Do., 27.09.2018

Junger Versmolder wegen fahrlässiger Tötung verurteilt Wäre dieses Unglück vermeidbar gewesen?

Noch in der Nacht nach dem tödlichen Unfall wurden alle auffindbaren Beweismittel gesichert. Um Rutsch- und Kontaktspuren, Splitter, Sichtverhältnisse ging es jetzt im Gericht.

Noch in der Nacht nach dem tödlichen Unfall wurden alle auffindbaren Beweismittel gesichert. Um Rutsch- und Kontaktspuren, Splitter, Sichtverhältnisse ging es jetzt im Gericht. Foto: Grund

Von Klaudia Genuit-Thiessen

Halle (WB). Es war ein Unfall mit tragischem Ausgang: Frank Windmann (53) starb, weil ein junger Mann viel zu schnell mit dem Auto unterwegs war. Zwei Jahre und zwei Monate nach dem dramatischen Geschehen auf der Tatenhausener Straße ist der damals 20-jährige jetzt wegen fahrlässiger Tötung eines Menschen verurteilt worden. Allerdings nach Jugendstrafrecht.

Mehr als 20 Freunde und Familienmitglieder drängten sich im Saal des Amtsgerichtes, in dem das Verfahren gegen den jungen Versmolder komplett neu aufgerollt wurde. Und dabei hatten einige gar nicht mehr in den Raum gepasst, in dem Amtsgerichtsdirektorin Ina Lehmann-Schön viele »aufgeheizte Gemüter« erkannte.

Urteil nach fünf Stunden

Erst nach fünf Stunden verkündete Richterin Johanna Horstmann das Urteil: eine Geldbuße in Höhe von 4500 Euro. Zudem muss der Angeklagte für drei Monate seinen Führerschein abgeben und einen Verkehrserziehungskurs absolvieren.

Die Richterin bescheinigte ihm zum Zeitpunkt des Geschehens eine »relativ unreife Persönlichkeit« und eine »gewisse rücksichtslose Fahrweise«. Gleichwohl konnte sie keine besondere Schwere der Schuld feststellen.

BMW erfasst Radfahrer

An diesem Sommerabend des 7. Juli 2016 war der BMW-Fahrer deutlich zu schnell unterwegs. Den Wagen eines Zeugen überholte er noch auf der Straße Ravenna-Park in großem Bogen und preschte links an einer Verkehrsinsel vorbei. Ein weiteres Fahrzeug überholte er hinter dem Kreisverkehr und schon auf der Tatenhausener Straße. In Höhe der Tischlerei Beintmann querte der 53-Jährige um 23.27 Uhr die Straße.

Der Fahrradfahrer knallte gegen die Motorhaube und die Windschutzscheibe des BMW, flog aufs Dach und wurde nach rechts an den Fahrbahnrand geschleudert.

Viele Fragen

Ein Bekannter, der mit einigen Freunden gemeinsam ein Fußball-EM-Halbfinale im Fernsehen geschaut hatte und unmittelbar zuvor nach rechts auf die Tatenhausener Straße abgebogen war, sah in den Rückspiegel, als der BMW an ihm vorüberraste – und zwar mindestens mit 96 Stundenkilometern, womöglich sogar mit Tempo 110, wie Gutachter Ralf Otte von der Dekra feststellte.

Hätte eine Vollbremsung den Unfall verhindern können, wenn der Fahrer womöglich 0,6 Sekunden später am Kollisionsort eingetroffen wäre und der Radfahrer vielleicht schon ein oder zwei Meter weiter? Hat das Auto des Freundes möglicherweise für eine Sekunde die Sicht auf den Radfahrer versperrt, dessen Reifen durch sehr auffällige weiße Ringe das Licht reflektierten?

Wurfweiten, Abrieb- und Bremsspuren, deformierte Fahrzeugteile und Splitter, Rutsch- und Kontaktspuren – die Rekonstruktion des Unfalls erwies sich als eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die Weg-Zeit-Zusammenhänge wurden in zwei Gutachten untersucht, darunter ein lichttechnisches. Nur von einem Kollisionsversuch hat der Gutachter bisher wegen des erheblichen Aufwandes abgesehen.

Freispruch gefordert

»Ich würde alles tun, um den Unfall ungeschehen zu machen«, sagte der junge Versmolder, dessen Bundeswehr-Karriere durch den Unfall ein schnelles Ende gefunden hat. Sein Verteidiger Christian Kaminski forderte einen Freispruch, weil nicht auszuschließen sei, dass zwei menschliche Fehlverhalten zusammengekommen seien.

Doch dieser Sicht mochten sich weder Staatsanwältin Susanne Hartung noch Christina Lang als Vertreterin der Nebenkläger anschließen.

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