Gütersloh
Kaufleute verlieren die Geduld

Gütersloh (din) - Im vergangenen Jahr gehörte Axel Keisinger (56) lange zu jenen, die alle Corona-Auflagen bis hin zum Lockdown geduldig ertragen haben. Jetzt hat sich der Inhaber des Bekleidungsgeschäfts Wörmann an der Berliner Straße einer Initiative angeschlossen, die auch juristisch gegen die Geschäftsschließungen vorgehen und auf Schadensersatz klagen will.

Dienstag, 23.02.2021, 18:40 Uhr aktualisiert: 23.02.2021, 20:01 Uhr
Ihm reicht es jetzt: Axel Keisinger, Geschäftsführer des Damenmodehauses Wörmann, hat sich einer bundesweiten Protestinitiative angeschlossen und bringt diese Meinung mit Plakaten in den Schaufenstern zum Ausdruck.
Ihm reicht es jetzt: Axel Keisinger, Geschäftsführer des Damenmodehauses Wörmann, hat sich einer bundesweiten Protestinitiative angeschlossen und bringt diese Meinung mit Plakaten in den Schaufenstern zum Ausdruck.

Mit roten Plakaten in den Schaufenstern macht der Kaufmann auf die Aktion aufmerksam. Immer wieder bleiben Passanten stehen und lesen. Kein Wunder, steht dort doch in großen Lettern „Wir schließen“ und etwas kleiner „uns zusammen“ sowie (groß) „Wir stehen auf“ und wieder etwas kleiner „Recht. Jetzt klagen wir“.

Die Aktion in den Schaufenstern läuft seit Montag für eine Woche. Auch bei Hut Wollweber am Kolbeplatz bedecken solche und weitere Plakate die Schaufenster. „Es reicht“, heißt es darauf. „Wir schließen unsere Fenster, um unsere Geschäfte bald wieder öffnen zu können.“ Die Politik verschließe die Augen. Sie sehe nicht, „dass sie mit dem ewigen Lockdown die Existenz unserer Mitarbeiter auszulöschen droht“. So verklebe man die Fenster, verklage die Regierung in Berlin, stelle Eilanträge auf Wiedereröffnung und klage auf Schadensersatz oder Entschädigung, heißt es.

Keisinger will auf keinen Fall missverstanden werden. „Wir haben großen Respekt vor der Krankheit“, betont der Kaufmann im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir sind aber überzeugt, dass wir die Sicherheit unserer Kundinnen gewährleisten können.“ Das Geschäft verfüge über Luftreinigungsgeräte, die es anderswo in geöffneten Geschäften wie Drogerien nicht gebe. Außerdem hielten sich ohnehin nicht mehr als zwei bis drei Kundinnen im Geschäft auf. Abstände könnten ohne Weiteres gewahrt werden. Die Gefahr für die Kundinnen, sich anzustecken, sei andernorts größer. In Betrieben und Büros werde auch gearbeitet.

Keisinger beklagt zudem einen ungleichen Wettbewerb. „Der Lockdown gilt nur für uns, nicht für Amazon.“ Außerdem fragt der Gütersloher: „Warum dürfen Marktkauf, Real und die Discounter Textilien verkaufen?“ Das eigene Modehaus mit zwei Geschäften in Gütersloh und Bielefeld verfügt zwar auch über einen Online-Shop und bietet einen Abholservice an. Aber „es kommt kein Geld rein“, klagt der Unternehmer, der etwa seine im vergangenen Jahr bestellte Frühjahrs- und Sommermode bezahlen muss.

Auf die Frage, was jetzt mit der nicht verkauften Winterware geschieht, reagiert er mit einem Achselzucken. Die meisten seiner zwölf Mitarbeiterinnen befänden sich in Kurzarbeit. „Inzwischen haben wir fast drei Monate geschlossen und noch ist kein Ende in Sicht“, klagt Keisinger. Im vorigen Frühjahr habe es die Soforthilfe gegeben. Seither sei kein Geld geflossen. Es gebe ohnehin nur einen Zuschuss zu den Fixkosten. „Wir müssen aber neue Ware kaufen und bezahlen“, sagt der 56-Jährige.

„Die Politik hat versagt“

Der Politik wirft er „Totalversagen“ vor. Es sei nicht genügend Impfstoff bestellt und nicht ausreichend getestet worden. Es gebe keine Strategie für die Öffnung. Nicht nur Einzelhändler hätten darunter zu leiden, sondern auch Gastronomen, Selbstständige und andere.

Der Modehandel gehört auch in Gütersloh zu den Branchen, die vom wiederholten Corona-Lockdown am stärksten betroffen sind. Bereits im Januar wurde eine Protestaktion gestartet, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Dahinter stehen Uwe Bernecker vom Frankfurter Modelabel Funky Staff, ein Lieferant auch für das Modehaus Wörmann, und Günter Nowodworski, Inhaber der Agentur Now Communication. Auf der Internetseite Freundschaftsdienst.eu lassen sich die Plakate herunterladen, die jetzt in den Schaufenstern hängen.

Die ursprüngliche Idee war, Fotos von Geschäftsleuten mit den Plakaten in den digitalen Netzwerken zu verbreiten, um auf die missliche Lage aufmerksam zu machen. „Jetzt klagen wir“, heißt es nun auf der Internetseite. In einem vierstufigen Verfahren gehe es um Anträge auf Wiedereröffnung, Klagen auf Entschädigung, Klagen auf Auszahlung von Beihilfen und Schadensersatzklagen zusammen mit einer Prozessfinanzierungsgesellschaft. Die Berliner Kanzlei Schirp & Partner bereite zusammen mit Rechtsanwalt Siegried de Witt und Prof. Dr. Ingo Heberlein die Klagen vor. Alle klagewilligen Geschädigten könnten sich unverbindlich anmelden.

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