Fr., 09.11.2018

Frederkings Tagebuch: Halle erlebt das Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie »Mein Kaiser gefangen«

Ausgestattet mit der legendären Pickelhaube demonstriert die Garnisonswache Stärke auf dem Bahnsteig vor dem früheren Haller Bahnhofsgebäude. Auch die Soldaten beteiligten sich später an der Gründung der Republik.

Ausgestattet mit der legendären Pickelhaube demonstriert die Garnisonswache Stärke auf dem Bahnsteig vor dem früheren Haller Bahnhofsgebäude. Auch die Soldaten beteiligten sich später an der Gründung der Republik. Foto: Privatbesitz

Halle (WB). 100 Jahre ist es her, dass der Erste Weltkrieg sich dem Ende zuneigte. Halle als Garnisonsstadt wartete auf die Rückkehr der geschlagenen Soldaten, im ganzen Land herrschte Revolution. Am 9. November 1918 rief SPD-Politiker Philipp Scheidemann die Republik aus.

Für den überzeugten Monarchie-Anhänger Christian Frederking, den Rektor der Höheren Haller Privatschule, brach eine Welt zusammen. »Abdankung des Kaisers, Thronverzicht des Kronprinzen, Ebert Reichskanzler!« zitiert er die Schlagzeilen eines Extrablattes in seinem Tagebuch. »Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Das Unglaubliche, es ward Ereignis. Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!«

Wilhelm II wurde vom Reichskanzler »abgedankt«

Nun, gefangen war er nicht der Kaiser, aber sozusagen von Reichskanzler Max von Baden »abgedankt worden«, wie Historikerin Katja Kosubek in einem Beitrag für das virtuelle Museum »Haller Zeiträume« schreibt. Das ging zurück auf eine Forderung der revolutionären Parteien, um den Weg freizumachen für die Bedingungen der Alliierten und das Blutvergießen zu beenden. Wilhelm II., der ohnehin schon von Spa in Belgien aus »regierte«, setzte sich schon am 10. November ab ins holländische Exil.

Wilhelm Ellerbrake (mit Schnauzbart), später Bürgermeister von Eggeberg, mit Kameraden vor einem Erdbunker an der Westfront.

Ausgelöst worden war die Revolution in Deutschland durch den Aufstand der Matrosen in den Kriegshäfen, die den Befehl verweigerten, sich noch einmal in ein sinnloses Gefecht mit der alliierten Übermacht zu stürzen. »Diese Nachricht wurde am 6. November im Lande mit ihren Einzelheiten bekannt und rief ein ungeheures Aufsehen und zugleich einen furchtbaren Schrecken hervor. ›Das nun gerade beim Beginn unserer Verhandlungen mit unseren erbitterten Feinden!‹ – ›Also auch unser Heer nicht mehr fest, was soll dann aus uns werden?‹«

Auch in der Garnison Halle wurden Soldatenräte gewählt

Als sich für den Folgetag Matrosen in Halle angekündigt hatten, machten Major Saatweber und der damalige Amtmann mobil und ließen am Bahnhof eine Batterie Maschinengewehre aufbauen.

Die kamen allerdings nicht zum Einsatz, vielmehr musste Frederking für den 8. November in seinem Tagebuch vermerken, dass die Garnison Halle auf Republik-Kurs steuerte: »Schon ziemlich vorher versammelten sich die Soldaten auf unserem Schulplatze mit lachenden Mienen u. Pfeifen u. Zigarren im Munde, ohne Waffen, dann erschienen auch die Offiziere, und nun wurde hier in aller Ruhe ein Soldatenrat gewählt.« Dem gehörte als einer von drei Offizieren auch Major Saatweber an, was den im Ansehen Frederkings erheblich sinken ließ.

Der Schulrektor berichtet aber auch über seinen traurigen Gemütszustand und den der ganzen Stadt. Er schrieb sich Leid, Enttäuschung und Zukunftssorgen von der Seele. Freude oder zumindest Erleichterung über das Ende des Krieges und des Blutvergießens kam in seinem Haushalt nicht an.

Spendenaufruf für die heimkehrenden Soldaten

Allmählich kehrten nun auch die von Halle aus ausgerückten Soldaten zurück, von denen einige auch ein Quartier benötigten. Für den Einzug der geschlagenen Einheiten wurden nach Drängen der Obrigkeit wenigstens einige Girlanden über die Straßen gespannt.

»Was war aus unserm stolzen Heere geworden! Wofür hatte es viereinhalb Jahre gekämpft, gelitten u. geduldet.« Erschüttert wie die meisten Haller war auch Rektor Christian Frederking, wie das Zitat aus seinem Tagebuch beweist, über den Zustand der dezimierten Truppe, die im Dezember nach Halle zurückkehrte.

Die Bevölkerung wurde aufgerufen, von ihren Vorräten und Kleidung zu spenden, die Schulen wurden vorsorglich zu Notquartieren ausgeräumt und vorbereitet. Privatquartiere wurden nur ungern zur Verfügung gestellt, denn die Soldaten waren ausgezehrt, oft ungewaschen und brachten auch noch Krankheiten wie die spanische Grippe, Geschlechtskrankheiten und Läuse mit.

Zusammengetragen von Katja und Wolfgang Kosubek, mit Recherchen von Martin Wiegand. Der ganze Text im Internet.

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