Gewissen gehabt, ihre Verbundenheit auszunutzen.“

 Und so schnürt Peter Kreutz als Musiker, Dozent und Veranstalter statt eines Geburtstagsgeschenks im Konzertformat im Gespräch mit dieser Zeitung ein Gedankenpaket rund um Corona – und die Auswirkungen auf die Kultur.

 „Die Glocke“:
Herr Professor Kreutz, wie haben Sie als Musiker und Lehrer bislang die Coronazeit gemeistert?

 Kreutz:
Als der erste Lockdown im März kam, hab ich mich wagemutig in den plötzlich geforderten Digital-Unterricht als absolutes Neuland reingeworfen. So skeptisch ich vorher war, habe ich das doch als Chance begriffen, mal etwas Neues auszuprobieren. Schnell war klar, dass digitaler Unterricht einer anderen Vorbereitung und Ausführung bedarf. Das hat nicht nur die Schüler, sondern auch uns als Lehrer gefordert und verändert. Und es hat uns besonders verbunden.

„Die Glocke“:
Inwiefern?

Kreutz:
Als im Juni der zweite Lockdown kam, habe ich am Wochenende davor noch einmal Direkt-Unterricht für alle Schüler angeboten, in der Hoffnung, dass vielleicht die Hälfte käme. Irrtum, sie kamen alle und wollten noch einmal unter Live-Bedingungen Klavier spielen. Das hätte es vor Corona nicht gegeben. Das war einfach toll.

 „Die Glocke“:
Welche Art Unterricht gefällt Ihnen besser?

 Kreutz:
Virtuell zu lehren, ist eine Möglichkeit, aber für mich keine Dauerlösung. Die Empathie, die man sonst beim direkten Miteinander empfindet, verpufft am Bildschirm doch weitgehend. Mir ist klar geworden, dass Musik einen wichtigen Kontrapunkt zur zunehmend digitalisierten Welt setzt.

Künstler brauchen den Zuhörer zur Motivation

„Die Glocke“:
Sie sind Dozent für Liedgestaltung an der Musikhochschule Detmold. Wie hat sich Corona bislang dort ausgewirkt?

 Kreutz:
„Um die beim Singen entstehenden Aerosole möglichst gering zu halten, habe ich den Schwerpunkt in der Liedklasse auf die Literatur-Arbeit gelebt. Für die Sänger und deren Stimmentwicklung war das quasi ein Null-Semester. Wichtig war und ist uns Lehrern die psychologische Betreuung. Mehr als 70 Prozent meiner Studenten sind Koreaner und Chinesen. Die hocken allein in ihren Buden und haben kaum Kontakte. Das hat negative Einflüsse. Da müssen wir Lehrer schon sehr hellhörig sein und psychologisch gegensteuern.“

„Die Glocke“:
Wie machen Sie das?

Kreutz:
Wir dürfen die jungen Leute nicht sich selbst überlassen, müssen versuchen, sie bei der Stange zu halten, zu motivieren, müssen ihnen helfen, bei allen Einschränkungen immer wieder genug Disziplin zum Üben aufzubringen, damit sie ihre geplanten Lebensläufe aufrecht erhalten können. Dazu gehört, dass auf alle Fälle die Examina durchgezogen werden – wenn auch nicht, wie sonst üblich, im Rahmen öffentlicher Konzerte, was ausgesprochen schade ist.

„Die Glocke“:
Warum ist die Öffentlichkeit so wichtig?

 Kreutz:
„Der Zuhörer ist keine bloße Zugabe. Er ist für uns Kulturausübende ein unverzichtbares Gegenüber. Ohne ihn bricht uns die Motivation weg. Nur zusammen ergeben wir eine lebendige Kulturgesellschaft. Dagegen kann jedes noch so gut gemachte Streaming-Angebot immer nur ein momenthaftes Lebenszeichen sein.

Was jetzt zerstört und abgebaut wird, bleibt verloren

„Die Glocke“:
Dann dürfte der anhaltende Lockdown den Kulturbetrieb ja nachhaltig schädigen.

 Kreutz:
Corona wirkt sich unterschiedlich aus. Ich mache mir keine Sorgen um die Musikschulen. Da gibt es zwar derzeit pandemiebedingt keinerlei Ensemble-Spiel. Aber ich bin sicher, das funktioniert sofort wieder, wenn Corona beendet ist. Anders sieht es im Theater-, Konzert- und Opernbetrieb aus. Ich befürchte, dass so manches, was dort aus Subventionsgründen bislang nur in Frage gestellt gewesen ist, jetzt unter dem Vorwand Corona und den daraus resultierenden Einbußen endgültig geschlossen wird – und das, obwohl die Kulturschaffenden alles tun, um für eine größtmögliche Sicherheit zu sorgen.

„Die Glocke“:
Worauf basiert Ihre Skepsis?

 
Kreutz:
Auf der Erkenntnis, dass Corona bislang gut funktionierende Strukturen zerstört. Es wirkt hinter den Kulissen. Alles, was jetzt abgebaut wird, bekommen wir nie wieder. Erschwerend hinzu kommt, dass viele die Kultur immer noch als freiwillige Leistung verstehen und weder als system- noch als gefühlsrelevant erachten. Wer nie erlebt hat, wie tief bewegt und berührt, wie positiv verändert Menschen aus einem Theaterstück oder Konzert kommen, wird das auch nicht verstehen können. Alles, was jetzt wegbricht, ist verloren. Und die Politik tut ihr Übriges, indem sie das Theater- und Konzertleben als Freizeitbeschäftigung einordnet, statt darauf zu hören, was die Kulturschaffenden sagen und fordern. Kultur ist eine besondere Disziplin, ein Lebenselixier. Hinzu kommen all die stumpfen Aussagen in den sozialen Medien, die die Situation in unerträglicher Weise anheizen.

„Die Glocke“:
Hat die Corona-Zeit Sie auch verändert?

Kreutz:
Ah, die Frage nach der Chance in der Krise (lacht). Ja, Corona hat mich verändert. Was mir überhaupt nicht fehlt, ist die Küsschengesellschaft, die vor der Pandemie gang und gäbe war. Im Alltag finde ich es toll, dass jetzt alle meine Schüler immer mit frisch gewaschenen Händen am Klavier sitzen (lacht). Und mir ist bewusst geworden, wie gut es ist, Abstand im Unterricht zu halten. So kann ich viel besser den ganzen Spielapparat beobachten. Das werde ich beibehalten. Privat habe ich meine Laufleistung verdoppelt. Zuhause bleiben darf ja nicht heißen, unbeweglich zu werden. Und ein Musiker ist wie ein Leistungssportler. Man muss immer dran bleiben.

 „Die Glocke“:
Was fehlt Ihnen?

Kreutz:
Das persönliche Miteinander, die Treffen, der intensive Austausch. Gerade jetzt, wo die Dunkelheit zunimmt. Ich bin auch kein Fan von musikalischem Fast Food. Musik-Streamings gehören zur Spaßgesellschaft. Ich gehöre zu der Generation, die gern mit einem Stück ringt, sich damit auseinandersetzt.

 „Die Glocke“:
Was machen Sie, wenn coronabedingt im Forum Lied auch das traditionelle Festival zwischen den Jahren abgesagt werden muss?

Kreutz:
Verschieben und dann darauf hoffen, dass die für Februar und April geplanten Konzerte normal laufen können.

 „Die Glocke“:
Bereitet Ihnen jetzt mit 60 der Gedanke an den Ruhestand Kopfschmerzen?

Kreutz:
Nein, abgesehen davon, dass ich erst im Mai 2027 Rentner werde, habe ich nicht vor, mich von der Bühne tragen zu lassen. Ich habe 20 erfüllte Forum-Lied-Jahre vorzuweisen und bin total glücklich, dieses Angebot in und für Gütersloh aufgebaut zu haben. Aber ich definiere mich nicht nur als Pianist, sondern bin neugierig auf viele andere Dinge. So wollte ich immer schon einmal den Mittsommer in Skandinavien erleben – was aufgrund des Lied-Interpretationskursus im August nie ging. 

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