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So., 17.01.2016

Inklusion heißt auch, dass bestimmte Schultypen verschwinden – in OWL bereits spürbar Förderschulen bluten aus

Die Zahl der Förderschulen in OWL nimmt stetig ab. In diesem Schuljahr bildeten elf Schulen keine Eingangsklassen mehr. Das liegt unter anderem daran, dass der Rechtsanspruch auf Inklusion (gültig seit dem Schuljahr 2014/15) dazu führt, dass mehr Eltern ihr Kind an einer Regel- und nicht an einer Förderschule anmelden.

Die Zahl der Förderschulen in OWL nimmt stetig ab. In diesem Schuljahr bildeten elf Schulen keine Eingangsklassen mehr. Das liegt unter anderem daran, dass der Rechtsanspruch auf Inklusion (gültig seit dem Schuljahr 2014/15) dazu führt, dass mehr Eltern ihr Kind an einer Regel- und nicht an einer Förderschule anmelden. Foto: Jonas Güttler/dpa

Von Kerstin Eigendorf

Halle/Bielefeld (WB). Zahlreiche Förderschulleiter haben Angst um ihre Schulen. Den eigenen Namen in der Zeitung lesen will fast keiner. Zu groß ist die Unsicherheit. »Inklusion gefährdet Förderschulen«, sind sie sich einig – hinter vorgehaltener Hand. Fakt ist: Auch in OWL sinkt die Zahl der Förderschulen.

In diesem Schuljahr gibt es in Ostwestfalen-Lippe 67 öffentliche Förderschulen. 2008/2009 waren es noch 81. Soweit die Statistik. Was sie nicht auf den ersten Blick verrät: Von diesen 67 Schulen haben elf zu Beginn dieses Schuljahres keine Eingangsklassen mehr gebildet. Sie laufen also aus.

Förderschulen in OWL

Schuljahr 2015/16: 67*
Schuljahr 2014/15**: 73
Schuljahr 2013/14: 76
Schuljahr 2012/13: 77
Schuljahr 2008/09: 81

*   Elf dieser 67 Schulen laufen allerdings seit August 2015 aus.

** Rechtsanspruch auf Inklusion tritt in NRW in Kraft.

Albert Rohen, Rektor der Gerhart-Hauptmann-Schule in Halle, hat erlebt, was es heißt, um die eigene Schule zu bangen. Er ist einer der wenigen, der offen spricht: »Inklusion bringt vor allem Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen in Gefahr.« Weil viele Eltern lieber eine Regelschule für ihr förderbedürftiges Kind wählten, seit der Rechtsanspruch auf Inklusion – dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern – 2014 in Kraft getreten sei. Gerade bei Problemen im Lernverhalten.

Personelles und finanzielles Ausbluten von Förderschulen sind die Folge. Auch wenn NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) nicht müde wird zu betonen, sie wolle »keine Förderschulen abschaffen«. Ausnahmen bei der Mindestschülerzahl zu streichen spricht eine andere Sprache.

Spezialgebiet Lernen besonders gefährdet

Förderschulen mit den Schwerpunkten Sehen, geistige Entwicklung oder emotionale und soziale Entwicklung sind noch nicht so stark gefährdet wie die mit dem Spezialgebiet Lernen. Eltern sehen diese aktuell noch eher als geeigneteren Ort im Vergleich zur Regelschule – vor allem wegen der Mängel bei der Inklusion an Regelschulen.

Albert Rohen, Rektor der Gerhart-Hauptmann-Schule in Halle Foto: WB

Albert Rohen erkennt bereits in den Abläufen drastische Veränderungen. »Früher wurde allen Kindern mit festgestelltem Förderbedarf eine Förderschule angeboten. Seit Inkrafttreten des Rechtsanspruchs ist es anders. Eine Regelschule wird angeboten. Wenn Eltern doch eine Förderschule möchten, müssen sie das beantragen«, sagt er. Das führe dazu, dass viele Eltern die Regelschule bevorzugten. Dabei werde oft vergessen, welche Vorzüge Förderschulen bieten: von geringerer Schülerzahl über das Klassenlehrerprinzip bis hin zum Netzwerk aus Sonder-, Sozialpädagogen und anderen Experten. »Gerade an Regelschulen gibt es viel zu wenig Sonderpädagogen.«

»Hat das noch Sinn?«

Generell findet Rohen Inklusion sinnvoll. »Aber die Umsetzung hapert.« Auch er wusste bei sinkenden Schülerzahlen lange nicht, wohin die Reise geht. »Ich habe mich gefragt: Wie lange gibt es uns noch? Hat das noch Sinn?« Am Ende wurden zwei Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen im Kreis Gütersloh geschlossen. Zwei bleiben. Seine Schule wird Teilstandort ei­ner Schule. »Wir sind froh, dass unsere Schule bleibt.« Andere hätten nicht so viel Glück gehabt.

Auch Gabriele Starck-Karl beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Die Herforder Vorsitzende der Fachgruppe »Sonderpädagogische Berufe« der GEW sagt: »Momentan wird versucht, etwas zusammenzustricken.« Das Schulsystem aus Förder- und Regelschulen sei noch nicht an Inklusion angepasst. Und das gehe zu Lasten der Förderschulen

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Die Sache mit der Inklusion

Nun habe ich mein Kind ja nach bestem Wissen und Gewissen gefördert, wie es die Erzieherin für richtig hielt. Wir haben Logopädin und Ergotherapeutin in Anspruch genommen, damit unser Kind rechtzeitig zum Schulbeginn genauso fit ist, wie alle anderen auch. Das Problem des Stottern zieht sich zwar noch etwas, aber zumindest feinmotorisch wurden schnelle Fortschritte erzielt. Mittlerweile bekam das Kind gerade Striche hin und konnte seinen Namen schreiben. Der Einschulungstest war bestens verlaufen und ich beruhigt. Mit Vorliebe rechnete er im Kindergarten auch schon im Zahlenbereich bis 20 und drüber weg. Und so konnte er es nach diversen Schulbesichtigungen auch kaum noch erwarten endlich lesen, schreiben und rechnen lernen zu dürfen.

Doch spätestens nach der ersten Elternversammlung vor der Einschulung, fragte ich mich plötzlich ob unser Kind nicht vielleicht etwas zu gut vorbereitet wurde. Denn anstatt an den Wissensstand der Kinder anzuknüpfen und mit dem Erlernen des Alphabets zu beginnen, bestand der Schulalltag darin, Labyrinthe zu zeichen, Reime zu erkennen, Silben zu hüpfen oder Strichübungen zu machen, die ihnen seit der Kindergartenzeit zu den Ohren rauskamen.

Und auch wenn meinem Kind von der Ergotherapeutin mit Punkten auf den Händen die richtige Stifthaltung beigebracht wurde, wurde ich in der Schule eines Besseren belehrt. Dringend und unbedingt bräuchten die Kinder zur Einschulung dicke Bleistifte. Denn schließlich wären sie feinmotorisch noch gar nicht in der Lage mit normalen Buntstiften zu arbeiten.

Was lief nun verkehrt? Befand sich mein Kind im falschen Kindergarten? War die Erzieherin zu übereifrig? Oder lag es einfach am Konzept des Kindergartens? Haben die Kinder aus anderen Einrichtungen einen anderen Wissensstand, weil die den ganzen Tag nur mit Puppen und Autos verbracht haben?

Nein, des Rätsels Lösung hieß: INKLUSION!

Ziel ist es, lernschwache Schüler in normalen Klassen zu integrieren und so die Bildung von Förderklassen zu streichen. Doch wem soll damit geholfen sein?
Dem förderungsbedürftigem Kind, das trotz allem nicht weiter kommt, da die personellen Voraussetzungen einfach nicht gegeben sind? Dem durchschnittlich gut vorbereitetem Kind, das ebenso auf der Strecke bleibt, da die anderen die Klasse aufhalten?

Nun kann ein durchschnittliches Vorschulkind mindestens bis 20 Zählen und etwa im Zahlenraum bis 10 addieren. Da der Lehrplan der ersten Klasse in Mathematik nicht über den Zahlenraum bis 20 hinausgeht, habe ich also nicht viel Neues erwartet.
Erschüttert musste ich jedoch nach einigen Wochen feststellen, dass mein Kind in Mathematik nicht nur nichts dazu gelernt hat, sondern das Rechnen sogar verlernen konnte. Plötzlich mussten bei 5 + 3 unter dem Tisch die Finger befragt werden. Ich war fassungslos. Spätestens da war bei mir der Spaß vorbei!

Die Schüler werden erst einmal grundsätzlich auf ein einheitlich niedriges Niveau gedrückt, egal wo der Klassendurchschnitt liegt, damit dann gemeinsam damit begonnen werden kann, Stäbchen oder eben Finger zu zählen. Das solle so sein, um von Anfang an eine Diskalkulie zu verhindern.

Schicken wir dann demnächst jedes Baby - bevor es anfängt die ersten Worte zu plappern - zum Logopäden, um vom ersten BaBaBa an eine eventuelle Sprachstörung zu verhindern?


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